Wie eingeschlafene Füße

Eine Rede der Kanzlerin, die „historisch“ gewesen sein soll, aber Langeweile und Kopfschütteln hervorruft

In einigen (online-)Medien, etwa DER WESTEN, WAZ, FOCUS, N-TV, war zu lesen, die Kanzlerin habe am 18.3.2020 eine „historische“ Rede gehalten. Historisch war die Ansprache allerdings lediglich dadurch, dass sich die Kanzlerin, außer bei ihren üblichen Neujahrsansprachen, während ihrer gesamten Amtszeit bisher noch nie via TV an ihr Volk gewendet hat. Nachdem sie, wie oft in Krisensituationen, zunächst über Wochen abgetaucht war, nun also eine Fernseh-Offensive.

Zunächst aber zum Begriff der „historischen Rede“. Eine Rede, die man historisch nennen kann, ist, dem allgemeinen Verständnis nach, wohl eine Rede dann, wenn sie, über den konkreten Anlass hinaus, von historischer Bedeutung ist, also über größere Zeiträume nach Inhalt und rhetorischer Gestaltung herausragt.

Historisch können  – nur eine kleine Auswahl – etwa folgende Reden genannt werden: Otto Wels´ Rede im Reichstag gegen das „Ermächtigungsgesetz“ (23.3.1933), Ernst Reuters Rede am 9. September 1948 in Berlin anlässlich der Blockade der Stadt („Ihr Völker der Welt….Schaut auf diese Stadt…!“), Martin Luther Kings Rede aus dem Jahre 1961 („I have a dream“), John F. Kennedys Rede in Berlin vom 26.6.1963 („ Ich bin ein Berliner“ ), W. Brandts Rede im Bundestag im Jahre 1969 („Mehr Demokratie wagen“) oder Richard von Weizsäckers Rede aus dem Jahre 1985 („Wir müssen die Vergangenheit annehmen“).

Gemessen an diesen Beispielen wird die Fernsehansprache der Kanzlerin kaum die Phase des aktuellen Anlasses überdauern. Sie wurde, wie man es bei Merkel von anderen Gelegenheiten her kennt, nahezu emotionslos, ohne Bewegtheit in Stimme und Präsentation, vorgetragen, war eher von einschläferndem Tonfall, geeignet dazu, beim Zuhörenden  Obdormition  bzw. intellektuelle Parästhesie zu provozieren, also ein Gefühl im Kopf, wie man es sonst bei „eingeschlafenen Füßen“ empfindet, die  durch das zeitweilige Abklemmen eines Nervs und den dadurch  unterbrochenen Informationsfluss ans Gehirn entstehen.

Im Corona-Kontext enthielt die Rede nicht eine einzige Sachinformation, die der einigermaßen informierte Zeitgenosse in den letzten Tagen nicht bereits dutzendfach zur Kenntnis genommen hat (Maßnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung, auf Nähe verzichten, Hände waschen, Kontakte vermeiden etc.).Die Kanzlerin warb, wie schon viele andere vor ihr, um Verständnis für die eingeleiteten Maßnahmen (Schließung von Geschäften, Schulen, Kitas, Einschränkung öffentlicher Versammlungen wie Konzerte etc.).  Kein Wort aber auch  dazu, warum all diese Maßnahmen weitaus später erfolgten als etwa im benachbarten Österreich! Kein Wort übrigens auch dazu, dass nun offensichtlich doch Grenzschließungen möglich sind, was die Kanzlerin im Zuge der illegalen Einwanderungsströme 2015/2016 noch  als unmöglich bezeichnet hatte! Kein Wort, jedenfalls nichts Konkretes, vielmehr nur Beschwichtigungen zu den ganz praktischen Problemen für viele Menschen im Land, sowohl was die medizinische als auch die allgemeine Versorgungssituation angeht (fehlende Schutzmasken und Schutzausrüstungen in den Kliniken, das Fehlen spezifischer Alltagsgebrauchsgüter und Nahrungsmittel wie Toilettenpapier und Mehl).

Kein Wort, jedenfalls nichts Konkretes, zu den finanziellen Alltagsproblemen, die auf viele Menschen zukommen, stattdessen: „Die Bundesregierung tut alles, was sie kann, um die wirtschaftlichen Auswirkungen abzufedern (…).“

Dass die Bundesregierung dies tun will und tun muss, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, ergibt sich aus dem Amtseid der Kanzlerin und ihrer Regierungsriege, kann wohl erwartet werden, ist also keine besondere Leistung!

