Ein arg strapaziertes Wort: ZEITENWENDE

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Die Wörter einer Sprache können sich nicht wehren – nicht gegen ihren Gebrauch, nicht gegen ihren Missbrauch, nicht gegen ihre Umdeutung. Und auch nicht gegen ihre inflationäre Verwendung und die damit einhergehende Verhunzung ihrer Substanz. So geschieht es in dieser Zeit dem Wort WENDE, das durch die Rede von Olaf Scholz, in der er eine „Zeitenwende“ ausgerufen hat, in einen geradezu historisch bedeutsamen Kontext gestellt worden ist. Dabei ist es nicht das erste Mal in der (jüngeren) deutschen Geschichte gewesen, dass das Wort „Wende“ eine politische oder historische Gelenkstelle markieren sollte.
So gilt die Niederlage der deutschen Wehrmacht in der Schlacht um Stalingrad (1942/1943) als Wendepunkt des II. Weltkriegs im Osten, wie die Landung der Alliierten in der Normandie den Wendepunkt im Westen brachte. Über 100000 Soldaten der 6. Armee und verbündeter Truppen gerieten beim Kampf um Stalingrad in Kriegsgefangenschaft, nachdem der Widerstand gegen die russischen Truppen zusammengebrochen war und mit der Kapitulation endete.
Helmut Kohl rief im Wahlkampf 1980 die „geistig-moralische Wende“ aus. Der Begriff wurde prägend für die ersten Jahre seiner Kanzlerschaft und sollte eine Abkehr vom Zeitgeist signalisieren, der durch den Geist der 68er-Revolte und durch liberale, sozialdemokratische und linke Ideen der Ära Brandt/Schmidt und der wachsenden Öko-, Frauen- und Friedensbewegung bestimmt war und nun durch eine Wiederbelebung konservativer Werte abgelöst werden sollte. Dass Kohls „Wende“ in einer Sozialdemokratisierung und Vergrünung der CDU enden sollte, konnte der Oggersheimer nicht ahnen.
Die ausgehenden 80er und der Beginn der 90er Jahre sind gar durch eine Wendezeit geprägt: Der „Ostblock“, also das Reich der Sowjetunion und ihrer Trabanten, zerfällt. In Deutschland steht am Abend des 9. November 1989 plötzlich die Grenze der DDR zum Westen offen, am 3. Oktober 1990 ist die DDR Geschichte und Deutschland wiedervereinigt.
Und die letzten Jahre der Gegenwart sind geradezu durch eine Inflation angeblicher Wenden gekennzeichnet. Drei Beispiele sind die Verkehrswende, die Energiewende und die Agrarwende.
Nun also die von Scholz ausgerufene Zeitenwende! Der Begriff klingt nach Großem. Kommt sozusagen auf dem Kothurn daher. Verschafft seinem Verwender sprachlich schon historische Bedeutung zu Lebzeiten. Ein Kanzler – in eine Zeitenwende gestellt, um das Land durch diesen Epochen-Umbruch zu führen! Aber ist der Begriff angemessen? Oder schreitet hier ein mittelmäßiger Politiker einfach in Selbstüberschätzung daher wie der Hahn eben gravitätisch über den Hühnerhof schreitet?
Zeitenwende? Oder einfach nur Paradigmenwechsel und eigentümliche Metamorphosen?
Eine Zeitenwende sehe ich nicht!
Eine Zeitenwende ist für mich eher so etwas wie die Epoche der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert. Eine Wende, die die Dunkelheit des Mittelalters überwindet und Licht bringt: das Licht der Kunst, der Malerei, der Philosophie, der Architektur, der Mathematik, der Naturwissenschaften, der Technik. All das gespeist durch eine Rückbesinnung auf die Errungenschaften der griechischen und römischen Antike (was den Namen erklärt: Renaissance= Wiedergeburt). Verknüpft ist die Epoche mit Geistern wie Leonardo da Vinci, Dante, Shakespeare, aber auch Luther, Hans Sachs, Erasmus von Rotterdam.
Eine Zeitenwende, die den Namen verdient, würde ich auch in der Epoche der industriellen Revolution sehen, also der Ablösung der bäuerlich-handwerklichen Produktion durch die Vorherrschaft der industriellen, maschinellen, arbeitsteiligen Fabrikproduktion, begleitet durch den Aufschwung der Ingenieurskunst, der Chemie, der Physik, der Medizin und Biologie, der Naturwissenschaften überhaupt.
Eine Zeitenwende ist sicher auch mit der fortschreitenden Digitalisierung, der Computertechnik und all ihren Möglichkeiten, der Entwicklung der „sozialen Medien“ und dem Internet verbunden, weil diese in fast allen Lebensbereichen ihre Wirksamkeit entfalten, unseren Alltag, die Arbeitswelt, die Kommunikation und ihre Formen und den Meinungs- und Wissensaustausch hochgradig bestimmen.
Sind diese heutigen Zeiten, auf die sich Olaf Scholz in seiner Rede bezogen hat, auch eine solche qualitative bzw. epochale Zeitenwende?
Da habe ich meine Zweifel!
Was wir derzeit erleben, sind doch eher Paradigmenwechsel, politische und ideologische Verschiebungen, die Abkehr von Denkmustern und Einstellungen, die (in der deutschen Politik und veröffentlichten Meinung!) nahezu den Anschein des Überzeitlichen hatten, aber nichts anderes waren als unreflektierte Glaubensgrundsätze, in denen man sich bequem eingerichtet hatte. Wir sehen das Zerbröckeln von Denkschablonen und politischen Grundsätzen, die Auflösung über Jahrzehnte gepflegter Einstellungsmuster. Wir sehen auch politische Metamorphosen oder Mutationen – zum Teil ins Groteske. All das wird nicht befeuert durch einen organischen gesellschaftlichen Prozess von Innen heraus, dessen Eigendynamik eine solche Wende forciert und zugleich notwendig macht, sondern durch einen externen Faktor, nämlich den Krieg Russlands gegen die Ukraine.
