Rezension: Wilder Honig – ungenießbar!

Ja, das alles und mehr: Band 1 „Wilder Honig“ – Hans Frey „Geschichte und Geschichten aus 35 Jahren Politik“ verspricht das 200 Seiten starke Werk von SPD-Urgestein Hans Frey.

Seine Memoiren hat er historisch in zwei Abschnitte seines Wirkens aufgeteilt – und der erste Band mit dem Titel „Wilder Honig“ beschreibt die Zeit bis zu seinem Ausscheiden als Vorsitzender der Gelsenkirchener Jungsozialisten Ende der Siebziger Jahre.

Der Autor kündigt eine schonungslose Offenlegung von Namen und Taten während dieser Tage an, gleichzeitig aber „keine Hymnen des Eigenlobs, keine Klatschgeschichten, kein böses Nachkarten“. Trotzdem soll sich der Leser auf ein spannendes Buch freuen: „packend, nachdenklich stimmend und zum Teil amüsant.“

Beim ersten Lesen findet sich viel Gelsenkirchener Lokalkolorit wieder; die Stadt in den Sechziger Jahren bringt viele bekannte Talente hervor, die sich hauptsächlich in den Jungsozialisten der Gelsenkirchener SPD wiederfinden, wenn auch heute einige der Partei abgeschworen haben und andernorts agieren.

Wer hätte es gedacht, dass bekannte Grünenpolitiker mit Frey zusammen den politischen Gegner bekämpften? In den ersten Kapiteln „stolpert“ der Leser geradezu über die Prominenz aus Kommune, Land und Bund, wird mal hier mit Bernd Matzkowski die Schulbank geteilt, dort mit Franz-Josef Antwerpes gefachsimpelt, dann mit Rudolf Scharping geredet, und sogar mit Gerhard Schröder abgestimmt, und der Leser ist von diesen Namen derart beeindruckt, dass er eines gar nicht vermisst: nämlich die Antwort auf die Frage: „Was macht eigentlich ein Politiker?“

Nach einhundert Seiten, zwar in einfacher Sprache, aber zäh beim Lesen, hofft man auf eine weise Eingebung, denn tatsächlich spricht Frey ausschließlich von Absprachen, Abstimmungen und Flügelkämpfen, die sich nur als Machtspielchen innerhalb der eigenen Partei vor allem auf Kosten der Parteifreunde entlarven und damit das Vorurteil eher pflegen denn widerlegen, dass Politik per se ein unappetitliches Geschäft ist und das wirkliche Handeln nur aus Formulieren von Vorgehensweisen besteht – nicht einmal benennt Frey etwas Handfestes, worauf man stolz sein könnte: zwar gibt er zu, in dieser Zeit als Juso gegen das Schalker Parkstadion, das Hotel Maritim und das Musiktheater agitiert zu haben – was er heute kopfschüttelnd als Fehler bezeichnet – , aber dem Leser wird deutlich: wenn überhaupt haben die Jusos „gebellt“, aber nicht „gebissen“.

Die Chance, seine damaligen Thesen zu nennen und die Sichtweisen zu erläutern, nutzt Frey nicht; hier lässt er den Leser alleine. Stattdessen tauchen jämmerliche Grabenkämpfe auf („Wer steht „rechts“ (innerhalb der SPD!), wer steht „links“, wer ist Protegè von wem, wer hasst wen…“ usw.), die sich endlich in etwas „action“ manifestieren: die Emanzipierung der Gelsenkirchener SPD von Oberbürgermeister Löbbert und weiteren Partei-Altvorderen.

Dabei wird die Argumentation des „Verbots von Doppelmandaten“ bemüht (niemand darf zwei Posten innehaben, z.B.: Oberbürgermeister und zeitgleich Bundestagsabgeordneter), die der Autor und seine Mitstreiter als Mittel gegen seine Opponenten (wohlgemerkt aus der eigenen Partei!) anführt.

Wem es noch nicht auffällt: mit der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner in Stadt und Land beschäftigt sich „Wilder Honig“ bis auf ein alberne Spitzen gegen lokale CDU-Funktionäre nicht.

Zwar gibt es Wahlkämpfe, natürlich gewinnt die SPD sensationell und auch nur wegen wägän döss Einsatzös der Jusos, und es wäre nicht vermessen, sogar noch Größeres zu erwarten – doch soweit kommt es nicht, und darauf basiert die Enttäuschung an dem Buch: es steckt zu wenig Substanz drin.

Wo ist die Philosophie hinter Freys politischem Wirken? Wo sind seine Thesen, wo ist das Engagement? Vielmehr erinnert Freys eigene Darstellung an den Politiker Amitz Dullnikker in Ephraim Kishons Roman „Der Fuchs im Hühnerstall“, der in seinem beschränkten Kosmos viel redet und vorgibt zu tun, tatsächlich aber über das Agitieren und Ränkeschmieden hinaus wenig zu bieten hat.

Beim Lesen (beider Bücher) überkommt den Leser das Mitleid mit den Protagonisten sowie die Erkenntnis, dass man nichts (mit Parteien-) Politik zu tun haben möchte. Zwischen den zahlreichen Abbildungen von Zeitungsartikeln, Flugblättern, SPD-Infos und Buchtiteln dieser Tage endet das Essay mit der Ankündigung auf die Zeit nach Frey`s Engagement bei den Jusos – und wer die jüngere Geschichte Gelsenkirchens aus dem eigenen Erleben erinnert, der freut sich auf die Fortsetzung.

Ich aber nicht.

 

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Mutti hat Spaß denkt Vati

Mutti hat Spaß denkt Vati

“Mutti hat Spaß denkt Vati” ist das Pseudonym für einen auf die 50 zugehenden verheirateten begeisterten Vespa Fahrer, der auch Buchautor und kritischer Beobachter der politischen Klasse ist. Nebenher arbeitet er als Holzkaufmann.

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