Warum eigentlich wir?

Das hat geheißen: Mensch, sei natürlich! Du bist geschaffen aus Staub, Sand, Dreck. Willst du mehr sein als Staub, Sand, Dreck?“*

Nur mal angenommen, der „vom Menschen gemachte Klimawandel“ wäre tatsächlich eine nicht anzuzweifelnde Tatsache und der monokausale Zusammenhang zwischen CO-Ausstoß und Erderwärmung, Hitze, Fluten, Überschwemmungen, Dürren, Krampfadern und schlechten Fernsehserien sei unwiderlegbar. Und nur mal angenommen, wie zur Eröffnung der Konferenz in Glasgow von verschiedenen Rednern, zum Beispiel Klimaaktivisten wie dem britischen Boris und dem US-amerikanischen Sleepy Joe, ausgeführt, die Menschheit sei auf dem Wege, den Planeten massiv zu schädigen und (dadurch) sich selbst zu vernichten. Nur mal angenommen, diese Weltuntergangsszenarien in Glasgow seien so etwas wie die Offenbarungen des Johannes 2.0.: „Und ich sah, daß es das sechste Siegel auftat, und siehe, da ward ein großes Erdbeben, und die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack, und der Mond ward wie Blut; und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, gleichwie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von großem Wind bewegt wird.
Und der Himmel entwich wie ein zusammengerolltes Buch; und alle Berge und Inseln wurden bewegt aus ihren Örtern.“ (Offenbarung 6, 12-14)
Also angenommen,  die apokalyptischen Reiter manifestieren sich heute in übertretenden Meeren und darin versinkenden Inseln und Landstrichen, in Orkanen, die die Wälder umknicken lassen und Häuser wie Puppenstuben in der Luft zerreißen, in Hungersnöten, vermehrten Bürgerkriegen, einer verödenden und verendenden Flora und Fauna, im Aussterben aller Arten und in sich massakrierenden Menschen bis zur Selbstauslöschung der Gattung.

Ja – und dann? Was ist dann?

Worin besteht der Verlust, wenn in diesem grenzenlosen Universum, in dieser unendlichen Weite des Alls, dessen Grenzen wir nicht erreichen, ein kleiner Planet nur noch überhitzt und entvölkert um die Sonne kreist. Wird irgendein Stern seufzen und klagen, dass wir nicht mehr existieren, und zu sich selbst mit einem Hauch von Melancholie sagen: Nett waren sie aber auch irgendwie, diese Wesen, deren Lebensraum sie Erde genannt haben.
Wohl nicht! Denn melancholisch geseufzt über die Nicht-Existenz eines „Mensch“ genannten Wesens hat der Stern samt seinen Sternenbrüdern und Sternenschwestern auch nicht, als der Mensch noch gar nicht die Erde bevölkerte, ja, die Erde selbst noch nicht existent war. Vor vier bis fünf Milliarden Jahren ist die Erde entstanden, vor etwa vier Milliarden Jahren hat sich die Erdkruste herausgebildet und die ersten Lebewesen, wenn man so will, kamen auf die Welt: die Bakterien.
Vor 570 Mio. Jahren, es ist übrigens recht warm, beleben wirbellose Wassertierchen die Erde, vor 360 Mio. Jahren dann, es ist recht warm und feucht in diesem Karbon genannten Erdzeitalter, tauchen Reptilien und Insekten auf. Vor 250 Mio. Jahren (Trias) ist die Hochzeit der Saurier. Und nochmal viel später taucht er auf, der Mensch oder sein Vorfahr, irgendwann im Zeitraum vor 65 bis 3 Mio. Jahren. Vor 600000 bis 10000 Jahren (Pleistozän) übersteht der Mensch vier Eiszeiten und drei Warmzeiten, deren letzte gut 60 000 Jahre andauerte. Im Pleistozän tummeln sich auf der Erde der Neandertaler und der Steinheimmensch, der Pekingmensch und der Javamensch (benannt nach ihren Fundorten), aber auch das Mammut, der Ur und der Säbeltiger.
Der Mensch ist also, gemessen am Erdzeitalter und erst recht gemessen am Universum, eine ziemlich nebensächliche und flüchtige Art (seine Vorfahren sind längst verschwunden) und von brüchiger Existenz! Kurz: eine ziemlich schräge Nummer!
Warum also eigentlich wir? Ausgerechnet dieses Wimpernschlag-Wesen meint nun, die Erde und sich selbst retten zu müssen? Wir meinen, wir müssten auf Bäume klettern, um sie vor dem Abholzen zu schützen? Wo wir doch einen großen Teil unserer Existenz den verrotteten Bäumen des Karbonzeitalters verdanken, die wir als Kohle für uns nutzen! Hat der Neandertaler den Anspruch erhoben, als Gattung zu überleben? Haben die aussterbenden Saurier sanft protestiert, als einer nach dem anderen von der Erde verschwand? Haben die Menschen des Pleistozäns eine Protestnote verfasst, als sie feststellten, dass etwa ein Drittel der Erde von Eis bedeckt und es im Durchschnitt 7-10 Grad kälter war als jetzt?
Die Menschen haben sich in ihrer Geschichte rücksichtlos gegenseitig umgebracht – beim Streit um ein Wasserloch, ein Stück Land, ein Mammutfell, ein Stück Fleisch. Kein anderes Lebewesen hat Angehörige seiner eigenen Art in diesem Maße versklavt, gefoltert, fabrikmäßig getötet. Auf dem afrikanischen Kontinent und auch in anderen Teilen der Welt sterben seit Jahren und Jahrzehnten Menschen an Hunger, Seuchen, Bürgerkriegshandlungen, Rassenkonflikten, Stammesfehden und religiösem Wahn, Ausbeutung. Jetzt aber sollen, unter der Klima-Fahne, auf einmal die gesamte Welt und die Gattung als Ganzes gerettet werden?
Warum denn? Und warum eigentlich ausgerechnet wir?
Der Natur und dem Planeten würde es am meisten nützen, wenn wir als Gattung nicht (mehr) vorhanden wären. Ein Gattung, die sich hinmetzelt und zugleich unaufhaltsam und in rasender Geschwindigkeit vermehrt, so dass die Frage unweigerlich zu stellen ist, was der Erde mehr schadet: der CO2-Ausstoß oder die Vermehrung der Gattung Mensch? Und warum dann, wenn man die Welt retten will, nicht Abschied von der Existenz der eigenen Gattung nehmen, diesem größten Schädling, der auf diesem Planeten lebt?
Wie begründet sich dieser Anspruch, den Planeten, die Welt und die Menschheit zu retten? Moralisch, theologisch, ökonomisch? Oder ist dieser Anspruch nichts anderes als der Ausdruck eines massenhaften Narzissmus, der sich als Welt- und Menschenliebe camoufliert? Der Narzissmus einer (überwiegend jungen) Generation, die mit sich selbst und ihrer Gegenwart nichts anzufangen weiß, sich von den Eltern pampern lässt, die man zugleich beneidet und verachtet. Die sich von der bösen Gesellschaft, deren soziale Ressourcen man in Anspruch nimmt und zugleich verschleudert, distanziert, während man tagtäglich eine neue Mikroaggression entdeckt, unter der man ebenso leidet wie unter Prüfungsfragen in Klausuren oder einer Hautcreme mit Mikroplastikpartikeln, die eine bisher beliebte Influencerin empfohlen hat, eine Creme, die beim Auftragen zu Pusteln und Rötungen der Haut führt.
Ist also die einzig richtige und vor allem ehrliche Rettungsstrategie für die Erde nicht letztlich  eine finale Exitstrategie, mit der sich die Menschheit abschafft, weil sie für die Welt nicht nötig, sondern vielmehr schädlich und – noch viel wichtiger! – einfach überflüssig ist!?