Wir sehen, dass Millionen Deutsche ihren Job als Fußball-Bundestrainer aufgegeben und ihre weißen Corona-Virologen-Kittel an den Nagel gehängt haben und ins militärische Fach gewechselt sind. Wir sehen in Talk-Shows Menschen die Sessel besetzen, die offensichtlich alle eine innere Uniform tragen und über Waffensysteme parlieren, als handele es sich um das Für und Wider und die Vor- und Nachteile bei der Abwägung zweier verschiedener Kartoffelsorten als Begleitung für den Spargel der Saison. Wir sehen, nahezu archetypisch für diese Entwicklung, etwa einen Anton Hofreiter, einen Ex-Super-Pazifisten, der sich nun als Experte verschiedener Waffensysteme und ihrer Einsatzoptionen geriert! Wir sehen eigentümliche Metamorphosen hin zu einer neuen Spezies: der bunte Schmetterling wird zur olivgrünen Raupe, der sanfte Pazifist tritt als gestandener Bellizist auf, der jeden mit dem bösen Wort „Putinist“ belegt, der Skepsis äußert, wenn es um „schwere Waffen“ geht.
Und wir erleben, dass dies mit der gleichen unreflektierten Haltung, aber felsenfesten Bestimmtheit geschieht, mit der vorher das Gegenteil vertreten worden ist.
Anders: die Friedenspolitik der Brandt-Ära (Wandel durch Annäherung) wird nicht dadurch falsch, dass sich ein vormaliger Kanzler für eine Tätigkeit als bezahltes Zäpfchen im Anus von Putin entschieden hat. Die Politik gegenüber Russland in der Gorbatschow-Ära, dem wir ja zu großen Teilen die Wiedervereinigung zu verdanken haben, war nicht falsch, weil Putin sich als Aggressor erweist, dem die Souveränität der Ukraine (und anderer Nachbarstaaten) und die Menschenrechte (auch im eigenen Land) völlig gleichgültig sind. Falsch war allerdings, mit Putin noch Geschäfte zu machen und sich in die Abhängigkeit von russischem Gas zu begeben, als er bereits Krieg in Teilen der Ukraine führte (Donbas) und die Krim annektierte und in Syrien bereits nichts anderes getan hatte als das, was er heute in der Ukraine tut: rücksichtslose Machtpolitik unter Inkaufnahme tausender Toter durch sein Militär.
Interessant und erschreckend zugleich ist dabei allerdings, dass viele derjenigen politischen Kräfte, die über Jahre alles Militärische verabscheut haben, die Geld für die Bundeswehr und die NATO als „Militarismus“ verunglimpft oder sogar für einen Austritt aus der NATO geworben haben und die Bundeswehr sehenden Auges haben verlottern lassen, sich heute in einem Überbietungswerb befinden, wer schneller und umfänglicher als andere die Ukraine mit Waffen beliefert. Das ist aber kein Beispiel für eine Zeitenwende! Das ist oberfauler Opportunismus zur Übertünchung der eigenen Verantwortung für die Fehler der Vergangenheit!
In all den Tagen des Kriegsgeschreis und der Debatte, welche Waffen nun geliefert werden dürfen oder können, habe ich bisher keine (bekannte) Stimme mit einer Antwort auf die Frage gehört, was nach dem (hoffentlich baldigen) Ende des Krieges passiert – unter Berücksichtigung unterschiedlicher Szenarien. Wie will man mit Russland umgehen, wenn Putin stürzt, weil sein Krieg als „verloren“ gilt, zumindest aber Putin seine Ziele nicht erreicht hat, oder wenn Russland Teile der Ukraine besetzt hält oder wenn die Ukraine einem „Frieden“ zustimmt unter Preisgabe annektierter Teile des Landes oder wenn Putins Macht gefestigter ist als je zuvor? Gibt es Pläne für den Wiederaufbau der Ukraine und ihre Rolle in der Politik des Westens? Weiter gefasst: Gibt es Überlegungen für eine Architektur des politischen Handelns gegenüber Russland (und auch China) jenseits des Suppentellerrandes aktueller Kriegsszenarien? Oder soll damit gewartet werden, bis der Krieg, so oder so, an sich selbst zugrunde gegangen ist?
Was also soll der Kern der von Scholz konstatierten Zeitenwende sein?
Dass man feststellen muss, dass es auch in Europa Krieg geben kann? Das kann man nur als Zeitenwende sehen, wenn man vergisst, dass es vor einiger Zeit zehn Jahre Krieg (auch unter Beteiligung der NATO und Deutschlands) im ehemaligen Jugoslawien gegeben hat!
Dass man feststellen muss, dass Russland unter Putin nicht nur nach Innen diktatorische Züge trägt, sondern nach Außen ein Aggressor ist? Das kann man nur als Zeitenwende sehen, wenn man vergessen hat, was russische Militärkräfte in Syrien angerichtet haben und dass Russland seit Jahren bereits Krieg gegen die Ukraine führt?
Dass man feststellen muss, dass man sich unabhängig von russischen Gaslieferungen machen muss? Das kann man nur meinen, wenn man zugleich eingesteht, dass man sich gerne mit dem Diktator eingelassen hat, weil er billiges Gas zugesichert und deshalb seine schmutzige Politik in Kauf genommen hat. Und dass man eine „Energiewende“ propagiert hat, die die Autarkie der Versorgung mit Energie zerstört hat.
Dass man feststellen muss, dass allüberall die Bellizisten auf dem Vormarsch sind? Oder weil man dann zugleich feststellen muss, dass die Zeit nach dem Krieg gegen die Ukraine und ihre politische Gestaltung bei diesen Kräften keine Rolle spielen, weil sie keine Antwort auf diese Frage haben und auch nicht suchen? Und erst recht keine Klarheit darüber besteht, mit welchem Schurkenstaat und welchen Schurken wir demnächst kooperieren, wenn es um Energielieferungen, politische oder wirtschaftliche Vorteile geht, wenn also Panzerketten wieder durch Lieferketten ersetzt werden müssen und können. Die Auswahl ist groß und reicht von Afghanistan bis Zaire, von Nordkorea bis zum Sudan, von den Emiraten bis Somalia, von der Türkei bis Lummerland.