Aber vor allem: Kein Wort dazu, dass wir uns mittlerweile faktisch Elementen der Notstandsgesetzgebung, also der Einschränkung von Grundrechten,  ausgesetzt sehen, ohne dass allerdings der innere Notstand oder der Katastrophenfall nach dem „17. Gesetz zur Ergänzung des Grundgesetzes“ (Juni 1968) für die Bundesrepublik ausgerufen worden wäre – und zwar unabhängig davon, ob und dass die Einschränkungen sinnvoll und richtig sind, einige vielleicht sogar zu spät erfolgt sind. Vor diesem Hintergrund ist die folgende Passage aus Merkels Rede geradezu  obszön zu nennen: „Wir sind eine Demokratie. Wir leben nicht von Zwang, sondern von geteiltem Wissen und Mitwirkung. Dies ist eine historische Aufgabe und sie ist nur gemeinsam zu bewältigen.“ Der Souverän, das Volk, vertreten durch die Parlamentarier, ist an den Entscheidungen im Moment nicht beteiligt. Der Souverän wird lediglich aufgefordert, den täglich wechselnden Konsequenzen aus der Krise, also den jeweils verfügten Maßnahmen, zu folgen. Dies mag in der gegenwärtigen Situation gerechtfertigt sein – aus medizinischen Gründen –ist aber kein Zeichen von Transparenz, Beteiligung oder gar „Mitwirkung“!  Mitwirkung heißt in Merkels Rede nämlich: Das Volk ist zum Vollzug der Maßnahmen aufgefordert, die immer erst im Nachhinein „erklärt“ werden. Mit den Worten der Kanzlerin: „Dies ist eine dynamische Situation, und wir werden in ihr lernfähig bleiben, um jederzeit umzudenken und mit anderen Instrumenten reagieren zu können. Auch das werden wir dann erklären.“

Die Kanzlerin bedient sich an einer Stelle ihrer Rede des Stilmittels der Correctio, also der Selbstberichtigung. Dieses Stilmittel dient der Betonung, der Verstärkung und  der Dynamisierung einer Aussage  und soll zugleich den Eindruck erwecken, die Korrektur des Sprechers erfolge im Akt des Sprechens selbst, erfolge also selbstreflexiv und spontan zu gleich.

Die Stelle der Rede im Wortlaut: „Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“  Sehen wir einmal von der Grammatik ab, also dem falschen Tempus (ankommt statt ankam), so zeigt sich hier ein sehr fragwürdiges  Geschichtsverständnis: Der Zweite Weltkrieg war also nach Merkel eine Herausforderung an unser „gemeinsames solidarisches Handeln“? Wie ist das gemeint? Der Zweite Weltkrieg war ein von Nazi-Deutschland begonnener Eroberungskrieg, er war ein Verbrechen und keine „Herausforderung an unser gemeinsames solidarisches Handeln“! Wer ist denn in diesem Falle mit dem „wir“ (unser Handeln) gemeint? Die „Volksgemeinschaft“ ? Meint Merkel die  Solidarität der „Heimatfront“ mit den kämpfenden Soldaten?

Wahrscheinlich – ich hoffe es jedenfalls – meint sie das nicht. Aber Merkel – oder ihr Redenschreiber – irrlichtert hier in nahezu naiver Weise durch die Geschichte, um die Bedeutung der gegenwärtigen Krise zu betonen und um, das unterstelle ich jetzt einmal, damit zugleich die Führungskraft Merkels zu unterstreichen.

Ihre Kanzlerschaft wird – im Rückblick der Geschichts- und Politikwissenschaften –  sicher auch durch die  Bewältigung dieser Krise  beurteilt werden. Und da zieht sich  Merkel mit dieser Passage sehr große historische Stiefel an – und gerät sogleich ins Stolpern.

Nein, diese Rede kann nicht „historisch“ genannt werden! Sie ist über weite Strecken trivial, weil längst Bekanntes im Corona-Kontext  nur aufgewärmt wird, ergänzt durch Banalitäten. Selbstverständliches wird uns als Leistung der Regierung angedient. Die politische Kernproblematik (Abbau von Bürgerrechten versus medizinische Notwendigkeit) wird phrasenhaft umgangen. Und mit ihrem historischen Vergleich leistet sich Frau Merkel eine Verirrung, die neben der Langeweile beim Hören oder Lesen der Rede nur eins zurücklässt:

KOPFSCHÜTTELN!

 

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

12 Gedanken zu „Wie eingeschlafene Füße

  • 20. März 2020 um 9:39
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    Eine Ansprache im Stile einer Amtsvorsteherin beim örtlichen Finanzamt

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  • 20. März 2020 um 16:02
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    Ich gebe dir recht, historisch im Sinne von inhaltlich wegweisend war die Rede nicht, maximal aufgrund der Tatsache dass Merkel dieses Mittel der TV-Ansprache bisher noch nicht genutzt hat. Was ihre Formulierung zum 2. WK angeht, war sie sicherlich nur ungeschickt gewählt. Es ging ihr ja wohl darum auf die einzigartige Situation seit Bestehen der BRD hinzuweisen und nicht darum, den 2. WK als solidarische Aktion der Volksgemeinschaft zu verherrlichen.

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    • 20. März 2020 um 16:04
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      Weder inhaltlich noch emotional wegweisend.

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  • 20. März 2020 um 16:05
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    @Fr.Pre.: Dafür wurde im Kanzleramt bereits bewiesen wie schnell sich eine Kurzarbeiterregelung umsetzen lässt.

