Muss ich eigentlich Angebote annehmen?

Wir haben ein Wahlrecht. Keine Wahlpflicht. Menschen deutscher Staatsangehörigkeit haben ab einem bestimmten Alter das Recht, bei Bundestagswahlen ihre Stimme abzugeben. Ob sie Voll-Honks sind oder Intelligenzbestien, ob sie einen an der Ratsche haben oder wissen, wen sie warum wählen – das spielt keine Geige! Wählen sie, werden sie zu Wählern und bestimmen darüber mit, wer unser Land regieren darf. Tun sie das nicht, gehören sie zu Gruppe der Nicht-Wähler. Sie werden nach keiner Wahl als Wahl-Verweigerer bezeichnet! Wobei auch sie in gewisser Weise über die Regierung mitbestimmen!
Mitglieder der katholischen und evangelischen Kirche werden Gläubige genannt. Wer das nicht ist und auch keiner anderen Glaubensgemeinschaft oder keiner anderen Religion angehört, ist ein Nicht-Gläubiger, aber kein Glaubens-Verweigerer. Und die Scheiterhaufen werden nicht für sie entfacht!
Wenn mir im Kaufhaus, im Laden an der Ecke oder im Supermarktprospekt ein (Sonder-)Angebot angepriesen wird, ich das Angebot aber nicht in Anspruch nehmen will, schmäht mich niemand als Angebotsverweigerer. Ich bin lediglich jemand, der ein Angebot nicht annimmt – vielleicht bin ich ein kritischer Konsument, der hinter dem Angebot eine Verkaufsmasche sieht.
Allerdings:
Wenn mir ein Impfangebot gemacht wird, ich dieses Angebot aber nicht in Anspruch nehmen will, dann werde ich plötzlich zum Impf-Verweigerer. Ich bin dann nicht kritisch, sondern störrisch. Ich ticke nicht richtig! Ich werde zum Schädling! Ich tue etwas nicht, was plötzlich zu einer heimlichen Pflicht geworden zu scheint, obwohl es ein Recht ist, es nicht zu tun, das bisher noch jedem zusteht. Ein Recht, das gegenwärtig rund 25 % der Bevölkerung für sich in Anspruch nehmen!
Der letzte Verweigerer, der, gesellschaftlich gesehen, als Massenphänomen aufgetaucht ist, war der Kriegsdienstverweigerer. Der Kriegsdienstverweigerer nahm ein Grundrecht in Anspruch, wurde aber dennoch in der Bundesrepublik gerne und über Jahre als Negativfigur gesehen, obwohl er doch nichts anderes tat, als für sich ein Grundrecht zu reklamieren:
Artikel 4, Abs. 3 GG sagt:
„Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“ Mit der Abschaffung der Allgemeinen Wehrpflicht ist die Inanspruchnahme dieses Rechts allerdings so gut wie obsolet geworden.
Der „Impfverweigerer“ aber existiert, und er wird zum „Ungeimpften“ und als solcher stigmatisiert. Derjenige, der ein Recht in Anspruch nimmt, wird zu jemandem, der Schuld auf sich lädt, weil er verantwortlich sein soll für das Grassieren des Virus, denn wir haben mittlerweile, so liest und hört man, eine „Pandemie der Ungeimpften“ – Impfdurchbrüche und eine wachsende Zahl von Corona-Betroffenen, die zwei- oder sogar dreifach geimpft sind, hin oder her .