Wie sagt schon Marie in Büchners „Woyzeck“:

Ach, was Welt! Geht doch alle zum Teufel, Mann und Weib!”**

*Georg Büchner, Woyzeck (Szene Buden. Lichter. Volk ; Der Budenbesitzer)
**a.a.O., (Szene Mariens Kammer; Marie)

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

4 Gedanken zu „Warum eigentlich wir?

  • 3. November 2021 um 10:55
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    “Auf der Welt ist kein Bestand, // Wir müssen Alle sterben, das ist uns wohlbekannt. // Heissassa! Hopssassa!” – Wozzeck / Alter Mann und Kind, S. 166

    https://www.facebook.com/photo.php?fbid=4870194479680809&set=p.4870194479680809&type=3

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  • 3. November 2021 um 10:57
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    Nachdem die christliche Tradition in Mitteleuropa in grossen Teilen verschwunden ist, brauchen Menschen halt etwas anderes, an was sie glauben können – wie z.B. der “menschengemachte Klimawandel”.
    Guter Nebeneffekt, dass man auch mit diesem Glauben über andere Menschen herrschen kann.
    Also genauso wie früher “von Gottes Gnaden”.

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  • 4. November 2021 um 11:03
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    Aber dann muss mann\frau doch doch freitags keine Schule mehr schwänzen!? 😮

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  • 4. November 2021 um 17:46
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    Ich zitiere gerne mal aus einem meiner Lieblingsbücher: Möbius: Ich bin Salomo. Ich bin der arme König Salomo. Einst war ich unermeßlich reich, weise und gottesfürchtig. Ob meiner Macht erzitterten die Gewaltigen. Ich war ein Fürst des Friedens und der Gerechtigkeit. Aber meine Weisheit zerstörte meine Gottesfurcht, und als ich Gott nicht mehr fürchtete, zerstörte meine Weisheit meinen Reichtum. Nun sind die Städte tot, über die ich regierte, mein Reich leer, das mir anvertraut worden war, eine blauschimmernde Wüste, und, irgendwo, um einen kleinen, gelben, namenlosen Stern, kreist, sinnlos, immerzu, die radioaktive Erde. Ich bin Salomo, ich bin Salomo, ich bin der arme König Salomo.

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