ELEVATOR´S GOING UP! (38)

Heute mit: Katharsis, Teak-Holz und Verstorbenen

Aristoteles verdanken wir die ersten Umrisse der Katharsis-Theorie, die er in seiner „Poetik“ in der Beschäftigung mit der Wirkung der Tragödie als Theaterform entwickelt hat. Ursprünglich war der Begriff durchaus ganz konkret zu verstehen: Katharsis (Reinigung) also etwa als Reinigung von heiligen Gefäßen, so wie beim christlichen Abendmahl die Reinigung des Kelches.
Aristoteles hob auf die, modern gesprochen, psychologische oder seelische Wirkung der Tragödie ab, ihm ging es um die Reinigung von Gemütsaffekten durch Jammer (eleos) und Schauder (phobos), häufig auch „übersetzt“ als „Reinigung durch Furcht und Schrecken“, die wir angesichts des Schicksals des Helden und der gezeigten Macht der Götter empfinden. Die in der Tragödie dargestellten Vorgänge führen, so Aristoteles, zur Katharsis: so tritt etwa an die Stelle von Hybris Demut.
Man könnte meinen, das gegenwärtige Regierungshandeln sei der Versuch, die aristotelische Katharsis in den Bereich der Politik und den Alltag der Bürger zu übertragen. Ganz vorne dabei ist Markus Söder, der jüngst mit einem drastischen Vergleich kathartische Wirkung zu erzielen versuchte. „Wir dürfen keine Zeit verlieren. Die Todeszahlen sind aktuell so hoch, als würde jeden Tag ein Flugzeug abstürzen“, soll Söder in der Runde mit der Kanzlerin und den Länderfürstinnen und –fürsten gesagt haben (siehe: https://www.welt.de/politik/deutschland/article220993632/Markus-Soeder-Todeszahlen-so-hoch-als-wuerde-jeden-Tag-ein-Flugzeug-abstuerzen.html).
Wem bei diesem Bild nicht der Schrecken in die Glieder fährt, wem da nicht die Furcht renitentes Gedankengut austreibt, so wohl die Auffassung von Söder, der kann nur ein hartnäckiger Corona-Leugner, ein Verschwörungstheoretiker oder ein Rechter von ganz außen rechts sein und muss durch harte Maßnahmen erzogen werden.
Stand 26.11.20 sind laut RKI bisher in Deutschland (an und mit) Corona 15160 Todesfälle zu verzeichnen – über 15000 Tote also, hinter denen Leid, Verzweiflung und Trauer von Angehörigen, Freunden und Bekannten aufleuchten. Und dass die Zahl der von Corona Betroffenen nun in Deutschland die Marke von 1 Million überschritten hat, macht deutlich, dass wir hier nicht über Pillepalle reden. Und genau deshalb ist das von Söder erzeugte Schreckensbild so fatal, denn ein Flugzeugabsturz ist in den meisten Fällen durch technisches oder menschliches Versagen verursacht und, einmal eingetreten, wohl kaum noch aufzuhalten. Hier aber geht es um einen „Gegner“, den rational (wissenschaftlich) zu erkennen möglich ist, den wir beherrschen, wenn auch nicht besiegen können, wie es bei anderen Viren auch der Fall ist, mit denen zu leben wir gelernt haben, weil wir mit ihnen leben müssen. So etwa mit der jährlich auftretenden Grippe.
Dazu bedarf es allerdings keiner söderschen Zuchtmeisterei auf der Basis von Schreckensvergleichen!



