„Helft denen, die der Bundeswehr in Afghanistan geholfen haben!“ Ein Gespräch mit Soldat Z

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Z war viele Jahre lang Berufssoldat im Offiziersrang. Er war im Irakkrieg, im Balkan-Krieg, war zu Ausbildungsaufenthalten in Lateinamerika, Polen, Österreich, Ungarn und der Türkei. 2015 war er in Afghanistan, in der Region Masar-i-Sharif. Um seine Identität zu schützen und weil er, was militärische Dinge angeht, weitgehend einer Verschwiegenheitspflicht unterliegt, nennen wir ihn Soldat Z. Das Gespräch wurde in englischer Sprache geführt und ins Deutsche übersetzt.

Als du 2015 aus Afghanistan zurückgekehrt bist, hast du in einem Gespräch vorausgesagt, dass diese Mission scheitern wird, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist. Deine Voraussage ist eingetroffen. Die Taliban rücken immer weiter vor und werden vielleicht schon bald das Land  in ihrer Gewalt haben. Worauf stützte sich deine damalige Voraussage?

Nun, mir ist das schon vor Antritt meiner Dienstzeit dort klar gewesen, und nach meiner Rückkehr hatte ich keine Zweifel mehr am Scheitern. Die Gründe:
Zunächst einmal ist die dortige Kultur von der westlichen so unterschiedlich, wie ich es in keinem Land, in dem ich war, kennengelernt habe. Die Zentralregierung, wer auch immer sie stellt, und die offiziellen Gesetze zählen nicht, werden nicht anerkannt von all den Stämmen, die Afghanistan bevölkern. Was der Dorfchef sagt, wird befolgt, nicht das, was irgendein Minister in Kabul verlautbaren lässt. Der muss kein militärischer Kopf sein, auch kein Politiker im westlichen Sinne, noch nicht einmal der Älteste im Dorf. Entscheidend ist der Respekt, den er genießt, sich erworben hat. Natürlich bei den Männern! Die Frauen zählen nicht. Dies gilt nicht nur für die Taliban. Das gilt für die nach archaischen-patriarchalischen Regeln funktionierende Stammesgesellschaft generell.
Zweiter Punkt: Armee und Polizei sind in weiten Teilen korrupt, sie spielen das Spiel der Mächtigen. Wenn die Taliban kommen, werden sie zu großen Teilen überlaufen und sich in ihren Dienst stellen. Aber diese Korruption zieht sich auch durch die Verwaltung, staatliche Stellen. Der Gouverneur des Nordens, wo ich war, war ungeheuer reich, er hatte Einfluss über Mittelsmänner überall. Er hat mal in einem Gespräch zu mir gesagt: Gib mir zwei Millionen Dollar und du kannst General in der afghanischen Armee werden.
Dritter Punkt: Die afghanischen Truppen haben ihre Ausrüstung von der US-Armee bekommen, einige können sogar mit diesen Waffen umgehen und haben so etwas wie ein Pflichtgefühl. Aber bei den meisten geht es nur ums Geldverdienen. Wenn eine Situation auf der Kippe steht – was werden sie  wohl machen? Und was das Material angeht: Da sind auch schon mal Liter um Liter angeliefertes Benzin weg gewesen, weil korrupte Offiziere das beiseite geschafft haben, um es privat zu verkaufen, und dann kommt schon mal der Satz: Wir können nicht ausrücken, wir haben nicht mehr genug Benzin für die Fahrzeuge. Lös dich da mal von allen Vorstellungen, die wir hier über eine demokratisch geführte Armee und ihre Strukturen haben.

Was hätte denn eine Alternative zu dem Einsatz sein können?

Hört sich jetzt nach dem Gesagten fast naiv an: Kompromisse schließen, Interessen ausgleichen, die Strukturen, also die Stammeskultur berücksichtigen, versuchen, auf diesem Wege Einfluss zu gewinnen. Um das zu ergänzen: Natürlich waren dort, wo NATO-Truppen waren, Fortschritte zu sehen! Natürlich war es gut, wenn Schulen entstanden sind, in die auch Mädchen gehen konnten. Ein Wasserbrunnen im Dorf: nützlich! Aber angesichts der generellen Strukturen kann man das doch nicht endlos durchführen und dafür Truppen unterhalten! Das Land muss selber auf die Beine kommen. Ich habe dort eine ganze Reihe kluger, aufgeschlossener, wissbegieriger, fortschrittlicher Menschen kennen gelernt, denen das Schicksal ihres Landes am Herzen lag, ehrliche, offene Menschen. Aber eben, aufs ganze Land und seine Struktur gesehen, eine verschwindend geringe Minderheit! Bevor die (damalige) Sowjetarmee ins Land kam, gab es westlich orientierte Strömungen, aber sie wollten ihren eigenen Weg, nicht das westliche Modell einfach kopieren, sondern auch die guten Traditionen bewahren. Wenn du ihr Freund, ihr Gast bist, dann beschützen sie dich, sie geben dir ihr Wort und halten es. Es gibt halt Traditionen, die uns dann eher fremd sind. Oder anders gesagt: auch ohne Taliban wäre Afghanistan für uns schwer zu verstehen!

