Große Not im kleinen Boot

Vor ein paar Tagen kam  ich  zufällig (im Sportstudio!) mit einem alten Sozialdemokraten (alt an Jahren und Parteimitgliedschaft) ins Gespräch, bei dem es nicht um die ganz große Politik, also das Dreigestirn, Klima, Klima und Klima, ging, sondern um unseren gemeinsamen Lebensort Gelsenkirchen und die hiesige Stadtspitze. Auf den Kandidaturverzicht von OB Baranowski angesprochen, meinte er: „Der Frank hat die Partei im Stich gelassen mit seiner Absage.“ Kann man so sehen! Dann müsste man aber auch sagen: „Der Klaus –also der Haertel-Klaus – hat uns ebenfalls im Stich gelassen“, denn nicht nur die Lichtgestalt der hiesigen SPD, sondern auch der Leitwolf der Fraktion „hat fertig“.

Nun kann man natürlich der Auffassung sein, dass diese Personalien letztlich von völlig untergeordneter Bedeutung sind, zumal die Welt angeblich sowieso in paar Jahren untergeht und die Menschheit sich selbst klimatechnisch den Garaus beschert. Also ist doch wurstegal, welcher Hanswurst an der Spitze der hiesigen SPD steht. Mir ist das nicht ganz egal! Schon allein deshalb nicht, weil ich den Untergangsszenarien der Greta-Jünger nicht folge. Und zweitens, weil die SPD doch meine Jugendliebe war und auch ich – in der Dortmunder Westfalen-Halle –  einst dem Willy zugejubelt habe! In der Gegenwart steckt also auch ein Stück meiner eigenen Vergangenheit!

Und drittens sehe ich das so, dass sich in der Entscheidung von zwei Funktionsträgern hier vor Ort die Problematik der SPD insgesamt, wenn auch vielleicht gebrochen, widerspiegelt.

Bei beiden, Baranowski und Haertel, mögen bei ihrer Entscheidung  Gründe persönlicher Art (Gesundheit, Familie, Amtsmüdigkeit, andere Karriereschritte) durchaus eine Rolle spielen – und das wäre völlig legitim! Aber das ist sicher nicht hinreichend als Erklärung! Man kann diese Entscheidung  nicht losgelöst von den Entwicklungen der letzten Zeit betrachten – vor allem nicht vom Niedergang der SPD (auch in ihren alten Hochburgen) und dem Erstarken der AfD (auch in den alten SPD-Hochburgen). Und es zeichnet sich ab, dass dieser Trend in nächster Zeit nicht umgekehrt werden kann – auch nicht mit dem neuen Führungs-Duo der SPD. Man sollte sich nur einmal vor Augen führen, dass Norbert Walter-Borjans (als Finanzminister in NRW gnadenlos gescheitert) und Saskia Esken (who is Saskia Esken?) letztlich nur von etwa einem guten Viertel der SPD-Mitglieder gewählt worden sind, also selbst in den Reihen der Mitglieder wenig Euphorie ausgelöst haben!

Kurz und gut: Die kommenden Kommunalwahlen werden, wenn man die Zeichen richtig deutet, mit einem Verlust der absoluten Mehrheit der SPD in Gelsenkirchen einhergehen. Beide Funktionsträger, Haertel und Baranowski, müssten also einkalkulieren, dass sie am Ende ihrer kommunalpolitischen Laufbahn auf Koalitionspartner angewiesen sein werden und gleichzeitig mit einer stärkeren AfD im Rathaus  zu rechnen haben. Es ist wohl deshalb nicht ganz zufällig so, dass die SPD vor einigen Tagen CDU und GRÜNE bereits zu gemeinsamen Haushaltsgesprächen eingeladen hat, um dann auszuloten, ob man einen Haushalt, getragen von den „demokratischen Kräften“, hinbekommt. Und dass die Gerüchte durch das gute alte Hans-Sachs-Haus wabern, hinter den Kulissen gäbe es bereits erste Gespräche zwischen SPD und Grünen, ob man sich nicht auf einen gemeinsamen OB-Kandidaten verständigen könne, ist auch kein Wunder!

