THE INSANE* oder Wir müssen lernen, Karl Lauterbach als Kunstwerk zu verstehen

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Jeglicher Versuch, Karl Lauterbach mit den Instrumentarien des Verstandes (der ratio) zu messen oder zu vermessen, ist zum Scheitern verurteilt. Wer wie ich immer wieder darum bemüht war, ihn verstandesmäßig zu begreifen, ist bereits in einem Irrgarten gefangen, hat sich in Paradoxien verloren und kommt an einen Punkt, an dem man glaubt, man selbst habe eine abberatio mentalis partialis und sei eine Figur Büchners (“Woyzeck. Er hat die schönste aberratio mentalis partialis, zweite Species, sehr schön ausgeprägt. Woyzeck“.) Aber wir können ihn – in Ansätzen – erfassen, wenn wir ihn nicht politisch betrachten, sondern uns ihm als Kunstwerk nähern, das er ist!
Ohne jetzt in aktuelle kunsttheoretische Diskurse eingreifen zu wollen und der Frage nachzugehen, wo die Moderne endet und die Postmoderne beginnt und ob eine trennscharfe Definition der Lauterbachschen Kunstform überhaupt möglich ist, begnüge ich mich an dieser Stelle mit dem Hinweis, dass man Lauterbachs Performances sicher in einen weit gefassten Begriff von Konzeptkunst einordnen kann. Eine Form der Bild-Sprach-Darstellungskunst, die in einem ständigen „Flow“ Elemente der dadaistischen Sprachkunst, des „armen Theaters“ im Gefolge von Jerzy Grotowski und der Method Acting School (The Lee Strasberg Theater & Film Institute, New York) mit Elementen des Fluxus verbindet und sich jeglicher illusionistischen (Bild-)Konzeption verweigert. Jeder Auftritt Lauterbachs steht für sich und ist doch verbunden mit den anderen – zurück bleibt immer eine gewisse Leere, weil die Auftritte mehr Fragen zurücklassen als Antworten geben. Wir wissen nicht, ob das, was wir gesehen haben, geschehen ist, und wir wissen nicht, ob das, was wir gehört haben, überhaupt gesagt wurde. Wir kommen an die Grenze unserer Sinnesorgane und unseres Sprach- und Sprechvermögens. Lauterbach hat die beabsichtigte Wirkung seiner Auftritte einmal in die Worte gefasst: „Your Eyes Will Be An Empty Word.“ Auf die Frage, ob er seine Kunst einer zeitgenössischen Strömung zuordnen wolle, hat er geantwortet „Ich würde es INSANE-ISMUS oder WIRROLOGISMUS nennen, kurz auch  ALSO-Kunst.“
Wer ALSO offen ist für Avantgardistisches, Verstörendes, Irritierendes jenseits der rundgelutschten Mainstream-Plattitüden der politischen Papageien in der Reichstagsvoliere, der muss hinhören und hinsehen, wenn Lauterbach vor das Publikum tritt, etwa wie zuletzt in der Bundespressekonferenz. Ein Genuss für Kenner und ein Einstieg für alle die, die sich auf den Weg machen wollen, um moderne Kunst zu erleben.
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Lauterbach über Winterreifen- und Schneekettenstufe im (geplanten)Infektionsschutzgesetz : https://www.youtube.com/watch?v=cZr-laxj0cc (ab etwa 4.00)
*https://www.merriam-webster.com/dictionary/insane

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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Ali-Emilia Podstawa

Man kann es sich nun bildlich vorstellen, wie der Gelsenkirchener Kunstbanause Buschmann am Tag vor seinem Urlaubsantritt mitten in den endlosen, dadaistischen Monologen des Bundesalsoministers plötzlich vom Verhandlungstisch aufsprang und rief: “Ja, ja, es ist gut! Wir machen alles genau so, wie es seit Tagen wortwörtlich mitprotokoliert wurde und schreiben es eins zu eins ins Gesetz. Es muss ein Ende haben! Die Gefahr eines Coronatoten im Kabinett steigt sonst dramatisch an! Meine Blutdrucksenker wirken seit Tagen nicht mehr! Ich bin urlaubsreif und kann nicht mehr!”
Er wandte sich an seinen Staatssekretär und flehte ihn an: “Halte mich! Entweder Karl hört sofort mit der Folter auf, oder ich muss dem Ganzen hier und jetzt sofort ein Ende bereiten! – Ich plädiere auf verminderte Schuldfähigkeit für mich, weise darauf hin, dass jegliche Art der Folter durch Staatsorgane verfassungswidrig ist und werde jetzt in Notwehr handeln, wenn ich nicht zurückgehalten werde!”
Er wurde vom eiligst herbeigerufenen medizinischen Dienst an einen Ort absoluter Stille gebracht, an dem er sich zurzeit erholt.
So erklärt es sich auch, warum der Justizminister nicht persönlich, sondern nur per Video bei der Vorstellung des zerstrubbelten Gesetzentwurfs zugeschaltet war. Die digitale Bildverarbeitung in Echtzeit ist wirklich verblüffend. Es fiel gar nicht auf, dass in Wirklichkeit Klitschko sprach…

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Last edited 1 Monat zuvor by Ali-Emilia Podstawa
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