Wenn man über Krieg redet, dann darf man über Geld nicht schweigen. Dann muss man auch über Interessen reden. Oder wie siehst du das?

Fangen wir mal „afghanisch“ an. Die Taliban erzielen riesige Einkünfte im Drogenhandel, die Nachfrage nach Opium, nach Heroin ist groß. Und die Taliban können liefern. Ganz vereinfacht formuliert: Während der Produktion werden die Kämpfe, die Angriffe, die Attacken auch schon mal zurückgefahren, aber wenn die Wege für den Handel freigemacht oder freigehalten werden müssen, dann wird eben durchgeladen.
Und was Deutschland angeht: In der Nordprovinz, wo ich meinen Einsatz hatte, waren damals die Schürfrechte für Bodenschätze in europäischer Hand, also auch in deutscher. Es war auch nicht zufällig so, dass die Minen unmittelbar von privater Security bewacht wurden, während die Truppen den Großraum abgesichert haben. In dieser Zeit, in der ich dort war, hat die Armee kaum Kontrollen außerhalb der Basis durchgeführt. Ob der Gouverneur nun Zusicherungen geben konnte, eure Mine wird nicht angegriffen, weil er irgendwie gegen ein gutes Honorar so etwas ausgehandelt hatte? War gerne Gesprächsthema! Aber nicht zu verifizieren!

Wir haben ja hier die Debatte (gehabt), ob es moralisch verpflichtend ist, diejenigen Kräfte aus Afghanistan bei uns aufzunehmen, die während des Krieges für die deutschen Truppen gearbeitet haben, etwa als Übersetzer oder mit Dienstleistungen im Camp. Wie siehst du das?

Das ist für mich ganz klar: Die haben uns geholfen, wir haben sie als Helfer geholt, sie haben an unserer Seite gestanden, hätten bei einem Beschuss des Camps doch ihr Leben verlieren können. Deshalb muss man diesen Menschen samt ihren Familien nun Schutz gewähren, unbürokratisch Lösungen anbieten. Jetzt mal ehrlich: 2015 hat die Merkel-Regierung tausende und abertausende unkontrolliert ins Land gelassen. Jeder Islamist konnte hier ohne Kontrolle in dieses Land kommen und hier Schaden anrichten, Menschen töten. Und jetzt reden wir über eine überschaubare Zahl von Menschen, die doch tatsächlich um ihr Leben fürchten müssen, wenn die Taliban einrücken! Weil sie für Deutschland gearbeitet haben! Und jetzt macht man bürokratische Bedenken geltend? Es gibt keine pragmatischen Lösungen? Das ist doch unwürdig und unmenschlich! Was da gemacht wird, ist meiner Meinung nach auch eine Folge der Erkenntnis, dass man 2015 großen Schaden angerichtet hat. Und das wird jetzt auf dem Rücken dieser Leute ausgetragen – das ist Wahlkampf auf ganz schäbige und unmoralische Art und Weise! Und deshalb: Helft denen, die der Bundeswehr in Afghanistan geholfen haben!

Schauen wir noch einmal kurz nach China! China versucht, unterstützt durch Pakistan, in das viel Geld aus China fließt, einen Zugriff auf Afghanistan und damit seinen Reichtum an Bodenschätzen zu bekommen. Stichwort: Neue Seidenstraße! Nach der alten UdSSR und den USA: ist China jetzt die dritte Weltmacht, die in Afghanistan ihr Waterloo erlebt?

Die Taliban sind clever, sie wissen, was sie wollen. Ein Kalifat! Auf dem Weg dorthin, schließen sie auch Kompromisse, wechseln mal die Seiten, wie ja auch China im eignen Land gegen islamische Strömungen vorgeht, hier aber ultrakonservativen Islamisten die Hand reicht. Die Taliban sind eine Armee in Zivilkleidung, sie stehen neben dir, und du weißt nicht, dass der Taliban neben dir eine Waffe trägt und die „Lizenz zum Töten“ hat. Sie haben gegen die Russen gekämpft und sie verjagt, sie haben gegen die USA und die NATO durchgehalten bis zu deren Abzug. Und sie würden sich auch gegen China stellen, wenn es um ihr Ziel geht – und wenn es abermals zwanzig Jahre dauern würde, so wie jetzt eben! Da habe ich keine Zweifel!

