Hollow Talk*

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Maritime Gefahren und Eintrittskarten

Es ist wahrscheinlich nur ein böser Witz, der sagt, die Schifffahrtsregel „Frauen und Kinder zuerst“, wenn ein Schiff untergeht, gäbe es nur deshalb, weil die Männer das Geschrei nicht ertragen könnten. Aber wie dem auch sei: Man müsste die Regel neu bedenken, wenn die Bipolarität der Geschlechtszuordnung (Mann/Frau) aufgehoben ist und es zudem noch möglich ist, quasi auf Zuruf, die eigenen Geschlechtszuordnung zu bestimmen und das Geschlecht zu verändern.
Wie gehe ich etwa damit um, wenn Männer, die gestern Abend noch mit mir am Pokertisch im Spielsalon der „Queen of Evolution“ gesessen, geraucht und Männerwitze über Frauen gerissen haben, nun, da das Schiff sinkt, vor mir einen Platz im Rettungsbott verlangen, weil sie, ihrer Behauptung nach, eine Frau sind. Und wo reihen sich eigentliche die Diversen ein? Nach den Frauen, aber vor den Männern? Oder werden die Rettungsboote von vornherein nach Geschlechterzuordnung aufgeteilt?
Aber letztlich behandelt diese Fragestellung auch nichts anderes als das Thema „Frauenparkplätze“ im Gewand des Maritimen. Und von den Plätzen beanspruche ich demnächst zwei, nicht weil ich als Frau so toll bin, sondern weil mein Wagen halt zwei Plätze braucht. Als Frau kann ich mir doch auch mal was Größeres und Breiteres leisten und muss nicht immer im smart herumfahren. Auch als Frau kann man nicht nur smart Hummer essen, sondern auch smart im Hummer fahren!
Oder die Badewannenthematik, die jetzt im Zuge der Notwendigkeit, Energie zu sparen, unter ganz neuen Aspekten wieder auf die Tagesordnung kommt. Also früher, als die Welt noch klare Ordnungsprinzipien hatte, also als das Badewasser über dem Feuer in einem Kessel erwärmt wurde, bevor es in den Zuber kam, war klar: Erst der Vater, dann die Mutter, dann die Kinder, dem Alter nach geordnet, in das Badewasser, das von mehreren Personen hintereinander genutzt wurde. Aber in geordneter Reihenfolge! Und dann kam das demokratische und doch eher pragmatische Duschen – jeder und jede in eigenem Duschwasser. Und jetzt? Wo wir Energie sparen müssen und der Luxus eigenen Duschens der Vergangenheit angehört? Was passiert, wenn die Mutter sich zum Mann erklärt? Und auf einmal zwei Männer in der Familie Anspruch auf den ersten Badewannengang erheben. Oder gilt dann die maritime Regel in diesem Fall ebenfalls: Frauen und Kinder zuerst? Schließlich kann man auch in einer Wanne ersaufen und nicht nur in der Nordsee-Mordsee oder bei einer Atlantikpassage in die USA!

Ich war zum Beispiel Sonntagmittag bei einem Amateurfußballspiel in GE-Resse (Auswärtsspiel). Am Eingang zum Platz wurden von mir 2 EURO für eine Eintrittskarte verlangt. Der Kartenmann ordnete mich wie selbstverständliche dem Geschlecht „männlich“ zu und kassierte. Und Frauen? Frauen hatten freien Eintritt. Meine Aussage an der Pforte, ich fühlte mich seit dem Morgen echt als Frau, wurde mit einem Lächeln beantwortet, während der Mann mir die 2 Euro abknöpfte! 2 Euro bezahlt – und auch noch eine Auswärtsniederlage mitgenommen!

Und zuletzt: Hätte ich schon die Chancen des Frauseins nutzen können, dann hätte ich doch im öffentlichen Dienst locker eine Eintrittskarte für ein paar Beförderungsstufen weiter oben gehabt. Oder ich hätte gleich zu den Grünen gehen können. Staatssekretärin wäre drin gewesen oder sogar Staatsministerin – für Kultur etwa. Kanzlerin allerdings nicht – dafür wäre ich zu qualifiziert gewesen!
Aber man kann ja nicht alles haben! Auch als Frau nicht!

  • hollow (Adj.): hohl, dumpf, leer, bedeutungslos

 

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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Ali-Emilia Podstawa

Als Teil-Analoge*r Schreiberling*in geht mein Rat hin zur Lesart der Nicht-Binärität für maximale Flexibilität im Alltag. Beim Besuch eines Amatuerfußballspiels kann ein hauteng über dem Bierbauch spannendes T-Shirt mit der Aufschrift “schwanger” gedankenlosen Kassierern bei der Eintrittspreisfindung helfen, eventuell auch die Begleitung durch ens Rechtsanwaltix, um finanzielle Diskriminierung anzuprangern. Dass daran immer noch täglich erinnert werden muss, zeigt uns allen, wie lang der Weg noch ist, der vor uns liegt.

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Last edited 5 Monate zuvor by Ali-Emilia Podstawa
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