Und das alles vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen, sozialen und haushaltsrelevanten Probleme der Stadt, für die auf absehbare Zeit keine strukturellen Lösungen in Sicht sind (Erlass der Altschulden usw.).

Zudem spielt, das ist unverkennbar, eine Rolle, dass die Stärke der beiden „Spitzenkräfte“ sich nun als Schwäche erweist: Weder Baranowski noch Haertel haben einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin aufgebaut, die  an Bekanntheit, Durchsetzungskraft und öffentlichem „Standing“ auch nur halbwegs mit ihnen vergleichbar wären. Genosse Trend (Verluste der SPD) trifft hier also auch noch auf die Genossen Namenlos und Unbekannt.

Und da schließt sich der Kreis – wie hier in GE, so eben auch an der Spitze der SPD-Gesamtpartei. Auf der Rutsche nach unten rutschen blasse Gestalten ohne Charisma und weit entfernt von einer Popularität, die die Schwächen der Partei ein wenig ausbügeln könnten.

Da entbehrt es nicht einer gewissen Logik, wenn die oben erwähnten Gespräche nicht nur Gerücht, sondern Praxis wären oder in naher Zukunft würden. Und man sich auf jemanden verständigt, der sich bisher nicht in der SPD verschlissen hat. Oder auf die!

Also,Frau Welge oder Frau Berg: Übernehmen Sie!

 

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

4 Gedanken zu „Große Not im kleinen Boot

  • Heinz Niski
    2. Dezember 2019 um 12:01
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    Gleiche Situation schon vor Wochen im Sportstudio, allerdings mit parteilosen Bürgern – man ist ernsthaft besorgt (!) dass es keinen Kandidaten in den lokalen Parteien gibt. Da scheint nicht nur der Parteien / SPD Filz seine Nachbeben zu haben, sondern auch der Brain-Drain eine Rolle zu spielen.
    Bei 250 000 Einwohnern weit und breit kein Mensch, der in die Schuhe des Amtes passen würde.
    Schaurig.

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    2. Dezember 2019 um 13:05
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    Wer immer auch dahinter steckt und brabbelt, wen interrssiert es, das Gebrabbel. Die Inhalte lassen zu wünschen übrig. Dass solche genannten „Genossen“ die anderen im Stich lassen, ist nicht verwunderlich, wobei der eine schon viel zu lange dran ist. In GE sollte auch mal so eine Wahl wie auf Bundesebene stattfinden, nur mangelt es hier an „Wahlmöglichkeiten“. Menschen die was drauf haben, wurden hier vergrault und Vetternwirtschaft und Günstlingsbevorzugung haben die SPD Gelsenkirchen intellektuell ausgetrocknet.
    … und über Tellerränder zu gucken, verlangt schon das ein oder andere ab!

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    4. Dezember 2019 um 1:12
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    Ich hab den Lacher rausgenommen, den ich vorher unter den Beitrag gesetzt hatte und den erhobenen Daumen drunter gesetzt…Ja, alles nicht so lustig und alle reden immer von Willi, der sie beeindruckt hat. Ich habe das auch schon mal getan. Nur wiegt der Willi das alles nicht auf, was falsch gelaufen ist. Diese Mentalität, “ nach mir die Sintflut“ ist unbegreiflich oder besser verwerflich und die eklatanten politischen Fehler die gemacht wurden bringen in ähnliche Richtung wie schon vor vielen, vielen Jahren. Der Unterschied ist nur, das keine guten Leute umgebracht wurden so wie damals….. die wurden anders kalt gestellt. Und hören wollte sowieso keiner.

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    4. Dezember 2019 um 3:09
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    ….und keiner hat es gewusst!

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