Les Temps Perdus – Vom Nutzen der Bleistifte für das Hören von Musik

Folge 7

In dem Körbchen auf meinem Schreibtisch habe ich neben Filzstiften, Kugelschreibern, Overhead-Stiften und Füllhaltern auch zwei Bleistifte: einen STAEDLER Noris Club triplus jumbo (dreieckig) und einen STAEDLER Noris 2B (sechseckig). Beide müssten übrigens ´mal wieder angespitzt werden!

Dass man diese Schreibgeräte BLEISTIFT genannt hat, beruht übrigens auf einer Fehlannahme: bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts glaubte man nämlich, bei dem für die Herstellung von Bleistiften (von Schulkindern gerne „Bleier“ genannt) verwendeten Graphit handele es sich um ein Bleierz (Galenit).

Compactcassette - Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.
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Bleistifte bestehen bekanntlich aus einer Mine (ein Graphit-Ton-Gemisch) und einem Schaft aus Holz, für das zumeist Zedernholz (teuer), Pinienholz oder das Holz von Ahorn und Linde verarbeitet wird. Im Alltag benutzen wir zumeist Bleistifte mit eckigem Schaft – der soll bei schräg gestellter Schreibtischplatte verhindern, dass der abgelegte Bleistift ins Rollen kommt und auf dem Boden landet. Angeblich sollen Stenographen (gibt es diesen Berufszweig eigentlich noch?) runde Bleistifte bevorzugen, weil ein eckiger Schaft beim lang andauernden Schreiben schneller einen (Druck-)Schmerz in der Hand hervorruft. Na ja, so hat auch dieser Beruf Risikopotenzial!

Ich habe aber aus ganz anderen Gründen immer die eckige Schaftvariante bevorzugt- jedenfalls in der Zeit, in der man Musik nicht streamte und auf iPods oder Smartphones speicherte, sondern vom Radio oder einem Plattenspieler auf Cassetten (Kassetten) als Speichermedium aufspielte, die dann in einem Walk-Man oder einem Cassettengerät oder einem Cassettendeck im Autoradio zum Abspielen der aufgenommenen Musik dienten.

Die Kompaktkassette (auch Musikkassette = MC), ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre im Einsatz, war ein hoch sensibles Gerät, das die bösartige Eigenschaft hatte, gelegentlich das Magnetband, auf dem die Musik gespeichert war, zu schreddern, zu verknoten, zu zerreißen. Dann musste die Cassette dem Abspielgerät entnommen werden und das zerrissene Band war mit geeigneten Hilfsmitteln zu flicken, die es im praktischen Set zu kaufen gab. Nach der Flickarbeit war das Band wieder aufzurollen und stramm zu ziehen – und dafür hatte jede MC eine linke und eine rechte Bandwickelrolle mit Bandbefestigung, über die die MC angetrieben wurde.

Diese Bandwickelrolle hatte üblicherweise sechs Zähne – und damit sind wir wieder beim Bleistift angekommen, und zwar beim sechseckigen. Denn ein solcher sechseckiger Bleistift konnte durch die Öffnung der Bandwickelrolle geschoben werden, in die sechs Zähne greifen und so zum mechanischen Transport des Bandes dienen, bis es wieder stramm in der Spur war.

Dass ihre wunderbaren Schreibgeräte Jugendlichen dabei helfen, ihre MCs zu reparieren, ist den Herstellern von Bleistiften bestimmt nicht in den Sinn gekommen. Aber welchem Hersteller von Nylonstrümpfen kommt schon in den Sinn, dass sein Produkt findigen Autofahrern als kurzfristiger Ersatz für einen gerissenen Keilriemen dienen kann. Es kommt halt darauf, was man aus (oder mit) so einer Sache macht!

Heute haben Bleistifte die damalige Funktion als Bandaufwickelgerät weitestgehend verloren – denn Musik aus Kassetten ist wohl nur noch eine Liebhaberangelegenheit. Aber angespitzt werden müssen die Bleier immer noch – egal ob sechs- oder dreieckig oder rund!

 

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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