Schon lange nichts mehr von der GORCH FUCK – sorry, blödes Wortspiel! – von der GORCH FOCK gehört, jenem Segelschulschiff, das für die Schifffahrt ungefähr das ist, was der BER für die Luftfahrt und Stuttgart 21 für die Bahnfahrt ist: einen Millionengrab. Das Schulschiff ist bei Renovierungskosten von 10 Millionen Euronen gestartet und mittlerweile bei schlappen 135 Millionen angekommen, ohne schon im Zielhafen vor Anker gegangen zu sein. Und jetzt auch noch das: im und am Schiff soll „Burma Teak“ verbaut worden sein, eine Teak-Holz-Sorte, die wahrscheinlich illegal in Myanmar durch Abholzung von Regenwald geschlagen worden ist, so jedenfalls der WWF, und ansonsten gerne in Super-Luxus-Jachten von Super-Reichen verbaut wird. Aber hallo: Wenn schon sonst nichts mehr richtig funktioniert bei Luftwaffe, Heer und Marine, dann soll doch wenigsten das, was nicht funktioniert, gut aussehen. Und falls die Gorch Fock irgendwann tatsächlich noch einmal ausläuft (und hoffentlich dabei nicht vollläuft), dann sollen auf dieser Reise die zukünftigen U-Boot-, Lenkwaffenzerstörer- und Fregattenkapitäne doch noch Eindrücke von der richtigen Seefahrt bekommen, wahrscheinlich inklusive Skorbut durch Mangelernährung und Tripper durch Hafenbordell-Besuche, und sich dabei doch wenigstens stilvoll die Welt ansehen können.


Mit Gedenkfeiern ist das halt so eine Sache! Es kommt immer darauf an, wem das Gedenken gelten soll und wer eine solche Gedenkfeier wünscht. So hat die SPD-Landtagsfraktion eine Gedenkveranstaltung für die Corona-Toten vorgeschlagen. Eine Antwort der anderen Landtagsfraktionen steht noch aus. Bei der konstituierenden Sitzung des Rates der Stadt Gelsenkirchen hat die AfD-Fraktion eine Gedenkminute für die Opfer des Terroranschlages von Wien gefordert. Nun kann man über die Sinnhaftigkeit des Antrags lange diskutieren und man kann auch unterschiedlicher Auffassung sein. Eine Vertreterin der GRÜNEN hat, laut WAZ, den Antrag abgelehnt mit den Worten: „Ich möchte nicht zulassen, dass das Andenken an die in Wien verstorbenen Menschen durch die AfD für deren rassistische und durchschaubare Ideologie instrumentalisiert wird.“
Gegen rassistische Ideologien bin ich auch – allerdings bin ich auch für eine klare Sprache, die nichts ideologisch verschleiert: Die Toten von Wien, um die es in dem Antrag ging, sind nicht „verstorben“, etwa an Corona, sondern sie sind ermordet worden! Und dies im Namen einer Religion, die Morde religiös rechtfertigt und Meinungsfreiheit hasst. Welche Religion das ist, wollte die Sprecherin der GRÜNEN wohl nicht hören! Das ist ziemlich durchschaubar, wie halt manche ideologisch gefärbte Einstellung!

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

Ein Gedanke zu „ELEVATOR´S GOING UP! (38)

  • 27. November 2020 um 17:08
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    Mit etwas Humor kann man gelassen ertragen, dass die AFDler sich antiautoritär gebärden, Aktionsformen der Spontis übernommen haben (Löcher-Netz-Mund-Nasenmaske im Bundestag) und wahrscheinlich demnächst noch als Nachfolger von Teufel-Langhans gehandelt werden.

    Komplizierter wird es schon, wenn sich revolutionäre Rentner auf Anti-Corona-Demos als antifaschistische Widerstandskämpfer inszenieren und dafür von neben ihnen stehenden waschechten, lebendigen Faschisten Beifall bekommen.

    Völlig in die Binsen geht, wenn junge Grüne agieren wie altes Establishment und um höherer Ziele Willen, beunruhigenden Vorgängen keinen Namen geben.

    Wie soll das nur im Gelsenkirchener Rat weiter gehen, wenn schon beim ersten AfD Auftritt kein anderes Ratsmitglied so viel Esprit, Chuzpe oder einfach Anstand hat, um diesen „Wir führen die Etablierten vor“ Antrag, zu einem „Wir trauern um die Menschen“ Antrag umzuwidmen?

    Wird es dazu kommen, dass in Gelsenkirchen der Tag zur Nacht erklärt wird, weil die AfDler behaupten, dass die Sonne morgens aufgeht?

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