Zeitenwende?
Des kleinen Kanzlers großes Wort?
Zu groß ist das Wort für das Ende der eigenen Illusionen und die vielen Unklarheiten auf dem Weg in eine nahe und ferne Zukunft!

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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Heinz Niski

Globalisierung, Lieferketten, just in time Produktion, bedeutet immer auch, dass Aktienanteile deutscher Unternehmen an Schurkenstaaten, Islamisten, Autokratien, Oligarchien gehen. Wir sind mitten drin, schuldig. Als Finanziers von Willkür, Morden, Unterdrückung der Frauen, Unterstützung von Sklavenhaltern. Schläft hier deshalb jemand schlecht?
Nordkorea ist weltweit isoliert und schafft es dennoch, Atomraketen fliegen zu lassen, große Hackerangriffe gegen Staaten und Unternehmen zu führen, sich zu einem führenden Crystal Meth Produzenten zu mausern und das Zeug bis in die USA zu verkaufen.
Das Embargo gegen den Irak hat Hundertausende Kinder getötet, hat hier aber kein Gewissen so in Wallung gebracht, dass die Talkshows geflutet wurden mit Experten, die das mörderische Treiben beenden wollten.
21 000 Tötungsdelikte letztes Jahr in den USA, mit 2.068.800 Gefängnisinsassen sind die USA mit Abstand weltweit führend bei der Einkerkerung ihrer Bürger, aber wir nehmen ruhigen Gewissens ihr Fracking Gas, das bis vor wenigen Wochen noch als Teufelsdreckszeug galt.
Nicht die Kriegsverbrechen der USA im Irak werden geahndet, sondern der Überbringer dieser Nachricht (Julian Assange) soll ins Gefängnis. Der Rest wird mit “whataboutismus” abgetan, weil wir jetzt gerade gegen den bösesten der Bösen vereint stehen müssen.
Das Böse ist also überall um uns herum und in uns drin. Galten wir noch vor einiger Zeit als mörderisches, kriegslüsterndes Militaristen Volk, sind wir nun die Mörder, weil wir den Bellizismus abgelegt haben. Jeder sucht sich seine Ethik und Moral passgenau aus, was heute gut ist, ist schon morgen verabscheuungswürdig.
Ethik to go und ex & hopp.
Mein Respekt vor dem deutschen Journalismus ist auf einem Tiefpunkt. Ein Lichtblick: viele deutsche Militärs entpuppen sich als Ruhepol zwischen den hysterisierten Fussballtrainer-Virologen-Schreibtischgenerälen.

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Last edited 6 Monate zuvor by Heinz Niski
Pet.Teut.

Alles richtig. Globalisierung meint heute eine Art weltweiter Sklavenhalter-Arbeitsteilung und Zementierung der Klassen-Gesellschaft.

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Heinz Niski

immerhin können wir nun die Worthülse “feministische Außenpolitk” mit Inhalt und Bedeutung füllen. https://www.zeit.de/zett/politik/2022-04/kurdistan-tuerkei-russland-ukraine-doppelmoral-westen

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Pet.Teut.

 Wohl wahr !

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