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Ich bin in den 50er Jahren in der Dresdener Straße aufgewachsen, im Eckhaus zur Franz-Bielefeld-Straße, die nur wenige Schritte entfernt auf die Bismarckstraße trifft.  Die damalige Linie 1 der Straßenbahn fuhr noch oberirdisch – von Gelsenkirchen über Bismarck, Erle, Buer und Horst bis nach Essen-Bredeney, hatte 71 Haltestellen und war damals die längste Linie der BOGESTRA. Später wurde aus der 1 die 301, ab 1994 fährt die Linie einige Haltestellen weit unterirdisch bis zum heutigen Zoom.

An der Kreuzung der Bismarckstraße mit der Florastraße gab es früher die Haltestelle „Am Stern“. In den ersten Jahren konnte ich, wir wohnten im Obergeschoss, von unserer Wohnung aus über noch unbebautes Gelände und einigen Trümmer des Krieges bis zum „Stern“ blicken und sehen, wenn meine Tante, aus Herne mit dem Zug kommend und dann die 1 benutzend, aus der Bahn stieg, um uns zu besuchen. Die Bismarckstraße war vom „Stern“ bis zur Einmündung der Liboriusstraße mein „Revier“, erweitert und zugleich eingegrenzt als Viertel durch die Franz-Bielefeld-Straße und den Heimgarten mit seinem kleinen Spielplatz. In dem Straßenabschnitt gab es Geschäfte für die Grundversorgung: einen Lebensmittelladen, einen Metzger, einen Bäcker, ein Schreibwarengeschäft, einen (Herren-) Friseurladen, über dessen Eingang der „Silberteller“ hing und in dem im recht dunklen Inneren der Friseur und sein Angestellter die Rasiermesser an einem langen Riemen, dem Schärfgurt oder Rasiergurt, schärften und Erwachsenen wie Kindern den Nachkriegs-Einheitshaarschnitt verpassten. Die noch unbebaute große Wiese, die heute dem Schalker Gymnasium Platz bietet, war damals eine Spielfläche: Fußball spielen konnte man dort, Drachen steigen lassen, und auch für Kloppereien war der Platz geeignet. Die Wiese an der Liboriusstraße/Grenzstraße war auch eine Art Grenze zum Stadtteil Schalke (Die berühmte Antwort von Kuzorra auf die Frage, wo denn Schalke läge: Anne Grenzstraße!)

Durch die Bismarckstraße komme ich nur noch äußerst selten. Gerade deshalb werden mir die Veränderungen deutlich. Die Geschäfte meiner Kinder- und Jugendzeit sind verschwunden und haben Läden mit türkischen oder arabischen Schriftzügen und dem bekannten Angebot von Döner, Falafel und anderen orientalischen Speisen Platz gemacht. Wettbüros gibt es. Aber : der Eisladen an der Ecke zur Liboriusstraße hat standgehalten – fast wie ein Relikt einer untergegangenen Welt. Nicht nur die Geschäfte sind andere geworden – auch andere Menschen leben dort. Mit anderem Sozialverhalten. Dass in der Dunkelheit des Abends und der Nacht ganze Gruppen von Männern an bestimmten Geschäften oder in Hauseingängen stehen oder sich um ein aufgemotztes Fahrzeug gruppieren, das in der zweiten Reihe parkt, ist schon fast nicht mehr ungewöhnlich. Wer aber die Bismarckstraße weiter in Richtung Evangelische Gesamtschule und  Consol-Gelände fährt, kann den Eindruck bekommen, Deutschland zwischenzeitlich verlassen zu haben, ohne allerdings eine Grenzstation passiert zu haben.

Insofern ist für mich, der nicht unmittelbar mit den Problemen im Stadtteil Bismarck konfrontiert ist, durchaus nachvollziehbar, was in einem Beitrag der WAZ-Lokalredaktion über die Meinung der Bürger bei der Sitzung des Präventionsrates Bismarck berichtet wird:

Anhaltende Probleme wie Jugendkriminalität, Drogenhandel, gewalttätige Übergriffe, Müllberge und Lärm verbinden sie nahtlos mit der „gefühlten Überfremdung“ ihres Stadtteils durch den Zuzug von Menschen aus Südosteuropa und aus anderen Ländern nach Gelsenkirchen.“

