Ein Päckchen mit blassblauer Schleife – zwölftes Kapitel

5. Tag, vormittags

Auto-Manni war nicht da. Pflege der Grünanlagen, das war die Tätigkeit, zu der er eingeteilt war. Ich überlegte kurz, ob das eine Form von subtilem Sadismus war, ausgerechnet diesem Auto-Freak die Betreuung von Pflanzen und Sträuchern aufs Auge zu drücken.

 

Ich saß auf meiner Pritsche und hielt das Päckchen in der Hand, das bei meiner Rückkehr aus der Klinik auf dem Nachttisch meines „Privatraums“ gelegen hatte. Feines weißes Geschenkpapier – natürlich mit kleinen Sonnenblumen bedruckt. Umgeben von blass-blauem Geschenkband mit einer kunstvoll gebundenen Schleife.

Die Ärzte hatten mich früh am Morgen noch einmal gründlich untersucht, den nötigen Schreibkram erledigt, mir ein Langzeit-EKG, kaum größer als eine Zigarettenschachtel, umgehängt und mich damit verkabelt. Als ich meine wenigen Habseligkeiten gepackt hatte und mich anschickte aufzubrechen, hatte mir Clemens noch ein „Denk an die Matratzen, Junge!“ zugeraunt, was ich ihm auch versprach. Der Transport war reibungslos verlaufen, ebenso der Empfang in der Anstalt. Ich musste eine Unterschrift leisten, bekam eine neue Garnitur Anstaltsunterwäsche und erhielt die Mitteilung, dass ich in den kommenden drei Tagen noch von jeglicher Arbeitstätigkeit befreit sei, um mich weiter zu erholen. Dann wurde ich in den Trakt geschickt.

blassblaue SchleifeUnd dort saß ich nun auf meiner Pritsche und hielt das Päckchen mit der blass-blauen Schleife in Händen, drehte und wendete es hin und her. Ich fühlte einen weichen Stoff durch das Papier.

Kein Absender, keine Anschrift! Vielleicht eine Aufmerksamkeit der Mitinsassen, ein frisches Badetuch oder ein Handtuch mit den unvermeidlichen Sonnen und Windrädern.

Ich schnupperte an dem Papier und der Schleife. Der Duft, der mir in die Nase stieg, erinnerte mich an etwas, was ich aber nicht greifen konnte. Jedenfalls war es kein Anstalts-Männer-Duft.

Ich zog die Schleife auf und falte das Geschenkpapier auseinander.

Eine Garnitur Unterwäsche, aus feinster weicher Baumwolle, ein Himmel für meine Haut. Zwischen Unterhemd und Unterhose lag ein Zettelchen von gleicher Farbe wie die Schleife.

„Gute Besserung wünscht Dr. A.S.S.!“

Schlagartig wusste ich, woran mich der Duft erinnert hatte.

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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