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  • 20. März 2020 um 16:14
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    Was für ein Jammer, dass nicht die Redaktion HerrKules unser Land regiert, zumindest aber die Reden der Kanzlerin und des Gesundheitsministers schreiben darf. Wirklich ein Jammer.

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    • 20. März 2020 um 17:26
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      Finde ich auch- nur: die besseren Reden, in denen solche fragwürdigen Aussagen wie die zum II. WK sicher nicht vorkämen und die nicht lediglich aus Ansammlungen von Gemeinplätzen bestünden, würden dann trotzdem von der Kanzlerin beim Vortrag verhunzt. Insofern müssen wir erst einmal mit der Situation und dieser Kanzlerin leben und dürfen „historische Reden“ nur kritisieren. Etwa die Formulierung der Kanzlerin: „Wir leben nicht von Zwang, sondern von geteiltem Wissen und Mitwirkung.“ Von Zwang leben? Man kann „vom Brot leben“, aber nicht nur, deshalb auch die schöne Aussage „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein! Aber „vom Zwang leben“? Und „geteiltes Wissen“? Wer teilt hier mit wem Wissen? Und wie groß sind die Anteile , die wer jetzt nochmal hat? Mitwirkung? Jetzt werden doch im Moment Bürgerrechte und Freiheitsrechte abgeschafft, Grundrechte sogar. Wer hat denn an der Entscheidung „mitgewirkt“? Werden wir nicht längst von den Virologen des RKI regiert? Das wäre ein schönes Thema gewesen für eine Rede derjenigen Frau, die die Richtlinien der Politik bestimmen soll. Stattdessen: eine gedankliche und sprachliche Bettelsuppe! Die aber ganz offensichtlich von einigen gerne gelöffelt wird! Ein Jammer!

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  • 20. März 2020 um 17:32
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    Der Mensch lebt nicht vom Brot allein:
    siehe 5 Mos 8,3 und Mt 4,4 (AT und NT)

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    • 20. März 2020 um 22:38
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      B.M., sie ist halt keine Germanistin.

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      • 21. März 2020 um 15:02
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        @Bi.Weh.
        … aber ihr Redenschreiber sollte es sein…

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  • 20. März 2020 um 20:35
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    ich muss Frau Schnellmerkel hier wohl mal in Schutz nehmen! Sie hat es geschafft, dass ich auf dem Sofa bleibe… bin nach 39 Sekunden ihrer Rede auf dem Sofa eingepennt.

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  • 20. März 2020 um 22:39
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    Ich finde es auch ganz erstaunlich mit welch rasender Geschwindigkeit hier wesentliche Grundrechte außer Kraft gesetzt werden. (Und die Leute schreien danach.) Aber über 600 Corona-Tote in Italien sind eben auch Fakt. Angstmachender Fakt. Und wenn Angst regiert, sind die Menschen offenbar gewillt, alle möglichen Einschränkungen zu akzeptieren.

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  • 21. März 2020 um 13:26
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    Eine kleine Korrektur:
    In seinem heute (in der papierenen Gelsenkirchener Lokalausgabe der WAZ) veröffentlichten Interview nimmt OB Frank Baranowski eine kleine Korrektur an der Merkel-Rede vor, indem er falsch (!) zitiert. Auf die Frage, ob die gegenwärtige Phase die schwerste Krise seiner Amtszeit sei, antwortet er u.a.: „Die Kanzlerin hat völlig Recht, dass dies eine Situation ist, die wir seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges so noch nicht erlebt haben.“ Das ist natürlich, eng gesehen, auch ein Allgemeinplatz, aber, wenn Baranowski von der Phase nach dem Ende des II. Weltkriegs spricht, immerhin historisch nicht so missverständlich formuliert wie der Merkel-Sprech! Gleichwohl: Historische Vergleiche haben immer etwas Problematisches. Der Vergleich mit der Phase nach dem II. Weltkrieg etwa dadurch, dass damals Mangel an allem herrschte – nicht nur an Toilettenpapier und Mehl, sondern an jeglicher Nahrung, auch an Heizung und Wohnraum, von Arbeitsplätzen und einer im Grunde intakten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Struktur ganz zu schweigen. Dass Deutschland in Trümmern lag, unter Militärbesatzung stand und mit all den Folgen des Krieges und der NS-Diktatur zu kämpfen hatte, schließt eine historische Bezugnahme schon von vornherein aus. Von daher verbietet sich recht eigentlich schon dieser Vergleich!
    Er hat, ebenso wie der historisch ebenfalls zweifelhafte Bezug zur Phase der Wiedervereinigung, den Merkel herstellt, mit Problemen, die ganz andere waren als im Moment, nur die Funktion, sie selbst in einen historischen Kontext zu setzen und sie dadurch zu überhöhen. Vielleicht aber wird diese Krise, die wir hoffentlich bald überstanden haben, später als Merkels Menetekel gesehen: Man hat sie gewogen und zu leicht gefunden (siehe Daniel 5, 13-28)!

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