Immer wieder kann man (in Sonntagsreden und auch bei anderen Gelegenheiten) hören, Gelsenkirchen sei eine offene Stadt und habe in seiner Geschichte doch schon erfolgreich Integrationsprobleme gemeistert. Das mag richtig sein, wenn man in die Geschichte blickt. Aber die Menschen, die früher ins Ruhrgebiet gekommen sind, egal ob aus Ostpreußen oder anderen östlichen Regionen in den frühen Bergbaujahren, oder später als Arbeitsmigranten aus Italien, Spanien, Griechenland, dem ehemaligen Jugoslawien der Tito-Zeit und dann auch der Türkei sind in eine Region eingewandert, die Arbeitsplätze bot und Arbeitskräfte suchte. Viele von ihnen kamen aus dem europäischen Kulturkreis. Und die ersten Türken waren ebenfalls als Arbeitskräfte hier und noch nicht von Erdoganschem  Nationalismus und von einer Überbetonung der Religion infiziert. Heute ist das anders: Für viele kann die gemeinsame Arbeit keine Integrationskraft mehr entwickeln, weil die Arbeitsplätze nicht vorhanden sind oder der Gang zum Arbeitsamt ersetzt worden ist durch den Gang zum Sozialamt. Zudem gibt es Gruppen, die sich nicht integrieren wollen, sondern ihren eigenen Lebensstil verfolgen. Und die jüngsten Exzesse auf den Straßen, getragen von Antisemitismus und religiösem Fanatismus, haben gezeigt, dass für viele Integration im Sinne des westlichen Lebensstils eher ein Feindbild ist. Hinzu kommt als wesentlicher Faktor, dass Gelsenkirchen nicht, wie einst, eine aufstrebende Industriestadt ist, sondern ein „Armenhaus“ der Republik und schon allein finanziell die gewaltigen Aufgaben der Integration nicht stemmen kann (KiTas, Grundschulen etc.).

Es gibt aber ein ganz grundsätzliches Problem, das sich offensichtlich bei Veranstaltungen wie der des Präventionsrats zeigt: Viele Menschen, die hier (schon länger) leben, fühlen sich zu großen Teilen überhaupt nicht ernst genommen mit ihren Problemen und Sorgen im alltäglichen Zusammenleben. Man verlangt ihnen Verständnis ab, spricht aber nicht mehr ihre Sprache. Man verlangt von ihnen viel, was aber oft als Zumutung wahrgenommen wird. Viele Menschen glauben, dass sie ausbaden müssen, was „die da oben“ oder „die im fernen Berlin“ angerichtet haben und täglich anrichten. Sie wollen sich nicht (mehr) vertrösten lassen! Ihr Ärger äußert sich noch verbal! Bilder, wie wir sie aus den USA oder auch England und den Vorstädten von Paris oder anderen französischen Großstädten kennen, sehen wir hier noch nicht. Der Artikel in der WAZ über die Veranstaltung des Präventionsrats hat allerdings, die Stimmung sicherlich  richtig wiedergebend, die Schlagzeile „Wut: Die Stimmung kippt in Gelsenkirchen-Bismarck“.

Aber noch läuft der Protest in geordneten Bahnen ab!

Noch wird ja gesprochen!

Noch!

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Von Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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Fra.Prez.

Die zum Ausdruck gebrachte Wut vieler deutscher Bürger, die ansonsten mit Engelsgeduld gesegnet waren, gibt einen Vorgeschmack darauf, was kommen wird: AfD

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Heinz Niski

Am schlimmsten ist, dass nach wie vor viele aus der „Sozio-Kultur-Politszene“ treuherzig erzählen, dass sie keinen Anteil am Erstarken der AfD haben, sondern die Nazi-Mitbürger, die einfach nicht verstehen wollen, was gut für sie ist. Darauf erst einmal ein neues antirassistisches Theaterstück, einen Workshop über wokes Verhalten und ein paar Umbenennungen von bösen Namen (Mohren-Apotheke) – und schmeißt endlich die ollen Filme, Bücher, Denkmäler weg, die sind alle mit rassistischem Gedankengut verseucht und wissen nix von fluiden Geschlechtern.

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Mi.Rob.

Eine Überfremdung in Bissmarck mochte es mal gegeben haben, aber doch eher durch eine „eklig, weisse Mehrheitsgesellschaft“, wie es mal die Vorsitzende der Grünen Jugend Sarah Lee Heinrich formuliert hatte.
Übrigens ist sie immer noch im Amt. Gegen Rassismus tut mal in Deutschland wohl noch zu wenig.
Denn Grünen-Anhänger oder welche von Fridays for Future sehen in solchen Fällen wohl lieber weg, um dann hinterher behaupten zu können, sie hätten von nichts gewusst.
https://youtu.be/udrmz64n-CY?si=zumxq_qIH8RwZVD-

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Ro.Bien.

