Ach, Martin!

 

Fast ein Jahr ist seit der letzten Bundestagswahl vergangen (24.September 2017), bei der die SPD mit 20,5% das schlechteste Ergebnis ihrer Bundestagswahlgeschichte einfuhr, obwohl sie zeitweilig dem Irrglauben verfallen war, mit Martin Schulz das Tor zum Kanzleramt weit aufstoßen zu können. Doch der über Wochen als nach Jesus zweiter Mensch gehandelt wurde, der über Wasser laufen konnte, entpuppte sich, vom Wahlergebnis her gesehen, als Desaster. Nicht nur für seine Partei, sondern besonders auch für ihn selbst, dessen Karriere im Bundestag schon beendet war, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Er verlor das Amt des Parteivorsitzenden, wurde nicht Mitglied der Regierung, wurde auch nicht Fraktionsvorsitzender, sondern reihte sich irgendwo zwischen den Bänken der Führungskräfte und den Hinterbänklern der SPD-Fraktion ein. Aus dem Präsidenten des Europäischen Parlaments wurde der 08/15-Abgeordnete Schulz, von dem man bis zur gestrigen Bundestagsdebatte so gut wie nichts mehr hörte.

Diese in wenigen Monaten zerstörte Karriere mit der nur wenige Wochen dauernden Phase vom Heilsbringer zum Buhmann muss in dem Ex-Bürgermeister der Gemeinde Würselen nahezu traumatische Befindlichkeiten ausgelöst haben. Anders ist sein Auftritt bei der gestrigen Bundestagdebatte kaum noch zu erklären, wo er in Richtung AfD das Gespenst des Faschismus an die Wand malte , so als befände sich das Parlament kurz vor der Abstimmung über ein „Ermächtigungsgesetz“, mit  dem die AfD die Macht an sich reißen wollte, während sich draußen vor dem Parlament schon die braun gewandeten Schläger-Horden unter Absingen des Horst-Wessel-Liedes zu einem Fackelzug formierten.

Der, wie er sich auf seinem Twitter-Account selbst bezeichnet, „glühende Sozialdemokrat“ (Martin Schulz Verifizierter Account @MartinSchulz  Glühender Sozialdemokrat.) steigerte sich von der Lautstärke und der Gestik (Zeigefinger in Richtung auf AfD-Gauland) her zu einem hyperventilierenden Rumpelstilzchen, das in einer Schimpfkanonade verglühte, als er, beim vermeintlichen Höhepunkte seiner Rede angekommen, meinte feststellen zu müssen, Alexander Gauland gehöre auf den „Misthaufen der Geschichte“.

Alles vorgetragen mit einem vor Hass zur Kenntlichkeit entstellten Gesicht, einem sich steigernden Furor in der Stimme und einer pathetischen Grundierung, so als hänge die Rettung der gesamten Menschheit an seinem Beitrag.

Angestrengt-atemlos nahm er dann wieder Platz, um diesen und den Plenarsaal– obwohl es doch um Wohl und Wehe der Republik ging – nach einiger Zeit zu verlassen, ohne den weiteren Gang der Debatte zu verfolgen. Wohin? Ob er nach Brüssel eilte oder ins heimatliche Würselen oder sich einfach nur auf der Bundestagstoilette übergeben musste, weil der Mann mit der hässlichen grünen Hundekrawatte seine Tirade lediglich mit einem lakonischen „Das ist nicht mein Niveau!“ beantwortet hatte, ist mir nicht bekannt.

Souverän war dieser Martin-Auftritt jedenfalls nicht! In mir kamen Erinnerungen hoch an das HB-Werbemännchen, das, bevor es explodierte, immer mit dem Spruch konfrontiert wurde: „Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Greife lieber zur HB!“

Und ich erinnerte mich an den Tag nach der Wahl. Da hatte Martin Schulz vor der versammelten Presse noch gesagt, er „wolle Wähler zurückgewinnen, die die SPD verloren hat. Dabei helfe ihm die Fähigkeit, einen ´respektvollen Dialog` auch mit politischen Gegnern führen zu können.“ (Quelle: Focus online)

Irgendwie muss Martin Schulz diese Fähigkeit in den Monaten seit der Wahl wohl abhanden gekommen sein.

Ach, Martin!

 

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

Ein Gedanke zu „Ach, Martin!

  • Lucius Leuchtenträger
    14. September 2018 um 9:10
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    Ganz offensichtlich ist es dem Martin unangenehm, dass er sich zu diesem Angriff auf Gauland hat hinreißen lassen. In dem auf twitter eingestellten Video seiner Rede fehlt die genannte Schlusspassage. Das Video endet damit, dass Schulz, umringt von stehenden und ihm applaudierenden Fraktionsmitgliedern, zu sehen ist. Seit langer Zeit mal wieder Anerkennung – da darf man die eigene Rede auch schon mal in Selbstzensur beschneiden. Eine peinliche Selbstinszenierung im Parlament wird durch eine peinliche Videoaufbereitung ergänzt! Und der deutsche Faschismus bzw. die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten werden durch den hirnrissigen Vergleich,den der mal wieder die Nazi-Keule schwingende Schulz zieht und den die SPD frenetisch beklatscht, zu einem Allerweltsvorgang verkleinert.
    Jämmerlich!

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