Wahnsinnig wahnwitzig

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Die Bürgercenter Gelsenkirchens vergeben nur Termine für 8 Wochen im Voraus. Derzeit ist alles ausgebucht. Zwei Wochen Zeit hat ein Bürger für An- oder Abmeldung. Wer länger mit der Ummeldung wartet, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Die städtische Behörde kann beim verspäteten Besuch im Bürgercenter eine Geldbuße von bis zu 1000 Euro verhängen. Brave Neubürger warten auf ihren Termin und sparen schon mal an.

Wer seinen gültigen Führerschein umtauschen muss, weil die obersten Befehlshaber in der EU-Administration das für unverzichtbar halten, bekommt in Gelsenkirchen bei der Führerscheinstelle in diesem Jahr keinen Termin mehr. Die nächsten 120 Tage sind alle ausgebucht. Die erste Umtauschfrist endet am 19.01.2022. Das könnte knapp werden, zumal das fälschungssichere Plastikkärtchen an geheimen Fertigungsstätten bis zur Auslieferung wochenlang von Fahrerlaubniserzeugenden kunstvoll geschmiedet und zurechtgedengelt werden muss. Es drohe aber nur ein ‚mildes Verwarnungsgeld‘, falls dem schirmbemützten Beamten bei einer Kontrolle der Papiere danach ist, schreiben die Allesversteher von correctiv. Eine gute Verwaltung braucht nur zwei Dinge: Alle Zeit der Welt und detaillierte Strafkataloge, die unabhängig vom Verhalten der Bürger für Einnahmen sorgen.

Wer eine Beteiligung an einer Weltklimaschutzkapitalgesellschaft zur Rettung der Erde erworben hat, die aus bewegter rheinländischer Luft Strom macht, der zahlt 6% Strafzinsen pro Jahr auf den ihm zugerechneten Gewinn, weil das moralisch tadellose Unternehmen seine Unternehmenssteuererklärung stets gesetzeskonform mit zwei Jahren Verzögerung beim Finanzamt einreicht. So verdient der Finanzminister an der Weltenrettung mit. Da dieser sich meist an nichts erinnern kann, hält er sich für nicht verantwortlich. Das Bundesverfassungsgericht urteilte nun, in Zeiten von negativen Guthabenzinsen auf Privatkonten seien 6% Strafzinsen beim Finanzamt nicht mehr zeitgemäß. Bis zum St. Nimmerleinstag sollen geringere Zinssätze für die Plünderung der Bürger durch das Finanzamt festgelegt werden. Was ‚geringere‘ heißt, wird die nächste Bundesregierung vorschlagen. Es bleibt dagegen weiterhin geltendes Recht, dass bei zu hoch festgelegten Einkommenssteuervorauszahlungen Selbständige, Freiberufler und Lebenskünstler genau 0% Guthabenzinsen auf Teilerstattungen angerechnet bekommen. In Zeiten von negativen Guthabenzinsen ist damit zu rechnen, dass auch Steuerrückzahlungen demnächst negativ verzinst werden. Steuergerechtigkeit war schon immer ein inhaltsloses Oxymoron.

Wenn ein historisches Schulgebäude der Stadt Gelsenkirchen saniert werden muss und deshalb übergangsweise durch einen Container ersetzt wird, dann kann der Unterricht nach jahrelanger Vorplanung nicht für alle Schüler gleichzeitig und pünktlich nach den Sommerferien wieder beginnen, weil der Container nicht rechtzeitig bezugsfertig wurde. 14 Grundschulklassen müssen sich nun übergangsweise 5 Klassenräume teilen, schreibt die WAZ. Dass Klassenräume aus hygienischen Gründen, besonders in diesen von Virenängsten geprägten Zeiten, ein Waschbecken haben sollten, war allen Planenden und beim Planen Pennenden unbekannt. Schuld am Verzug der Bauarbeiten sei auch der ‚unerwartet harte Winter mit Schnee im Februar‘ gewesen. Ursache des nun stattfindenden Distanzunterrichts der Grundschülerinnen, Grundschüler, Lehrerinnen, Lehrer, Elter 1, sowie teilweise auch Elter 2, ist also die seit 150 Jahren aufgebaute, gasförmige Kollektivschuld des kapitalistischen Westens. Weil das Winterwetter des Februars sich wie Winterwetter im Februar benahm und nicht den vorausmodellierten Szenarien gehorchte, konnte der Zeitplan der Containerfertigstellung nicht eingehalten werden. Schnee ist seit diesem Jahrzehnt für die nächsten 80 Jahre nur mit der Lupe im Ergebnis der Emscherzonen-Klimamodellierung zu finden, die als kommunale Planungsgrundlage für Klimaschutzmaßnahmen und Klimaverbesserungsmaßnahmen dienen soll. So beschrieb die WAZ letztens die zu erwartende jährliche Abnahme an Frosttagen sogar mit einer Nachkommastelle in den Zahlenkolonnen. Das ist zwar in der suggerierten Präzision sehr beeindruckend, hilft aber nicht weiter im Fall des Containers. Dafür fährt das Mobil der Kunstschule (Kunst- und Kulturmobil, kurz KuKoMo genannt) seit kurzem elektrisch. Die Prioritäten stimmen also.