Aus einer politischen Krise, aus dem Staatsversagen bei der Bekämpfung eines Virus, wird die Schuld einer Gruppe, die ein Recht in Anspruch nimmt. Dabei sind die Gründe für diese Haltung völlig schnurz – wie es auch bei jemandem ist, der nicht zur Wahl geht. Die Gründe können dutzendfacher Art sein – blöd, klug, dumm, schlau, intellektuell begründet oder aus dem Bauch heraus formuliert. Wie bei denen, die gewählt haben. Keiner fragt danach – beide nehmen ein Recht in Anspruch. Nicht mehr und nicht weniger! Und die, die sich haben impfen lassen, haben ein Angebot angenommen, das der Staat ihnen gemacht hat. Ob ihre Gründe durchdacht waren oder sich aus Angst speisten, ob sie überhaupt nachgedacht haben – das ist schnurz. Mich hat jedenfalls niemand gefragt, ob ich mich aus guten Gründen impfen lasse! Denn niemand fragt nach Gründen, wenn man ein Recht in Anspruch nimmt.
Jedenfalls tritt im Moment der Impfverweigerer an die Seite des einstigen Kriegsdienstverweigerers. Der musste damals sein Gewissen vor einem fragwürdigen Tribunal (Ausschuss genannt) unter Beweis stellen. Der Impfverweigerer wird täglich vor ein mediales Tribunal gestellt und in seinen Rechten beschnitten. Er wird in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen ins Abseits gestellt. Beide, Kriegsdienstverweigerer und Nicht-Geimpfter, nehmen bzw. nahmen ein Recht in Anspruch: der eine gefährdete, so war zu hören, die (militärische) Sicherheit des Landes und seiner Bevölkerung, der andere gefährdet, so ist zu hören, jetzt die gesundheitliche Sicherheit bzw. die Stabilität des Gesundheitswesens. Dass es (politisch) Verantwortliche dafür gibt, dass die Bettenkapazität der Krankenhäuser abgebaut wurde, zehntausende Pflegekräfte fehlen, es Probleme mit der Impfstoffbeschaffung und Verteilung gibt, spielt keine Rolle. Als Sündenbock hat man ja den Impfverweigerer! Ihm kann man, wie es in (alttestamentarischen) Vorzeiten bei den realen Böcken, die zu Sündenböcken gemacht wurden, üblich war, die Hände auf die Schultern legen und ihm mit dieser Geste symbolisch die Schuld geben. Und ihn in die Wüste schicken!
Es gibt aber einen wichtigen Unterschied zwischen dem vormaligen Kriegsdienstverweigerer und denjenigen, die sich nicht impfen lassen wollen: Die Gewissensprüfung, die bei der Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer vorgeschaltet war, ist längst abgeschafft worden – wie die Wehrpflicht selbst.

Die Impfpflicht wird wohl eingeführt werden!
Weil man sich ja sonst nicht weiter zu helfen weiß!

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

12 Gedanken zu „Muss ich eigentlich Angebote annehmen?

  • 5. Dezember 2021 um 22:04
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    Nennen wir sie doch einfach Impfmuffel.
    Rechte und Freiheiten haben sich schon immer veränderten gesellschaftlichen, sozialen, ökonomischen, kulturellen Bedingungen angepasst, werden ständig neu ausgehandelt.

    Mancher Masken- und Impfmuffel scheint mir in den Schuhen des Michael Kohlhaas schlurfen zu wollen, nur dass es heute eher auf eine Farce zuläuft, als auf eine Tragödie.

    Immerhin zeigt sich an diesem Corona Konflikt mal wieder, dass die Deutschen traditionell Beharrer sind, während in anderen Ländern wilde Umstürze und Revolten abgehen (ich erspare uns allen das Bahnsteigkarten Bonmont von Lenin oder Stalin)

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  • 5. Dezember 2021 um 22:15
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    Du siehst tatsächlich Menschen, die keine Impfung möchten, als Menschen, die “ein Recht für sich in Anspruch nehmen”? Komische Formulierung…

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  • 5. Dezember 2021 um 23:23
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    @Heinz:”Rechte und Freiheiten haben sich schon immer veränderten gesellschaftlichen, sozialen, ökonomischen, kulturellen Bedingungen angepasst, werden ständig neu ausgehandelt.” Geschichtlich und auf lange Sicht schon, aber wer handelt jetzt neu aus:die Müll-auf-die-Straße- Werfer,die In-der-zweiten-Reihe-Parker, die Rechte-von-Frauen-Eingrenzer, die Muezzin-Rufer?
    @Mi.Lied:ja,sehe ich so. Solange es keine Impfpflicht gibt, ist es das Recht,sich nicht impfen zu lassen. Das kann saudumm sein, für jeden Einzelnen oder für die Gesellschaft oder beide. Viele Menschen nehmen das Recht in Anspruch, sich ungesund zu ernähren, keinen Sport zu treiben, sich kaputt zu saufen oder zu koksen,wahnsinnige Sportarten zu treiben, die Verletzungen oder den Tod provozieren. Alle diese landen im Gesundheissystem- auf die Kosten aller. Freiheiten können das Recht einschließen, sich gegen die Vernunft zu benehmen oder zu handeln.
    Ich weiß, dass es vernünftig wäre, beim Fahrradfahren einen Helm zu tragen. Mache ich nicht, weil ich das Recht habe, es nicht zu tun! Gegen die Vernunft ernähre ich mich nicht unbedingt gesund,weil ich die Freiheit habe. Unsere Gesellschaft gesteht uns in vielen Bereichen das Recht zu, uns falsch zu verhalten.
    Mir geht es zunächst um die Sprache: es war von einem Impfangebot die Rede, jedem sollte ein Impfangebot gemacht werden. Jetzt heißt es: die Impfbescheinigung soll nach etwa 6 Monaten ungültig werden. Dann soll man uns doch bitte ehrlich sagen: Ihr werdet euch Jahr für Jahr impfen lassen müssen,wenn ihr den Schutz wollt. Das wäre ehrlich und wohl auch von der Sache her richtig . Denn wir werden lernen müssen, mit diesem Virus zu leben!

