Nachdenken über das Buchstabieren

In ein feuilletonistisches Magazin wie HerrKules gehören natürlich auch sprachpflegerische und sprachkritische Beiträge, zu denen wir, das sei zugestanden, leider nicht häufig genug kommen. Manchmal muss eine Beschäftigung mit Sprache aber sein – vor allem dann, wenn es von der verwendeten Sprache her „juckt“ oder „klemmt“ oder die Sprachverwendung sogar einen Würgereiz auslöst! Oder wenn es sich einfach so ergibt!

Buchstabier-Dialog (fiktiv)

Hurra, darauf haben wir gewartet! Das wurde ja auch Zeit!
Ach so, für was?
Zeit für die neue Buchstabiertafel!
Was ist das denn?
Na, die Tafel, die vorgibt, wie wir buchstabieren sollen, deshalb heißt sie ja so. Also wenn wir unseren Namen buchstabieren, dann sagen wir für A Anton, für B Berta für C Cäsar usw.
Ja und?
Ist aber nicht mehr zeitgemäß!
?????
In der Buchstabiertafel sind nur sechs Frauennamen dabei, die Xantippe mitgezählt. Das ist nicht zeitgemäß!
Und…?
Während der Nazizeit wurde die alte Tafel „gereinigt“, von jüdischen Namen. So haben die Nazis z.B. den auf der Tafel stehenden „Nathan“ durch „Nordpol“ ersetzt und den „Zacharias“ durch „Zeppelin“.
Und jetzt!
Wird eben wieder gereinigt! Städtenamen. Statt Emil jetzt Essen, statt Wilhelm jetzt Wuppertal und statt Xantippe jetzt Xanten.
Finde ich aber schade, das mit der Xantippe. Die war auch immer gut bei Kreuzworträtseln und beim Scrabble. Und was ist mit uns?
Wie mit uns?
Na, mit Gelsenkirchen für das G!
Tut mir leid! Ist nicht vorgesehen!
Überhaupt: Wer denkt sich sowas aus?
Das Deutsche Institut für Normen (e.V.), kurz: DIN. Kennen Sie vom DIN-A-4 Papier.
Die neue DIN-Norm heißt offiziell:

E DIN 5009:2021-09 (D) Erscheinungsdatum: 2021-07-30
Text- und Informationsverarbeitung für Büroanwendungen – Ansagen und Diktieren von Texten und Schriftzeichen. Und da ist das Buchstabieren samt Tafelvorschlag unter Punkt 5) zu finden.

Und jetzt sind also alle Frauennamen weg und die jüdischen Namen kommen auch nicht zurück? Sehr konsequent! Und stattdessen soll ich jetzt statt Dora also Dortmund für D sagen? Ich bin doch nicht bescheuert!
Nein, D ist jetzt Düsseldorf statt Dora.
Und ich muss jetzt also…
Nein, aber Sie können. Ist nur ein Vorschlag!
Wissen Sie was?
Ne, was denn?
Ich sag beim G ab jetzt einfach Gelsenkirchen!

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DIN e.V. (Selbstdarstellung)
Das Deutsche Institut für Normung e. V. (DIN) ist die unabhängige Plattform für Normung und Standardisierung in Deutschland und weltweit. Gemeinsam mit Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft trägt DIN wesentlich dazu bei, Zukunftsfelder zu erschließen. Als Mitgestalter des digitalen und grünen Wandels leistet DIN einen wichtigen Beitrag bei der Lösung der aktuellen Herausforderungen und ermöglicht, dass sich neue Technologien, Produkte und Verfahren am Markt und in der Gesellschaft etablieren.
Rund 36.000 Experten aus Wirtschaft und Forschung, von Verbraucherseite und der öffentlichen Hand bringen ihr Fachwissen in den Normungsprozess ein, den DIN als privatwirtschaftlich organisierter Projektmanager steuert. Die Ergebnisse sind marktgerechte Normen und Standards, die den weltweiten Handel fördern und der Rationalisierung, der Qualitätssicherung, dem Schutz der Gesellschaft und Umwelt sowie der Sicherheit und Verständigung dienen. DIN wurde 1917 gegründet und feierte 2017 sein 100-jähriges Bestehen.“
https://www.din.de/de/din-und-seine-partner/din-e-v

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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