Jammerlappen und Tugendbolde. Anmerkungen zur Befindlichkeit in unserer Zeit.

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Der Triumph der Empfindsamkeit“ ist ein weniger bekanntes Singspiel Goethes, dessen erste Fassung 1777 entstanden ist und das 1778, unter Mitwirkung von Goethe selbst, am Weimarer Hoftheater uraufgeführt worden ist. Goethe nennt das Stück eine „dramatische Grille“. Goethes Spiel ist eine satirische Auseinandersetzung mit der „Werther-Krankheit“, also jenem gefühlsmäßigen Überschwang und jener Überempfindlichkeit, die Goethe in seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) dargestellt hat.

Goethes Roman über den naturschwärmerischen und an seiner unerfüllten und vergeblichen Liebe zur bereits verlobten Lotte leidenden und die Normen und Regeln der Gesellschaft als unerträgliche Fesseln empfindenden Rechtspraktikanten Werther hatte Goethe nicht nur Ruhm eingebracht, sondern auch die Zensur auf den Plan gerufen: Goethes Roman war auf den Index gesetzt worden, weil sich nach der Lektüre des Briefromans zu Dutzenden junge Männer, ihrem Idol Werther folgend, das Leben nahmen – aus Weltschmerz und übersteigerter Empfindsamkeit. An dieser Übersteigerung leidet in der goetheschen „Grille“ auch Prinz Oronaro, über den Goethe den Kavalier Merkulo u.a. sagen lässt:

