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Liebes Tagebuch!
Es gibt diese ganz kurze Parabel von Franz Kafka mit dem Titel „Kleine Fabel“! Eine Maus rennt und rennt und die Wände links und rechts kommen immer näher, bis schließlich im Winkel des letzten Zimmers eine Katze sitzt und der Maus den Ratschlag gibt, die Laufrichtung zu ändern, bevor sie die Maus frisst.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass es mir wie der Maus geht. Am Anfang fürchtete ich mich ein wenig vor der Weite der Aufgabe einer Oberbürgermeisterin. Ich mied die Öffentlichkeit, trat bei Veranstaltungen nicht auf, bei denen ich hätte auftreten sollen, um für die Bürgerinnen und Bürger fassbar zu sein. Man sah mich als spröde Gestalt an, wenig bereit, sich anderen zu öffnen und die Rolle endlich anzunehmen, die das Amt bedeutet. Als ich das erkannte, habe ich meinen öffentlichen Auftritt geändert. Es verging fortan kein Tag, an dem ich mich nicht medial zeigte, gerne mit Menschen und in schöner Umgebung. Lachend und interessiert wirkend und dadurch – interessant. Also: ich am Schlagzeug, beim Fußball, mit Doktor St., unserem Stadtmusikanten,  und Doktor L. und seinen Schützenbrüdern, ich im Kostüm, bei der Feuerwehr. Ja, sogar meine bunten Ostereier habe ich gepostet. Ich als die nette Nachbarin, die sympathische Frau von nebenan. Die auch mit einer Freundin gerne mal ein Sektchen schlürft oder ein Glas Roten schnabuliert!
Aber: Was ein Befreiungsschlag sein sollte, wird mir nun als eine Übung in der Kunst der medialen Verstellung ausgelegt. Ich als schlechte Kopie der Zurgiebel, der Meisterin der öffentlichen Selbstdarstellung. Obwohl längst klar ist, dass sie nach Düsseldorf wechselt, präsentiert sich diese Schlange auch heute wieder als it-Girl der Stadt bei der Eröffnung der Polizeidienststelle in Horst – eingerahmt von Polizeikräften und einem Bezirksbürgermeister. Geht klar! Sie hat ja auch nicht die neuste Negativ-Nachricht an den hohen Hacken: Gelsenkirchens Spitzenplatz bei der Zahl der Schüler ohne jeglichen Schulabschluss! Es ist doch so: bei all den Problemen der Stadt, für die ich nun wirklich nicht selbst verantwortlich bin, werde ich aber zur Verantwortung gezogen! Und manchmal habe ich deshalb den Eindruck, dass in jedem Zimmer des Hans-Sachs-Hauses und in jedem öffentlichen Raum eine Katze sitzt, die mir zynische Ratschläge gibt, bevor sie mich fressen will!
Aber ich halte immer noch Kurs, egal wie viele Katzen mich fressen wollen! Ich halte die Stellung! Ich lasse mich nicht unterkriegen! Ich gehe meinen Weg weiter – ob auf einer begrünten Halde im Abendsonnenlicht oder durch die Gänge des Hans-Sachs-Hauses! Und meine Ostereier waren doch wirklich schön, finde ich!
Und es gilt:
Ego sum, qui sum!
Für den Moment aber erst einmal:
Schlaf gut, liebes Tagebuch!
Auf bald!

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Von Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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Fra.Prez.

Ach ja, sie hat es nicht leicht…

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