Ausnahmsweise…

Über meine eigenen Befindlichkeiten schreibe ich hier normalerweise nicht. Normalerweise schaue ich allerdings auch keine von diesen Dokumentationen in ARD oder ZDF über Ernährung, Klimawandel, Risiken des Alltagslebens, Gesundheit, Betrugsmaschen von Handwerkern oder die neuen Varianten des Enkeltricks.

Gestern habe ich das dann doch einmal ausnahmsweise getan, und das ist auch die Erklärung dafür, dass ich ausnahmsweise einmal etwas über meine Befindlichkeit schreibe.

Was ich gesehen habe, war eine Dokumentation über Medizintechnik. Vielleicht deshalb, weil eine mir sehr nahestehende Person im medizinischen Bereich tätig ist.

Das, was ich zunächst festhalten will, ist mein Erschrecken. Mein Erschrecken darüber, wie fahrlässig mit Medizinprodukten gehandelt wird, die Menschen in den Körper gepflanzt werden, also z.B. Brustimplantate, Gelenke, Insulinpumpen und Bandscheiben aus Plastik. Es wurden Beispiele gezeigt von Gelenken, die im Körper Abriebpartikel freisetzen, von Insulinpumpen, die lebensgefährlich falsche Dosen abgeben, von Bandscheibenimplantaten, die im Körper zerbröseln. Für  die Betroffenen mit dauerhaften Schmerzen verbunden, die  Operationen nötig machen, die den angerichteten Schaden reparieren sollen. Oder aber auch Folgen zeitigen wie Lähmungen, die irreparabel sind und die Lebensqualität dauerhaft schädigen. Bis hin zu Krebserkrankungen oder dem Tod als Folge dieser mangelhaften Produkte.

Dieses Erschrecken wurde aber vor allem dadurch befeuert, dass ich mir meiner Naivität bewusst geworden bin. Ich habe nämlich bisher wie selbstverständlich angenommen, dass medizintechnische Produkte ähnlich strengen Prüfungen und Anforderungen unterworfen sind wie Medikamente, bevor sie eine Marktzulassung bekommen. Dem ist aber nicht so. Auf dem Markt dieser Produkte herrscht das Modell der privaten Zertifizierung.

Organisationen wie der TÜV oder die DEKRA bekommen diese Produkte zur Zertifizierung vorgelegt. Selten sind es Mediziner, unabhängige Wissenschaftler vom Fach, die an den Verfahren beteiligt sind. Die Medizintechnik-Unternehmen können  Untersuchungen (etwa Prüfreihen unter Anwendung von Tierversuchen), die sie selbst durchgeführt oder in Auftrag gegeben haben und die nicht von Dritten gegengelesen und überprüft worden sind, zur Begutachtung des Produkts einreichen.

Zugleich sind sie durch ihre Prüfaufträge wichtige Kunden der (privatwirtschaftlich organisierten) Prüfanstalten oder Prüfinstitute. Kunden, die man vielleicht nicht  durch die Ablehnung bzw. negative Bewertung eines Produktes verlieren möchte, denn das  Geschäft mit medizintechnischen Produkten ist ein Milliardenmarkt.  So ist es eben so, dass am selben Schreibtisch ein Staubsauger und eine Insulinpumpe ihr Zertifikat erhalten können, dass derselbe Sachbearbeitet morgens vielleicht über die Zulassung eines Toasters und am Nachmittag über die Zertifizierung  eines neuen künstlichen Hüftgelenks entscheidet.

Eine längere Passage des Beitrags widmete sich der Firma Meditronics, dem Branchenriesen überhaupt , der sich nicht nur immer wieder mit Beschwerden über mangelhafte Produkte und entsprechenden Klagen vor Gericht auseinandersetzen muss, sondern auch mehrfach und massiv  mit dem Vorwurf der Bestechung von Ärzten, Krankenhausleitungen oder Mitarbeitern von Autoren medizinischer Fachzeitschriften konfrontiert worden ist.

Nun ja: Mein Herzschrittmacher ist ein Modell der Firma Meditronics. Er läuft seit sieben Jahren offensichtlich einwandfrei, wie die halbjährlichen Kontrollen im Krankenhaus zeigen. Dass er da sitzt, wo er sitzt, und seine Arbeit tut, hat mir bis gestern Abend sehr viel Ruhe und Gelassenheit geschenkt (und vielleicht sogar das Leben verlängert).

Aber in zwei Jahren etwa ist ein Batteriewechsel nötig, da wird Altes ausgebaut und Neues eingebaut. Ob die dann zum Einsatz kommende Baureihe von einem Menschen freigegeben worden ist, der ansonsten Fahrradluftpumpen auf ihre Standsicherheit und Handrührgeräte auf ihre Drehzahl hin überprüft, weiß ich natürlich nicht. Aber verunsichert bin ich schon.

Vielleicht hätte ich mir doch bessere treu bleiben und diese Sendung nicht anschauen sollen. Dann wäre ich in Bezug auf mein Leben als Mini-Cyborg auch weiterhin gelassen und ruhig! Und dann wäre auch dieser Beitrag nicht entstanden!

