Brief aus der Metropole

Hallo Hraven ,
ich habe mir dein neues Projekt online angeschaut, du kennst meine Position, nimm´s mir nicht übel, ein Kunstmuseum mit Bildern, die die Welt nicht braucht, habe ich schon lange, der Großteil ist aber bereits in der Tonne oder – die Zeichnungen – im Feuerkorb geland … endet. Allerdings haben einige deiner Objekte zugegebenermaßen aber auch einen höheren praktischen Nutzen, zumindest brennen sie länger.

Klingt frustriert?

Dann komm doch mal für 24 Stunden aus deinen andorranischen Bilderbuch Alpen zurück nach Gelsenkirchen und Du wirfst deine Ideen, Ziele und Ideale über Bord … nach Jahrzehnten als komplett für´n Arsch entwertet.

Erinnere Dich, dass ich dich sehr gern an meiner Seite in der Werkstatt gehabt hätte, möge Dir als schlapper Trost dienen, dass noch einige andere Haudegen nach dir folgten die zu meinem größtem Bedauern ebenfalls ´rausflogen oder nicht verlängert wurden … Eine wurbelige Kreativität – früher einmal das eigentliche Kapital des Kulturinstituts – wurde und wird hier nach wie vor nicht gewünscht, weil wohl nicht kontrollier – und berechenbar, bevorzugt wird in dieser Stadt das Heranzüchten von Klebrigkeit, Quotenkram und Parallelgesellschaften die sich sowieso ein Scheiß um (unsere) Kultur kümmern … nunja, das Netz ist ja voll von Gelsenkirchens „Erfolgsgeschichte „- eine Kritik an den verkommenen Zuständen hier wird ja sofort mit der Nazikeule gebasht – senkt natürlich die Hemmschwelle sofort die blaue Alternative zu wählen, wo willste denn ja auch noch hin, bist ja mit jeder noch so dezidierten Kritik eh´ braun oder auch gleich verloren, kommt hier nur keiner drauf, wird ja lieber über die wieder höhere Rechtsquote nach der Wahl gejammert.

( Denksportaufgabe! )

Die Zeiten in denen ich mit nicaruganischen comandantes gesoffen, mit Spaniern Weihnachten und mit Türken aus dem Arbeiterverein Sylvester gefeiert, mit Italiern übers beste Essen geredet, mit Griechen über den Knoblauchgehalt von Zaziki, Einladungen französischer Regisseure zu einigermaßen alkoholintensiven, aber kulinarisch endgeilen Abendessen in türkischen Restaurants (um nur einige „Dönekes“ aus meiner bunteren Vergangenheit zu erwähnen) gehören für mich  mittlerweile ins Reich der Legende – obwohl ich ja leibhaftig dabei war und dies alles nicht in einer Märchenwelt erlebte. Nicht mal du, der Hraven Tersgelund aus Andorra, würdest hier noch mit deinem gebratenen Kartoffel-Wirsing-Stampf mit (Schweine)Speck landen können.

Bin ich damit schon ein museumsreifes Gesamtkunstwerk?

Unser Ruhrgebiet ist doch regelrecht gestorben worden … und ehrlich gesagt mache ich für mich innerlich Pipi auf den Mist, den die offizielle Stadtpropaganda von wegen der Vielfältigkeit der Stadt so verbreitet – erinnert mich mehr an Durchhalteparolen realitätsverleugnender, abkackender Regime der deutschen Vergangenheit …
Mein Lieber, beispielsweise war ich es gewöhnt nach manchmal 10, 12, 14 oder manchmal noch mehr Stunden in der Werkstatt auf Vollbrachtes noch gemeinsam einen heben zu gehen – inmitten der heutigen kulturellen Einfalt brauche ich eher den Alkohol um den Arsch noch hochzukriegen, um bunte Kunst hauptamtlich überhaupt abzuliefern … Wenn Du mich suchst, ich bin lieber im Garten und repurpose Paletten …

Ich weiß das Dilemma des angestellten Künstlers – macht es mir immerhin möglich irgendwie aus diesem undynamischen, verklebten Scheiß zu dem mittlerweile alles verkommen ist im Hinblick auf eine Zusatzrente der BVK unter der Berücksichtigung meiner mittlerweile zunehmenden körperlichen Gebrechen auf ein lustiges Ausstiegsmodell zu hoffen … Sei in diesem Sinne froh, dass es Dich nach dem Rausschmiss bei dem Projektende zwar kalt erwischt hat, ich aber Deinen Posts entnehmen darf, dass Du dich wohl erfolgreich neu orientieren konntest … So wenig du mir als Facebookkontakt auch nutzt.

Andorra kann nur besser als Gelsenkirchen sein. Genieße in der Gewissheit, dass es unsere damalige gemeinsame Arbeit in Form oller Holzimitatfässer bis letztes Jahr tatsächlich noch gab (meine letzte Sichtung!) den schöpferischen Augenblick auf dem Acker, ich bedauere nach wie vor das wir nicht weiter zusammen arbeiten konnten … So long mein Bester …

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Herbert Kaber

Haus- und Hof- und Gartenkünstler in Festanstellung

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