Wenn die jüngste Polizeipräsidentin Deutschlands aufgrund ihres Alters, ihres Geschlechts und ihres Amtes, das sie zufällig nach Gelsenkirchen geführt hat, professionell befragt wird, ist alles ‚wahnsinnig‘. Wahnsinnig gut, wahnsinnig schnell und wahnsinnig erfolgreich. Ihr wird darum eine wahnsinnig professionelle Kommunikation nachgesagt. Die Menschen vor Ort seien alle wahnsinnig offen und trügen alle ihr Herz wahnsinnig direkt auf der Zunge, was ihr wahnsinnig entgegenkomme. So oder so ähnlich ist es auf YouTube im O-Ton zu bestaunen. Ihre Verbundenheit mit der Stadt Gelsenkirchen ist noch ausbaufähig, denn sie kannte vor ihrer Beförderung nur den Zoo sowie die Arena und lebt natürlich weiterhin in Düsseldorf. Bleibt nur die wahnsinnige Traurigkeit wegen einer ihr vorenthaltenen Uniform zu beseitigen. „Ich bin aber keine Polizistin und darf daher tatsächlich keine Uniform tragen. Mal abgesehen von der leidigen Frage, die dann wegfällt – was ziehe ich an –, glaube ich auch, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt würde“, diktierte sie einem Journalisten ins Notebook. Also macht der Behördenleiterin das Leben nicht so wahnsinnig schwer und gebt der wahnsinnig tatkräftigen Frau endlich eine wahnsinnig schöne Dienstuniform fürs wahnsinnige Zusammengehörigkeitsgefühl.

Übrigens: „Durch eine hundertprozentige Destillation bringt der Ouzo Plomari von Isidoros Arvanitis mit seinem authentischen Rezept mehr als 125 Jahre Tradition und Qualität in Ihr Glas.“ Das musste auch mal lobend hervorgehoben werden, denn ab dem dritten Pinneken, direkt am Morgen nach der Zeitungslektüre, wird der alltägliche und allgegenwärtige behördliche Wahnwitz auch für nüchterne Bürger wieder erträglich. Jámas!

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Fra.Prez.

Wahsinn, was aus Eurer Feder fliesst! p.s. die Illustration gefällt mir ebenso wahnsinnig gut

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Den.Zitze

Die wahnsinnig Kamera-und SocialMedia- affine Präsidentin hat bisher doch wahnsinnig viel dafür getan, distinktiv in mindestens jedem zweiten Posting in die Kamera zu blicken, wobei sie nicht selten dem uniformierten Fußvolk in verwegenen zerrissenen Jeans oder bürgerlicher Boheme der 20er zu verstehen gab, dem herumstreifenden Gesindel überstellt zu sein. Bei all den amtlich legitimierten Privilegien dann noch so einen wahnsinnig beschissenen Eindruck zu hinterlassen, schaffen wirklich nur die pendelnden Fachkräfte mit festem Wohnsitz in Düsseldorf.

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Heinz Niski

Das Problem der fehlenden Uniform ließe sich doch elegant durch eine Fantasieuniform lösen. Michael Jackson wäre da Richtungsweisend.
Im Übrigen: was kann Frau Zur dafür, dass Kameras sie lieben???? Ich erkenne weder ein Drohstarren bei ihr (alle bösen Buben sollten sich fürchten) noch Bette Davis (laszive) Eyes. Ein bisschen Girly-Hauch vielleicht, aber das könnte Mimikry sein, undercover im wilden Gelsentown etc.
Also: lasst mir bitte die pendelnden Fachkräfte in Ruhe und nehmt die Entwicklungshilfe aus weiter entwickelten Städten dankbar an.

