Schräge 7, glatte 3 oder verknitterte 10? Fußball als Zahlenakrobatik aus der Gequatsche-Maschine

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Jetzt haben wir die Debatte am Hals, die nicht aufgekommen wäre, wenn der Spieler Füllkrug gegen Spanien nicht das 1:1 geschossen hätte. Hat er aber. Und deshalb jetzt die Debatte um die echte 9, die man ganz früher Mittelstürmer nannte. Und der Mittelstürmer trug die 9 auf dem Trikot, passend zu seiner Position (7 Rechtsaußen, 9 Mittelstürmer, 11 Linksaußen). Da spielte man noch das WM-System – als Reaktion auf die 1925 modifizierten Abseitsreglungen. Hinter 7, 9 und 11 (in den Zwischenräumen) die 8 (halbrechts) und die 10 (halblinks). 6 und 4 waren die Außenläufer (links/rechts), 3 und 2 die Verteidiger, 5 der Mittelläufer. Die Anordnung ergibt die Buchstaben W und M in graphischer Darstellung. Der Mittelläufer übernahm später die Funktion des Vorstoppers, hinter dem der Libero agierte, dem man nun viel Freiheiten gewähren konnte, weil er abgesichert war. Deshalb konnte der Libero sich auch in den Angriff einschalten – idealtypisch verkörpert durch Franz Beckenbauer, der bekanntlich „Katsche“ Schwarzenbeck als Absicherung hatte. Inzwischen sagen die Nummern (fast) nichts mehr über die Position (wie im WM-System), weil das Team über die 11 hinausgeht und die Systeme wechseln. Wilmots, das Kampfschwein, hatte bekanntlich die 25, Thon die 10 („Spielmacher“).
Heute gibt es die unterschiedlichen Spielsysteme, etwa 4er- und 3er Abwehrkette, in der Verteidigung wie auch im Mittelfeld und Angriff. Betont wird heutzutage gerne die Doppel-Sechs, wobei der eine Spieler auf der Position (egal mit welcher Rückennummer) eine eher defensive, der andere eine eher offensive Rolle spielt. Die ganze Systematik mit ihren Varianten ist aber nicht unbedingt verantwortlich für besseren Fußball. Auf jeden Fall ist sie aber mitverantwortlich für das unsägliche Gequatsche, das mittlerweile bei Fußballübertragungen herrscht und in letzter Zeit ins nahezu Unerträgliche gesteigert wird, obwohl sich herumgesprochen haben sollte, dass das Medium der Übertragung zumeist das Fernsehgerät ist und dadurch der Zuhörer am Radio zum Zuschauer vor dem Bildschirm geworden ist, also sieht, was auf dem Feld passiert. Es ist also völlig unnötig, den Menschen vor den Bildschirmen zu sagen, was sie selbst sehen. Die „Fernseh-Macher“ scheinen aber trotzdem der Auffassung zu sein, dass man dem Fernseh-Reporter auch noch einen „Experten“ an die Seite setzen sollte, der den Wortschwall zu verdoppeln hilft. Und der, weil er ja Experte ist (meistens ehemalige Fußballer, oft eher zweitrangig, die einen Vokabel- und Sprachschnellkurs mit „ausreichend“ abgeschlossen haben), nun auch sein Expertenwissen verraten muss. So wichtige Sachen wie Hinweise darauf, wer wann wo unter dem Trainer Y beim Spiel gegen X eine gelbe Karte bekommen, mittlerweile aber „Leader-Qualitäten“ entwickelt hat. Und wer gerade im Spiel das „Momentum“ auf seiner Seite hat (muss in jeder Reportage vorkommen). Und vor lauter Pressing- und Gegenpressing-Gebrabbel kann man manchmal dem Trugschluss aufsitzen, man sei nicht in einem Fußballstadion, sondern auf einer Geburtshilfestation („Pressen, pressen!“).
Und dann kommt es eben auch zu der Fragestellung, ob eine echte 9 (Füllkrug) nicht einer falschen 9 (Müller) vorzuziehen sei, um doch noch das Achtelfinale zu erreichen. Die Antwort auf die Frage hat aber weitreichende Konsequenzen, z.B. für die Mittelfeldachse. Und natürlich überhaupt für das Weiterkommen – Schande des Ausscheidens aus dem Turnier, Wiederholung der deutschen Schmach der letzten WM oder doch Einzug in die nächste Runde. Deshalb ist das eine Frage von nationaler Tragweite mit der echten und falschen 9, der schrägen 7, der glatten 3, der verknitterten 10 und der Doppel-Null (ne, das war James Bond). Etwas ist aber doch klar: Eine 9 (ob echt oder falsch), die Tore schießt, ist einer 9 vorzuziehen, die keine Tore schießt!
Und zwar deshalb, weil Fußball im Grunde ein ganz einfaches Spiel ist, weitaus weniger „verkopft“ als Basketball oder Handball mit den komplizierten Schrittfolgen. Weswegen Fußball nahezu überall auf der Welt gespielt wird und auf fast jedem Acker auch gespielt werden kann – mit einem aus Lumpen zusammengedrehten Ball und ohne 200-Euro teure Fußballschuhe. Notfalls sogar barfuß! Aber immer dann, wenn Körperbeherrschung, überragende Technik, Spielwitz und fußballerische Genialität zusammenspielen, so wie etwa vor ein paar Tagen beim Tor von Richarlison im Spiel Brasilien gegen Serbien in der 73. Minute, gibt es magische Momente und Fußballästhetik auf höchstem Niveau. Da ist der Übergang zwischen Sport und Kunst fließend!
Aber diese Gedankentüfteleien, dieses Strategiegelaber, dieses Expertengebrabbel braucht es nicht. Fußball ist, und das ist der Normalfall, schlicht und einfach – und schlicht und einfach schön!
Trainerlegende Max Merkel, dem wir viele Fußballweisheiten zu verdanken haben, hat diese schöne Schlichtheit wunderbar zum Ausdruck gebracht, als er einst sagte:
“Im Training habe ich mal die Alkoholiker meiner Mannschaft gegen die Anti-Alkoholiker spielen lassen. Die Alkoholiker gewannen 7:1. Da habe ich gesagt: Sauft’s weiter!”

Ergänzung:wichtige Vokabeln zum Mitreden

Individuelle Belastungssteuerung, Box, Schnittstelle, Spiel mit und gegen den Ball, gefährliche Zone, Passquote, Ballbesitz, zweiter Ball, VAR

 

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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