Du bist nach vielen Jahren der Zeit als Berufssoldat jetzt Zivilist. Was nimmst du mit aus dieser Zeit?

Was mir noch im Kopf sitzt, ist der Balkankrieg. Da hat mir mein Einsatz eigentlich meine besten Jahre geraubt – weil der Krieg so sinnlos war. Denn einen wirklicher Frieden miteinander, Vergebung, Verzeihung, Aufarbeitung der gemeinsamen Verbrechen, ist noch nicht geleistet worden. Ich frage mich oft, warum der Weg der Tschechoslowakei nicht möglich war, unterstützt von der EU und vielleicht auch der NATO. Man will nicht mehr in einem Staat leben? Gut! Dann trennt man sich, geht auseiander, schläft eine Nacht darüber und begegnet sich am anderen Morgen als Nachbarn. Etwas vereinfacht natürlich!
Und ansonsten: Da ich in vielen Ländern war, im Einsatz und zu Übungen, habe ich Kulturen kennengelernt, denen ich sonst nicht begegnet wäre. Faszinierendes, Spannendes, ganz andere Welten. Ich habe Freunde überall, wo ich war, wir stehen über das Internet in Verbindung, tauschen uns aus. Ich habe, das mag aus dem Mund eines Soldaten vielleicht komisch klingen, viele gute, tolle Menschen kennengelernt. Man muss als Zivilist vielleicht auch einmal darüber nachdenken, dass das Bild, das in Kriegsspielen oder Kriegsfilmen häufig vermittelt wird, nicht unbedingt dem Alltag eines Berufssoldaten entspricht! Ich habe Menschen kennengelernt, die mit ihrem Leben andere Leben geschützt und gerettet haben! Aber so einer wie Rambo ist mir nicht begegnet!

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geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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Heinz Niski

Von Anfang an haben doch Hand in Hand, in völliger Harmonie und Eintracht, die Zivilgesellschaft, die Medien, die Parteien, die politischen Vertreter, der Beamtenapparat, den Kopf in den Sand gesteckt und verdrängt, was das Zeug hält. Verachtenswert ist, dass man zwar afghanische Glücksritter als politische Flüchtlinge aufnimmt, viele Jahre Vorlaufzeit hatte, um die Evakuierung der wirklich bedrohten Helfer und ihrer Familien vorzubereiten, sie aber kalt lächelnd ihrem Schicksal überlässt. Nur eine Gesellschaft die glaubt, dass ein Heer zum Brunnen bohren und Schulen bauen in ein paar Tausend Kilometer entferntes Land zieht, ist zu solchen aberwitzigen Volten in der Lage. Die verlogenen Diskussionen und Strategiespielchen unter dem Oberbegriff “Wir bringen Demokratie, Menschenrechte, Freiheit, befreien die Frauen” mussten an der Wirklichkeit der traumatisierten, zersplitterten, deformierten, patriarchalen Stammesgesellschaft scheitern. Siehe Petersberger Konferenz, die vor allem eins geschafft hatte: Korruption und Drogenanbau zu fördern. Erst nach 10 Jahren Brunnenbohren und Frauen befreien, sprach ausgerechnet Guttenberg davon, dass man “umgangssprachlich dazu auch Krieg sagen könnte” – die Gesellschaft nahms desinteressiert zur Kenntnis, nur ein paar Ostermarschierer forderten den sofortigen Abzug der Bundeswehr. Einmal nur, als beim Demokratie bringen und Frauen befreien ein Tanklastwagen in die Luft flog, schreckten die Menschen kurz auf. Da gab es tatsächlich Tote, das hätten sie nie gedacht. Wegen Arbeitszeitschutzbestimmungen wurde ein Aufklärungs Drohnenflug abgebrochen, andere Flugzeuge mussten wegen Treibstoffmangel vorzeitig zur Basis zurück, Chaos ohne Ende, rund 100 Tote, ein paar Rücktritte, Amtsenthebungen, Lügengebäude später, waren wir wieder beim Tagesgeschäft. Aber jetzt im Wissen, dass Brunnenbauen und tariflich geregelte Arbeitszeiten nicht immer unter einen Hut zubringen sind.

https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriff_bei_Kundus

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Ro.Bie.

Hier ein paar Zahlen von Katapult, wieviele Helfer der BRD akut um ihr Leben fürchten müssen.
https://katapult-magazin.de/de/artikel/viele-ortskraefte-erhalten-keine-chance-zur-flucht

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