Mein Prinz ist von zärtlichen, äußerst empfindsamen Nerven, daß er sich gar sehr vor der Luft, und vor schnellen Abwechselungen der Tageszeiten hüten muß. Freylich unter freyem Himmel kann man’s nicht immer so temperirt haben, wie man wünscht. Die Feuchtigkeit des Morgen- und Abendthaues halten die Leibärzte für höchst schädlich, den Duft des Mooses und der Quellen bey heißen Sommertagen für nicht minder gefährlich! Die Ausdünstungen der Thäler, wie leicht geben die einen Schnupfen! Und in den schönsten, wärmsten Mondnächten sind die Mücken just am unerträglichsten. Hat man sich auf dem Rasen seinen Gedanken überlassen, gleich sind die Kleider voll Ameisen, und die zärtlichste Empfindung in einer Laube, wird oft durch eine herabfahrende Spinne gestört.“***
Goethe macht sich mit diesem kleinen Stück aber nicht nur über seine eigene Werther-Figur satirisch lustig, sondern auch über den „Zeitgeist“ jener gesamteuropäischen Epoche der ausgehenden Aufklärung (1680 – 1800), die in der Phase der “Empfindsamkeit” endet (1740-1790) und mit dem „Sturm und Drang“ (1765 – 1785) mäandernd der „Verstandeskälte“ der „Aufklärung“ die Gefühlswelt und eben jenes „Empfindsame“ an die Seite stellt, wie ja auch der „Werther-Roman“ literaturgeschichtlich dem „Sturm und Drang” zugerechnet wird, aber der Typus „Werther“ durchaus Elemente der Empfindsamkeit repräsentiert.
Löst man die Zeilen Merkulos über den Prinzen Oronaro aus der Sprache ihrer Zeit und nimmt die Naturbeispiele als Merkmale einer Geisteshaltung und Gemütsverfassung generell, so kann man leicht auf den Gedanken kommen, Prinz Oronaro sei ein Zeitgenosse. Begegnen uns heute nicht allüberall solcherlei empfindsame Seelen, die durch Szenen eines Dramas, Sequenzen eines Films oder Abschnitte eines Gedichts oder durch eine bildliche Darstellung so tief in ihrem Innersten erschüttert werden können, so dass es auf dem Bucheinband, vor dem Beginn eines Films oder dem Betreten eines Museumsraums einer „Trigger-Warnung“ bedarf? Kann nicht schon das Bild eines einsamen Eisbärenweibchens auf schwankender Eisscholle zwölf- bis 14jährige Mädchen in seelische Abgründe stürzen, weil sie an der Zukunft der Welt zweifeln? Ist die Abbildung von Geschlechtlichkeit, die noch in den ausgehenden sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Teil einer Befreiung von muffiger und spießiger Nach-Nazi-Ära empfunden worden ist, heute nicht Teil einer als „Anstößigkeit“ kritisierten Offenheit, die die mit i-Phones und anderem elektronischen Schnickschnack ausgestatteten, aber seelisch wenig wetterfesten „Kids“ nahezu in traumatisierende Abgründe treiben kann? Und können heute nicht selbst einzelne Wörter und Begriffe die empfindsamsten der Empfindsamen so traumatisieren, dass sie kurz davor sind, sich einzunässen?
Wobei gleichzeitig jede einzelne empfindsame Seele mit mehr oder weniger lauter Stimme Rechte einfordern zu können glaubt, die aus der eigenen Benachteiligung durch „die Gesellschaft“ resultieren. Kann es denn tatsächlich sein (und ist es nicht undemokratisch, weil eine Benachteiligung), dass beim 100-Meter-Lauf auf der Aschenbahn neun andere einfach mal  schneller ans Ziel kommen und deshalb mehr Punkte erzielen als ich und sogar noch eine Urkunde bekommen? Und kann es nicht auch sein, um einmal an Merkulo anzuknüpfen, dass selbst wechselndes Wetter oder der Wechsel der Tageszeiten mir so aufs Gemüt schlagen können, dass mir schon das Anziehen einer Hose und erst recht das Erledigen von Hausaufgaben eine solche seelische Last sind, dass ich eigentlich einen emotionalen „escape-room“ benötige?
Die heutigen „Empfindsamen“ sind Brüder und Schwestern ihrer Vorläufer am Ende des 18. Jahrhunderts. Und sie sind es zugleich nicht! Denn, wie oben bereits ausgeführt, ist die Empfindsamkeit am Ende des 18.Jahrhunderts Teil, wenn auch die Endphase, der Aufklärung, jener europäischen Epoche der (bürgerlichen) Entwicklung, die das Licht des Denkens in die Dunkelheit gebracht hat, die alles unter dem Aspekt der „Vernunft“ betrachtet hat, die die alten Fesseln des Absolutismus gelockert und gelöst hat. Und die das Individuum auf den Schild gehoben hat und damit zugleich die (Freiheits-)Rechte der Allgemeinheit und die (Freiheits-)Rechte des Einzelnen! Die Empfindsamkeit war sozusagen die eine Seite, nach der das Pendel ausschlug, die Vernunft die andere Seite. Literarisch läuft es somit auf die Versöhnung der beiden Seiten in der Epoche der „Klassik“ zu, gesellschaftlich und historisch in Deutschland auf die „bürgerliche Revolution“. Diese gesamtgesellschaftliche Symbiose fehlt den heutigen „Empfindsamen“- der Mittelpunkt der Welt ist ihr Bauchnabel (oder das Bauchgefühl), nicht aber etwas Gemeinsames, etwas Verbindendes. Diese Ausformung der Empfindsamkeit ist gleichbedeutend mit Vereinzelung und völliger Überhöhung individueller Ansprüche und der Abweisung gesellschaftlicher „Zumutungen.“
Deshalb tritt der heutige Empfindsame in der Gestalt des biedermännischen Gutmenschen auf, der als Ausweis seiner moralischen Überlegenheit ein strenger Verfechter von politischer Korrektheit in der Sprache ist, Genderismus kultiviert, als Moralapostel predigend die Menschheit beglücken will und als Sittenwächter gerne anderen, z.B. auch anderen europäischen Völkern, vorschreiben möchte, wie sie zu leben, sich zu ernähren, zu sprechen und zu denken und politisch zu handeln haben!
Im innersten Kern aber ist der heutige Empfindsame das, was er war und ist: Ein Jammerlappen, der als Tugendbold andere nervt!

***Johann Wolfgang von Goethe, Der Triumph der Empfindsamkeit. Eine dramatische Grille. (Quelle: https://www.projekt-gutenberg.org/goethe/empfinds/chap002.html)

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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