 Ach…herrje…mittlerweile ist das kleine, aufsteigende Mädchen aus einem Alleinerziehenden–damals noch- Hartz4-Haushalt sicher erwachsener geworden und weiß ihre Worte besser zu wählen…

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Fra.Prez.

ich finde Dich und mich auch ekelig

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Ro.Bien.

 Wat? Wir sind die Besten – unter den Gutencomment image.

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Mi.Rob.

 Ich weiss. Rassismus aus den Reihen der Grünen sollte und muss man auch verzeihen.

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Dagm.Lau.

Danke für diesen Artikel. Leider habe ich in der WAZ „Wut“ nicht lesen können. Aber fahre manchmal von Erle über Bismarck nach Schalke.
Ich kann die Bismarcker Bürger sehr gut verstehen und damit auch, wie bei Wahlen die Stimmen zur AFD gehen.
Aber: die einst Gerufenen für Arbeit werden wir nicht mehr los und , wenn dann AFD gewählt wird, frage ich mich, ob wir je diese Geister wieder loswerden ?
Und es scheint, alle Politiker leben in einer anderen Welt.
Meine 97 jährige Mutter sagte: Das ist nicht mehr meine Stadt.

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Mar.Kol.

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Die gesamte Situation der Stadt ist auf den Punkt gebracht. Resignation macht sich breit, Sorge der Menschen, in den Abendstunden das Haus zu verlassen. Ist Gelsenkirchen dem Untergang geweiht ?

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Norbert Melcher

GE-Bismarck, da kommen Erinnerungen hoch. 1971/72 haben wir da zu viert in einer Altbauwohnung unterm Dach im Ahlmannshof gewohnt. Toilette eine Treppe tiefer, Waschbecken nur in der Küche. Mein Zimmer hatte uneingeschränkten Blick auf die Zeche Consol. Im Hinterhof des Hauses wohnte eine Truppe tunesischer Bauarbeiter. Da konnte ich meine rudimentären Kenntnisse der französischen Sprache (mühsam erworben auf der Theodor-Heuss-Realschule) auffrischen, die sprachen nämlich untereinander nur französisch. Ich konnte immerhin einem Teil der Konversation einigermassen folgen. Naja, meine Kenntnisse dieser Sprache sind rudimentär geblieben, dafür könnte ich mich heute mit Sicherheit in einer anderen, in Bismarck mittlerweile geläufigen Fremdsprache ganz flüssig verständigen. So ändern sich die Zeiten und die Schwerpunkte.

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Heinz Niski

Ach,,, um die Zeit wohnte dort auch Wilfried D. – einer seiner tunesischen Nachbarn brachte mich in Verlegenheit, weil er glühender Hitler Fan und beinharter Antisemit war. Er zerstörte mein romantisches Bild von dem edlen Gastarbeiter. Im Laufe der Jahrzehnte gewöhnte ich mich daran, in moslemischen Ländern als Deutscher abgefeiert zu werden, weil Hitler ein guter Mann war.

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Last edited 7 Monate zuvor by Heinz Niski
Norbert Melcher

Unser männlicher Mitbewohner (neben mir) bestand drauf „Wolodja“ genannt zu werden. Er war nämlich glühender Verehrer von Wladimir Iljitsch Uljanov genannt „Lenin“. Als vor einiger Zeit in der einschlägigen Presse die Meldung kam, das in GE ein Lenin Bewunderer eine Statue desselben in seinem Vorgarten aufgestellt hat habe ich sofort an den gedacht. Ich meine aber meine damaligen Recherchen hatten ergeben das der Typ zu jung war. Kann mich aber irren.

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Heinz Niski

Nein, passt. Er ist es. Aber nicht identisch mit jemandem, der Lenin als Gartenzwerg hat. Später war er mehr der Steppenwolf…. Hesse. Und eher pazifistisch unterwegs.

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Last edited 7 Monate zuvor by Heinz Niski
Norbert Melcher

Wenn du Wolodja kanntest müssten wir uns doch seinerzeit auch mal begegnet sein?

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Heinz Niski

Kann sein, bei mir klingelt aber nichts.

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Norbert Melcher

Gibt es denn den Wolodja noch?

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