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    • 7. Dezember 2021 um 7:15
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      @Bernd Matzkowski

      jetzt verstehe ich Dich besser. Ich hatte Deinen Text zunächst irgendwie so verstanden, als wenn die Nicht-Angebots-Annehmer so eine Art moderne Helden sind, die doch ganz unschuldig nur ihre Rechte in Anspruch nehmen (und damit auf den Rechten anderer rumtrampeln).

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  • 6. Dezember 2021 um 8:17
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    @Mi.Lied.

    ja. Besser, die Idioten gleich an die Wand oder internieren. Wie können sie es wagen.

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    • 6. Dezember 2021 um 13:04
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      Maskentragen fordert offenbar seinen Tribut, wenn der Charakter eines Menschen wie sein Antlitz zu einer hässlichen und entstellten Fratze verkommt.

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      • 7. Dezember 2021 um 7:13
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        @Mi.Rob.

        Was unterstellst Du Bernd Matzkowski denn da?
        Unglaublich…

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  • 6. Dezember 2021 um 8:29
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    @Bernd

    Thema Normverschiebungen, Faustrecht, Gesetz der Straße, folkloristische patriarchale Religionsethik: eine Gesellschaft, die islamistische Verbände mit Steuern finanziert, sich diesen als legitime Gesprächs- und Verhandlungspartner andient, bei anderen Gruppierungen die Kritik an unzivilisiertem Verhalten als Kulturfaschismus sieht, fleht um die Rücknahme der Aufklärung, der Menschenrechte, der bürgerlichen Freiheiten.

    Thema Freiheit zur Unvernunft: diese Freiheiten werden flankiert durch Kurse (z.B. Führerschein) Vorschriften und Verbote. Zum Teil um die Menschen vor sich selber zu schützen, zum Teil um die Gemeinschaft vor den Freiheits-Besoffenen zu schützen.

    Gurtpflicht, Rauchverbote, Impfpflicht (Masern etc.) Meldepflicht mit Geld- Gefängnisstrafen und Berufsverbote (!!!) bei bestimmten Krankheiten (z.B. Salmonellen) gab und gibt es immer schon. Was wir gerade wegen Covid19 verbissen aushandeln (Maske ja/nein, Impfen ja/nein, Kontaktverbote ja/nein) ist mindestens eine gute Notfallübung für kommende, gefährlichere Epidemien. Die wir uns selber zusammenbrauen durch Massentierhaltung und Fütterung mit Antibiotika.

    Ich verwette mein eingeschweißtes 5 Mark Stück darauf, dass wir dann mittelalterliche Szenen erneut nachspielen werden. Endzeitsekten, Lambertikäfige…. weil Politik und Gesellschaft sich weigert vorausschauend zu handeln.

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    • 6. Dezember 2021 um 9:23
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      vor allem aber weil Politik sich weigert(Wiederwahl), offen und ehrlich zu reagieren. Mir geht dieses Rumgeeiere auf die Nerven, dieses Eröffnen von Nebenkriegsschauplätzen, dieses sich nach Stimmungen in der Wählerschaft richten oder nach Inszenierungen von Bildern oder shitstorms. Von den Absurditäten einiger Entscheidungen völlig abgesehen.
      Ich bin gegen die Verlogenheit in der Sprache:dann soll man bitte eine Impfpflicht verhängen und es auch so nennen(wie eine Gurtpflicht oder bei der Masernimpfung oder ein Rauchverbot in Gaststäten) und den Zorn der Leute ertragen, aber eben nicht eine Gruppe durch die Hintertür eines Rechts berauben.
      Ich befürchte – erste Zeichen sind bereits deutlich zu sehen und zu hören – dass unter der neuen Regierung das Rumgeeiere (oder das Orwellsche Neusprech) noch zunehmen wird. Mehr Fortschritt wagen! Bedeutung: Mehr Einschränkungen, Verbote, Regeln – Konjunktur für die gepflegte Phrase!

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      • 9. Dezember 2021 um 16:38
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        So isses. Die nächste allgemeine Verunsicherung ist jetzt schon “on air” in der BLÖD: Besser warten auf den Booster? Weil biontec im März 22 was Neues auf den Markt wirft. Nicht mehr auszuhalten.

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  • 7. Dezember 2021 um 9:31
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    @Mich.Lied.
    Bernd Matzkowski finde ich super. Keine Bange.
    Finde auch nicht, dass er sich gegenüber seinen Mitmenschen radikalisiert hätte.

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  • 8. Dezember 2021 um 11:08
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    was kommt ainklich nach Boostern? frach ich mich, denn die omi will ja schliesslich unentschlossen nen Nachfolger

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