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14.Tag (heute), mittags

Sie versorgte Auto-Manni mit einem Druckverband, badagierte Gräffkes Kopf und spritzte ihm ein starkes Schmerzmittel. Beide lagen nun nebeneinander auf dem großen Arbeitstisch in der Küche. Dann gesellte sie sich zu uns.

 

„Du musst weg“, sagte Gratzek zu mir, „ganz gleich, wie der Tag heute noch ausgeht, du musst erst mal weg, außer Landes.“

Kotzer ergänzte:

„Und wir wissen auch schon, auf welchem Weg du rauskommst, so dass deine Spur nicht verfolgt werden kann.“

Er nahm das Handy, schoss ein Foto von mir und gab es dann Ehrgart, der eine Weile auf dem Tastenfeld herumfummelte und mir danach das Gerät mit den Worten in die Hand drückte:

„Die Schweine-Connection steht, das Foto von dir geht ab, eine bestimmte Nummer ist eingetippt. Du findest sie unter Pig-Up-Service. Kurze Zeit vor der Landung wählst du diese Nummer.“

„Vor welcher Landung?“ fragte ich.

„Vor der Landung des Flugzeugs, das ich für dich gebucht habe“, antwortete er und fuhr fort:

„Flugzeuge, die Schweine hereinbringen, können auch Attentäter wie dich, die Polizisten mit Möhren angreifen, herausbringen. Wir werden hier alles regeln. Wir werden die Waffen der Wachleute einsammeln und im Tresor von Wallbaums Büro verschließen, danach werden wir geschlossen in die Stadt ziehen, und zwar zügig. Ich gehe davon aus, dass in absehbarer Zeit Einsatzkräfte hier eintreffen. Dann müssen wir alle weg sein, nicht nur du. Ein Rettungswagen ist auf dem Weg hierhin. Du wirst mit Manni und Gräffken abtransportiert. Vom Krankenhaus aus geht es dann für dich weiter. Noch Fragen, Herr Schlehmann?“

rettungswagen„Und ihr, was ist mit euch. Werden sie euch nicht auch jagen?“

„Wir bleiben. Jeder Aufstand braucht einen guten Koch – oder, um Brecht zu zitieren: Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch dabei?“ sagte Ehrgart.

„Und einen guten Musiker“, meinte Kotzer, „und heute Abend werde ich die ersten Spottverse über diesen kleinen Politfunktionär schreiben, der einen Staat regieren will, aber noch nicht einmal richtig Rommé spielen kann.“

Er schlug Gratzek auf die Schulter.

„Und kochen kann er auch nicht“, ergänzte Ehrgart.

Gratzek sagte lächelnd:

„Los jetzt, ihr beiden. Wir kommen im Moment ohne euch aus. Gute Reise!“

Ich umarmte Gratzek, Ehrgart und Kotzer wortlos. Die drei drehten ab, intensiv miteinander redend.

Sie zog mich an der Hand auf den Innenhof, wir standen, mit dem Rücken an eine Wand gelehnt, nebeneinander.

„Ich habe Scheiße gebaut“, sagte ich.

„Stimmt“, meinte sie.

„Nicht wegen Gräffke, das meine ich nicht.“

„Stimmt.“

„Wegen uns.“

„Stimmt nicht!“

„Wegen mir!“

„Stimmt wieder!“

„Und wie geht es jetzt weiter?“ fragte ich nach einem Moment des Schweigens.

„Die Zukunft ist offen – in jeder Beziehung.“

„Und in unserer?“

„Ich kann nicht in die Zukunft sehen. Ich sehe nur die Gegenwart.“

„Und was siehst du da?“

„Einen Mann, der meine Hand hält und neben mir an einer Mauer steht.“

„Was für einen Mann?“

„Einen Glühlampen-Mann, einen Unterwäsche-Mann, einen Einhorn-Mann , einen Möhren-Attentäter-Mann. Meinen Mann!“

Mein Herz rumpelte.

„Ich liebe dich“, sagte ich.

„Ich weiß“, antwortete sie.

„Bleibt noch Zeit für einen Kuss?“ fragte ich.

„Für einen langen oder zwei kurze, denke ich!“

„Dann wähle ich den langen!“

Wir wandten uns einander zu. Der Kuss wurde lang, bis sie schließlich sagte:

„Der Wagen wird gleich kommen. Den Fahrer kennst du schon. Er bringt dich zum Flughafen. Von deiner Zieladresse aus geht es weiter zu meinem Bruder. Dorthin komme ich nach, sobald es geht.“

„Und dann?“

„Dann machen wir in einem roten Mercedes eine Autofahrt nach…“

„Ich weiß wohin“, sagte ich.

Ein Signalhorn ertönte.

„Dann ist ja alles gut. Aber jetzt zum Tor.“

Sie gab den Code zum Öffnen des Haupttores ein, das Ambulanzfahrzeug rollte in den Hof. Vier Männer brachten Manni und Gräffke auf zu Tragen umfunktionierten Pritschen nach draußen und verschwanden wieder im Gebäude.

Von Hiesfeld stieg aus dem Fahrerhaus. Er trug die knallrote Uniform eines Notarztes. Wir verfrachteten Manni und Gräffke in den Wagen.

„Bis bald“ sagte sie zu mir und dann zu von Hiesfeld:

„Passe schön auf diesen Kerl auf. Er wird noch gebraucht.“

Von Hiesfeld nickte kurz.

„Wir müssen los.“

Er setzte sich hinter das Lenkrad.

„Bis bald. Und gib auf dich acht!“ rief ich ihr zu, schon auf dem Weg zum Beifahrersitz.

„Das Trio Infernale wird auf mich aufpassen.“ Sie lachte.

Von Hiesfeld startete den Wagen. Wir verließen den Hof. Das Auto nahm Fahrt auf.

„So sieht man sich wieder“, sagte von Hiesfeld.

„Sie hätte ich nicht erwartet!“

„Warum?“ fragte er.

„Wegen des Parteibonbons am Arztkittel.“

„Gratzek ist doch auch in der Partei, nicht wahr. Und unter Wölfen tarnt man sich besser nicht als Lamm, sondern als Wolf. Oder profaner gesagt: Ich bin ein großer Liebhaber von Ehrgarts Kochkünsten, besonders von seinen Steaks. Und einen Grund, warum ich hier mitmache, kennen Sie ja schon.“

„Ihre Allergie gegen korrekte Unterwäsche?“

„Genau“, sagte er.

„Was passiert jetzt weiter?“ fragte ich.

„Kurz bevor wir die Klinik erreichen, halte ich. Sie gehen nach hinten und ziehen sich die Uniform des Rettungssanitäters an, die im Wagen hängt. Wir bringen die beiden zur Notfallaufnahme und fahren sofort Richtung Flughafen weiter. Dort wird ein anderes Glied in der Kette Sie übernehmen, mit der notwendigen Ausrüstung versorgen und in das passende Flugzeug schleusen. Ehrgart ist ein Organisationsgenie.“

„Ausrüstung? Was für eine Ausrüstung?“

„Die man braucht, wenn man in ein paar Tausend Metern Höhe rund zwei Stunden im Fahrwerkschacht eines Flugzeugs verbringt und einigermaßen heil ankommen will.“{jcomments on}

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Von Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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