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Den.Zitze

Niski

Es muss am wahnsinnig inspirierten Fotografierenden liegen und auch sonst sind wir kritischen Bürgerinnen und Bürger, dieser vom Schäbigen geprägten Stadt, nicht mehr in Lage , Schöngeist zu sein. Ohnehin liegt es nicht an ihr, sondern an uns.
Doch bei allem Scherzen bleibe ich der Auffassung, dass eine Uniform hier nicht das Problem ist, sondern möglicherweise die Pressearbeit. Trotz bemerkenswerter Vita und die dafür erbrachten Intellektuellen Leistungen im Rekordtempo, ist die Wahrnehmung der Personalie in der Stadtgesellschaft bei vielen deutlich negativ, was nicht an fehlender Uniform liegen kann, denn die trug ihre Vorgängerin auch nicht. Wenn wir uns vorurteilsfrei ( hey, Düsseldorf ist schön, wirklich) die Frage stellen, warum wir sie zum Thema machen, fällt uns vielleicht auf, woran es liegt.

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markenware

Zu ihrer Amtseinführung im stadt.bau.raum mit Reul und Amtsvorgängerin Heselhaus wurde ein Moderator von RTL berufen.
Ihr wahnsinnig tolles Hauptstadt-Outfit wurde gekrönt von einer Art Klokette mit einer Knarre im John-Wayne-Stil.
Die Präsidiums-PR fand das wohl suboptimal, aber die Standards waren damit gesetzt.

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Fra.Prez.

@Ro.Bie.
was möchte das Kind uns sagen

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Ro.Bie.

@Fra.Prez.

Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt😄!

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Ro.Bie.

was fürn video?

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Mi.Schu.

Schön…..wenn es nicht eigentlich traurig wäre

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Olv.Blo.

Fein geschrieben!

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KC.Ma.

Wenn der Staat die Dinge an sich zieht, bei der Ausführung scheitert und die Bürger die Konsequenzen tragen. – Da sollte man sich als solcher ab und an mal fragen, wie viel Staat man zu seinem Glück braucht!

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Viv.Prez.

Wahnsinnig gut über wahnsinnigen Irrsinn geschrieben !

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Cle.Gedö.

Ich kenn’ einen Schnaps… (Plomari ab Freitag im Angebot bei Feinkotz Albrecht)
https://youtu.be/NBl6HTENp0Y

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So.Jo.Ti.

…und brave Bürger steigen auch vom Rad, wenn sie – wie gestern zwischen Augustinuskirche und Graziella II geschehen – ein Ordnungsdienstmitarbeiter aus einem Dreier-Team des KOD, auf dem Weg zum Kaffeeholen und zurück, als eine von mindestens vier Radfahrenden über den HKP vom Fahrrad holt – obwohl dort Radfahren erlaubt ist! Ein Bekannter erzählt, ihm wäre das hier auch mal passiert, nur mit dem Unterschied, dass er einst 15,- Euro zahlen musste. Das ging jetzt wohl nicht, weil der KOD-Mitarbeiter mit seinem Kaffee in der Hand beeinträchtigt war. Aber zum Ansprechen hatte er den Mund frei. Die anderen beiden KOD-Mitarbeiter interessierte der Alleingang des Kollegen nicht.
https://rathausgelsenkirchen.wordpress.com/2021/07/02/fahrradstaffel-verteilt-knollchen-an-radfahrer-am-hkp/

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Ro.Bie.

Letzten Samstag fuhren rund sechs, sieben jugendliche Migranten mit oder ohne deutsche Wurzeln am frühen Nachmittag zwischen den Kirchen am HKP in unterschiedlichen Formationen E-Bike-Pioretten. Zu zweit, zu dritt oder auch alleine mit zwei E-bikes mit jeweils linken und rechtem Fuß auf zwei Trittbrettern. Toll!. Macht natürlich besonders Spaß am Wochenende, wenn man Slalom um Fußgänger drehen kann. Aber die jungen Leute haben ja sonst nichts..wer will da so spießig sein. Sehen die Ordnungskräfte genauso. War keiner da, von denen.

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Heinz Niski

@So.Jo.Ti.

