Buchbesprechung: Zu Philemon Baucis´ neuem Roman „Entblößung“

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Buchbesprechung: Gastbeitrag
Zu Philemon Baucis´ neuem Roman „Entblößung“

Von Lucius Leuchtentrager ( zur Zeit Valenciennes, Frankreich, Region Hauts-de-France).

Spätestens seit seinem zugleich islamkritischen wie die bürgerliche Schicht als heuchlerisch darstellenden Romanerfolg „Untergrabung“ gilt der 48jährige Franzose als „Skandalautor“.
Schon in dem Vorläufer zu „Untergrabung“, dem deutlich satirisch überzeichneten Werk „Engführung des Liebeskampfes“, hatte sich Baucis dem moralischen Verfall des Bürgertums zugewandt. Ging es in „Engführung“ um die sexuelle Doppelmoral und die lackierte Oberfläche von Liebesbeziehungen im bourgeoisen Milieu, attackierte er in „Untergrabung“ die Zerstörung jeglicher Moral um der Karriere und des Aufstiegs in die oberen Zehntausend wegen. In „Entblößung“ widmet er sich nun den völlig verflachten, sich nur noch in Ritualen erschöpfenden politischen Ambitionen des „juste milieu“, also jener letztlich kleinbürgerlichen Schicht aus woken Sprachpolizisten, nervigen Klimaverbesserern, Freizeit-Katholikinnen, Fahrern von Lastenfahrrädern und selbstgerechten Latte-Trinkern, kurz jener spießigen Schickeria, die sich selbst für den Nabel der Welt hält.
Er tut dies – im Kern des Romans – am Beispiel einer Ratssitzung im Kommunalparlament der Gemeinde Innocents du Cimetières, einer einst blühenden Kohlestadt, die aber den Strukturwandel verpasst hat.
Anhand einer recht simplen politischen Thematik, es geht um die Forderung von Bürgern, ein verfallenes Parkhaus abzureißen und auf der so gewonnenen Freifläche einen Park für die Bürgerschaft einzurichten, skizziert Baucis dieses Milieu mit scharfen Charakterzeichnungen und einem zynischen Ton der Verachtung gegenüber einer kleinen Gruppe von „ehrenamtlichen“ Politikern, die zwar unterschiedliche politische Strömungen bzw. Parteien repräsentieren, für die sie im Stadtparlament sitzen, die aber – über Parteigrenzen hinweg – Gemeinsamkeiten haben: Eine nur noch grotesk zu nennende politische Ahnungs- und Selbstgenügsamkeit, die von der in unterschiedlichen Formen ausgeprägten Selbstgefälligkeit und Sucht zur Selbstdarstellung allerdings noch übertroffen wird.
Das politische Anliegen selbst gerät für die Protagonisten zur Nebensache, wird von Baucis nahezu als bedeutungslos markiert. Die Thematik des Parks und des Parkhauses ist völlig austauschbar und den dilettierenden Selbstdarstellern im Rat im Grunde völlig gleichgültig. Denn letztlich sind das Thema des Romans die Figuren selbst, ihre gespreizte Eitelkeit, ihre Wichtigtuerei, ihre inhaltsleeren Reden, die Ausdruck einer kompletten Halbbildung und einer politischen Austauschbarkeit sind. Deswegen sind die Reden, die diese Politdarsteller halten, auch nur zusammengesetzte Allgemeinplätze aus dem Baukasten für Politikfloskeln und srachliche Absonderungen ihrer geistigen Bescheidenheit.
Da ist, als eine der Figuren neben dem Hauptpersonal, Jaqueline: glatt, poliert, dümmlich, aber immer in einer Parodie auf guten Geschmack gekleidet: extrem kurzes Röckchen, extrem enges Top, extrem lange Stulpenstiefel für die extrem langen Beine! Kurz: eine extrem billige Gestalt, die Baucis der Resterampe eines Bordsteinschwalbenkatalogs entnommen haben könnte.
Da präsidiert der Versammlung Gerard, der mit seinen lackierten Fußnägeln und seiner grell-roten Fliege in Miniaturausgabe einen flachen Komiker bei einer Büttenrede geben könnte, die so unterirdisch gerät, dass es während des Vortrags zu einigen Selbstverbrennungen im Publikum kommt.
Da ist die progressive Nadine, die völlig tonlos und ohne jegliche Akzentsetzung durch den Vortrag ihres Redemanuskripts stolpert, als spräche sie ihre Rede aus dem eigenen Grab heraus nach ihrem Ableben, sodass man als Besucher der Sitzung von der Tribüne hinab in den Saal springen möchte, um sie in den Arm zu nehmen und ihr zu sagen: Lass es doch!
Und zuletzt ist da noch die von Baucis als Transgender-Wesen wie mit groben Kohlestrichen gezeichnete Georgette (vorher mal Georg), Blech ins Gesicht getackert, schrill geschminkte Lippen, von den Männern im Parlament hinter vorgehaltener Hand nach dem dritten Rotwein als „Ratsmitglied Doppelzentner“ verspottet, aber öffentlich natürlich als „mutig“ und „zukunftsweisend“ apostrophiert. Und von den stutenbissigen Frauen im Klüngelparlament wird sie erst recht im Grunde ihres Herzens verachtet, weil sie so viel Aufmerksamkeit bekommt.

Diese Hauptfiguren werden umkreist von nicht minder negativ gezeichneten Mitläufern. Allesamt mit toten Augen, einem toten Geist und der ausschließlichen Intention, um ihrer selbst Willen in dem Gremium zu sitzen. Dabei schlägt Baucis besonders heftig auf die progressive Schickeria ein, im Roman verkörpert durch Georgette, Nadine und Gerard, ein „Trio Infernale“ der Selbstgerechtigkeit und Selbstüberhöhung, das über den noch einen Diesel fahrenden Werktätigen, der täglich die marode Stadt verlassen muss, um den 60 KM entfernten Arbeitsplatz zu erreichen, moralisierend herzieht. Aber diese Moral ist scheinheilig!

Eine Volte hat Baucis am Ende des Romans noch parat. Natürlich wird der bürgerschaftliche Antrag abgelehnt. Aber in einer nicht-öffentlichen Besprechung nach der Ratssitzung wird von Baucis´ Trio Infernale verabredet, der städtischen Verwaltung einen Planungsauftrag zu erteilen, der mit dem Bürgerantrag nahezu identisch ist, wobei der zu planende Park drei Wege bekommen soll, die wegen ihrer Verdienste um das Gemeinwohl nach ihnen benannt werden sollen!
Baucis´ Sprache ist, wie wir es von ihm schon kennen, pointiert, ausgefeilt, durchzogen von politischer Unkorrektheit, manchmal etwas strapaziös, aber nie langweilig. Sie gleicht einem Seziermesser, das gnadenlos die verfaulte Dumpfheit unter der glänzenden Oberfläche freilegt!
Wie die politischen Ansichten der Protagonisten austauschbar und beliebig sind, so ist es auch der Schauplatz. Man könnte manchmal meinen, der französische Ort läge vor unserer Haustür und wir begegneten den Figuren auf unseren Straßen!
Leseempfehlung: EINDEUTIG JA!

Lucius Leuchtentrager

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