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

3 Gedanken zu „Ausnahmsweise…

  • Reimar Menne
    28. November 2018 um 17:11
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    Der normal aufmerksame Beobachter der öffentlich gewordenen Informationen konnte in der Vergangenheit bereits Statistiken über regionale (Über)aktivität von operierenden Orthopäden in der Chirurgie der Wirbelsäulenerkrankungen, Häufung von interventioneller Schmerztherapie, letztens über Stenteinlagen bei Herzkranzgefäßverengungen, über medikamentöse Übertherapie u.a. bei psychischen Störungen, über massiven Meinungskampf gegen Impfskeptiker und Verleugnung von nachgewiesenen Folgen der Impfungen, Geschäftemacherei bei Transplantationen und Organraub lesen. Da frage ich mich und den Autor dieses Statements (nicht ironisch sondern suchend): woher das Vertrauen? Ist es immer da, wenn eine Lösung unserer eigenen mechanisch-chemischen Leibesvorstellung entspricht und rasche Abhilfe eines Symptoms oder anderen Angstschutz bietet? Brauchen wir jetzt aus dem akuten Erschrecken mehr Kontrollen? Es scheint so, aber wird uns das helfen? Eher nein.
    Wer trüge denn sein eigenes Leid lieber als das „verschuldete“ durch Fehler der Versorger, und wer kann bei vernünftiger sachlich abgewogener Entscheidung für fremde Hilfe den unvermeidlichen Fehler („was passieren kann, passiert“) mit ertragen? Auch das sind nicht wenige, bewundernswert vertrauensvolle Persönlichkeiten.
    Immerhin, kritische Bereitschaft zur eigenen Urteilsbildung, sence oft meaningfulnes, und trotzdem Fragen nach den erkannten oder absichtsvoll nicht erforschten Risiken wären mein Vorschlag zur weiteren Stützung eines eigenen Urteils.

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  • Bernd Matzkowski
    28. November 2018 um 23:35
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    Da ich gefragt worden bin („woher das Vertrauen?), antworte ich gerne:

    Wenn ich in einen Aufzug einsteige, habe ich Vertrauen in die Hersteller des Aufzugs und die Monteure, die den Fahrstuhl eingebaut haben. Wenn ich in mein Auto einsteige, habe ich Vertrauen in die Hersteller von Bremsflüssigkeit. Wenn jemand zu mir ins Auto steigt, tut er das im Vertrauen darauf, dass ich achtsam und sicher fahre.
    Wenn ich zu Dr. Menne in die Praxis käme, hätte ich Vertrauen in seine Fähigkeiten und seine Integrität. Ich würde ihm nicht unterstellen, dass er mir aus ideologisch verblendeten Gründen etwas empfiehlt oder nicht empfiehlt und keine Gedanken daran verschwenden,ob er von einer Lobbygruppe -egal welcher- geschmiert worden ist. Ich würde also darauf vertrauen, dass sein Hauptinteresse mein Wohlergehen ist.
    Es gibt Mediziner, denen ich vertraue. Es gibt andere, denen ich nicht mehr vertaue und die ich nicht mehr aufsuche.
    Es gibt Wissen, das ich habe; all das oben Aufgezählte aus dem Bereich der „Medizinskandale“ und Verfahrensweisen(die exorbitante Anzahl von Knie- und Hüftgelenkoperationen etwa),war mir bekannt. Und trotzdem begebe ich mich gelegentlich in die Hände von Ärzten. Und es gibt eben auch Nicht-Wissen. Dieses versuche ich zu beseitigen!
    Meine Kinder können darauf vertrauen, dass ich etwas (ein-)halte, wenn ich es zugesagt habe. Die Eltern, die mir ihre Kinder im Sportverein anvertrauen (ein schönes Wort,wie ich finde), können sich auf mich verlassen. Ihr Vertrauen in mich ist mir wichtig.
    Hätte ich kein Vertrauen mehr in Dinge, in Beziehungen,in Menschen, könnte ich auch gleich mit dem Atmen aufhören und nur noch auf Gott vertrauen! Auf den ist aber, soweit mir bekannt ist, in solchen Angelegenheit nicht unbedingt Verlass!

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  • 6. Dezember 2018 um 14:49
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    Naja

    (also das, was ich oft denke, wenn man die zwei Seiten einer Moral präsentiert bekommt),

    zum Glück vertraue ich den klinischen Studien der Tabakindustrie, wenn ich mir die 19. Zigarette des Tages gönne. Oder den Herren Verkehrsminister, die mich nicht daran hinder(te)n, mit meinem Zweitakter durch die City zu knattern. Oder Wikipedia…

    Ich habe mir die deutsche Mentalität einverleibt, mit Vollkaskoversicherung und All-inclusive-Anspruch alles zu verbrauchen und benutzen, wofür ich bezahlt habe. Wenn ich ein künstliches Knie habe, der Stent in den Venen und die Polypropylen-Bandscheiben im Rückrat blinken, dann hat verdammt noch mal irgendwer dafür seinen Kopf hin zu halten, sollte ich den Löffel abgeben. Oder besser noch: ich bekomme dann mein Geld zurück!

    (Nachrichtenwert dieser Botschaft = null; aber ich konnte mich mal aufregen)

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