Danke für diese Recherche. 2 Fragen stellen sich mir aber noch, auf dem verlinkten Bild sieht man die Polizeipräsidentin mit völlig zerrissenen Hosenbeinen, so als wenn sie kurz vor dem Pressetermin auf die Knie gefallen wäre. Kann das sein? Die Fahrradstaffel heißt Erna 41, das scheint mir sexistisch zu sein, abgesehen davon, dass die Bezeichnung “Erna” negativ belastet ist, an Zeiten erinnert, als die Polizei robuster auftrat, weniger Catwalk-mäßig, freundlich-helfend.

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So.Jo.Ti.

mit der fehlenden genderorientierten Ausrichtung und dem was an Ethik in der Polizei in GE sonst noch alles fehlt, habe ich mich im Ansatz in einem Artikel befasst, den ich zum Juni hin veröffentlichen wollte, wozu es aber nicht kam. Ich hole das mal hier nach. Als pdf-Dokument auf der Website:

https://rathausgelsenkirchen.wordpress.com/2021/08/25/ppin-zur-ein-schleier-liegt-uber-der-stadt/

Als EXTRA: Textlicher Mitschnitt der Aussagen von PP’in Britta Zur beim UrbanTalk zum Thema Sicherheit von Mai 2021.
Das eigenmächtige Verhalten des KOD (Weiterfahrverbot bei bestehender Radfahrerlaubnis aussprechen) geht in Richtung des interessanten Themas: Widerstandsbeamte. Wie von Prof. Behr im o.g. Artikel von mir erwähnt, hat Polizei dieses Thema jedoch nicht gern. Zumal, wenn es unter Gendergesichtspunkten mit weiblichen Vollzugskräften angelegt wird, weil sich herausstellen könnte, wie Prof. Behr angibt, dass es nahezu keine weiblichen Widerstandsbeamte gibt. Legt man diesen Maßstab an den vorliegenden Fall an, fällt auf, dass der eigenmächtige KOD ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit Bart ist. Und eine, ihn in seinem Tun ignorierenden Kollegen eine Frau ist.

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Heinz Niski

großes Kino. Allerdings scheinen wir unterschiedliche Einschätzungen der Bedeutung des Dresscodes zu haben. Kleidung drückt immer Hierarchien aus, hat schon immer die Machtfrage optisch beantwortet.

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Bernd Matzkowski

Zitat aus dem Beitrag: “Die Bürgercenter Gelsenkirchens vergeben nur Termine für 8 Wochen im Voraus. Derzeit ist alles ausgebucht.”

Seit heute (WAZ-Lokalteil) wissen wir auch, woran es liegt mit der Terminproblematik:An den Bürgern. Die melden sich zwar an, kommen aber nicht, sagen auch nicht ab. Die melden sich einfach mehrfach an, blockieren dadurch Termine, gehen nicht hin und sagen nicht ab.Und dann sitzen da die Mitarbeiter der Verwaltung und sind frustriert, fühlen sich ungeliebt. Und können die 15-20 Minuten auch nicht arbeiten, die können auch nicht fragen, ob schon jemand anders von der Liste da ist, weil er vielleicht 10 Minuten oder 15 eher gekommen ist. Das geht nicht. Wo kämen wir denn da hin? 8.15 Uhr heißt 8.15 Uhr. Da kann ich nicht um 8.20 Uhr einen drannehmen, der für 8.30 bestellt ist, aber anderen im Foyer schon die Luft wegatmet! Da könnte es am Ende des Tages ja sein, dass man vielleicht einfach Leute dran nimmt, die ohne Termin vorbeikommen, weil sie ja wissen, dass eigentlich ganz viele Termine frei sind, wegen derjenigen, die sich zwar einen Termin geholt haben, aber den einfach nicht …na ihr wisst schon.
Jedenfalls kann man feststellen:die Verwaltung ist top, eigentlich gibt es in den Bürgercentern massig Termine, aber die Bürger sind das Problem. Und ich glaube, dass das stimmt:Wenn es keine Bürger gäbe, würde die Verwaltung noch besser funktionieren als jetzt schon!Und wenn es keine Bürger gäbe, die, wie hier in diesem komischen Blog, ständig nörgeln würden, wären die Mitarbeiter der Verwaltung, dieser tolle “bunte Haufen”, wie er sich nennt, glücklich bis ans Ende aller Tage, auch der Arbeitstage!

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