Kunstführer Gelsenkirchen – „Trump-Ente“

Vom Ex-Nazi-Esel zur Donald-Ente

Erneut setzt Hraven Tersgelund in Gelsenkirchen einen zugleich ästhetischen und politischen Akzent, der an die Vergangenheit erinnert, ein Aufruf zur Gestaltung der Gegenwart ist und vielleicht sogar ein Menetekel der Zukunft darstellt.

Subversion und künstlerisches Genie, eigenständige Formensprache und inhaltliche Brillanz paaren sich mit Geschichtsbewusstsein und einem ganz eigenen Humor, der den Künstler davor bewahrt, als besserwisserischer Moralapostel aufzutreten, der fehlende künstlerische Gestaltungskraft durch pharisäerhafte Hypermoral und wohlfeile Zeitgeisthaltung nach dem Geschmack des mainstreams ersetzt.

Wie intellektuell und doch für jedermann nahbar zugleich der Künstler vorgegangen ist, erschließt sich durch einen kurzen Blick in die Geschichte. Sein neues Werk „Trump-Ente“ steht im Gelsenkirchener Stadtgarten, wo viele Jahre in der Nachkriegszeit das „Eselchen“ von Hubert Nietsch (1893-1965) seinen Platz gehabt hat.

Nietsch produzierte während der Hitler-Diktatur nicht nur Skulpturen nach dem Geschmack und dem kulturellen Programm der herrschenden Clique (überdimensionierte Figuren mit pathetischer Haltung), sondern als Kulturbeirat der Stadt Gelsenkirchen war er auch aktiver Vertreter der NS-Ästhetik und NS-Kulturpolitik.
Das Pathos seiner NS-Plastiken machte nach dem Ende der Nazi-Barbarei einer nahezu naiv-verspielten Niedlichkeit Platz. Bekanntestes Beispiel für diese ästhetische Metamorphose war eben jenes besagte „Eselchen“ – ganz bewusst aufgestellt in der Nähe eines Spielplatzes im Stadtgarten und beliebtes Objekt bei Kindern und den sie mit und auf dem Eselchen fotografierenden Eltern.

Dieses „Eselchen“ wurde in den 1990er Jahren (angeblich, vermeintlich, mutmaßlich) gestohlen – bis heute ist letztlich unklar von wem. Vermutlich aber von aufrechten Antifaschisten jener Tage, die als Kinder nie von ihren Vätern auf dem Eselchen sitzend fotografiert wurden und deshalb das „Eselchen“ als Kunst eines Nazis sahen und seine Beseitigung als Ersatz für die eigene Nicht-Beteiligung an Straßenschlachten gegen die braunen Horden der Weimarer Republik betrachteten – unter dem Motto: den Esel schlagen, aber den Nazi-Sack meinen.

So liegt die Vermutung nahe, dass um die Skulptur noch heute in einem Hinterzimmer oder Kellerraum wie um eine Reliquie antifaschistische Gesinnungstänze stattfinden und heroische Lieder gesungen werden – sozusagen als Beleg für den heldenhaften Kampf und einen ruhmreichen Sieg der Antifa über die Kräfte des Bösen!

An dieser Stelle nun also der Trump-Donald-Enterich – einerseits eine Ikone der amerikanischen Kultur (Donald Duck), andererseits eben auch als Trump erkennbar – und noch dazu in Gold gehalten als Anspielung auf Trumps Vermögen, die Goldgräbermentalität der amerikanischen Pioniere und die Goldgier der Wall-Street-Ritter von heute.

Ist für unsere politisch Korrekten Donald Duck alleine schon Ausdruck der imperialistischen Kultur der USA, so hat die Trump-Ente einen zusätzlichen Erregungsfaktor. Trump ist das Hassobjekt Nr.1 aller Wohlmeinenden, er hat die Rolle des größten Pöbel-Demagogen der Neuzeit inne, er ist der politische Gruselclown der Leitmedien, die es immer noch nicht verwinden können, dass er die Wahl zum Präsidenten gewonnen hat und Dinge tut, die er angekündigt hat. So etwa die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem – vom smarten Obama einst versprochen, aber nie in Angriff genommen.

Das Eselchen von Nietsch war in seinem Realismus naiv, hier aber wird mit Naivität gespielt.

Unter der Oberfläche der Enten-Trump-Donald- Figur verbirgt sich ein politischer Sprengsatz, der auf die Geschichte der Nietsch-Figur und ihren Schöpfer verweist, zugleich aber in die Gegenwart reicht, in einem Land, in dem wir „gut und gerne leben“ sollen, aber in dem es unter der mit (Falsch-)Gold überzogenen Oberfläche brodelt.

Der literarisch Bewanderte mag in der Enten-Figur aber auch eine witzige Anspielung Tersgelunds auf Salingers Holden Caulfield („Der Fänger im Roggen“) erkennen, den die Frage quält, wohin die Enten verschwunden sind, die auf dem Teich im New Yorker Central- Park ihr Zuhause hatten.

Tersgelunds Antwort: Donald ist überall! Egal ob als Orban in Ungarn oder Kurz in Österreich.

Wie der Donaldismus ist auch der Trumpismus ubiquitär.

Um es mit einem anderen Dichter zu sagen:
„Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“, heißt es bei Shakespeare.

Hier jetzt also:
Es ist nicht der Esel, sondern die Ente!

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

3 Gedanken zu „Kunstführer Gelsenkirchen – „Trump-Ente“

  • Avatar
    21. Februar 2020 um 10:25
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    intentionelle Zerstörung von Kulturdenkmälern durch „Terroristen“: Es wurde darauf hingewiesen, dass die Interessen oft bewusst gegensätzlich sind, dass die Unesco Denkmäler der bestehenden Kultur erhalten möchte, nicht zuletzt um diese Kultur zu stützen, während die, meist totalitären, Zerstörer grade diese Kultur durch Zerstörung ihrer Denkmäler schwächen möchten, um ihren eigenen Einfluss auf die Menschen dadurch unbehinderter geltend zu machen.

    Nazi-Denkmäler aber sind Beispiele der Unkultur und Barbarei… Die ganzen Hitler-Skulpturen und die meisten faschistischen Protzbauten in Dtl. waren schon vor meiner Zeit wieder verschwunden.
    Nun kann man aber auch nicht automatisch sagen: Alte Kultur = gute Kultur.
    Spätestens mit der Erfindung von Massenvernichtungsmitteln sind die uralte Kriegskulturen vollends zur Barbarei geworden. Die Privateigentumskultur ist durch die industrielle Revolution zum Hort kapitalistischer
    Barbarei geworden.
    Und was hat noch mal Buddha gesagt? Na gut, besser, als Islamisten, die eine barbarische Legende vom Mittelalter in Arabien rekultivieren wollen. Aber das sage ja nur ich.
    Welche Legitimation hat eine Regierung, ihr Land auf alle Zeiten an ein bestimmtes Geschichtsverständnis zu binden?
    Wenn ich da also jetzt an das alte Postamt in Gelsenkirchen Horst denke, das nur ein gewöhnliches Denkmal ist, nicht mal ein besonders altes, das wird nicht verfälscht, wenn davor ein Kaiser-Wilhelm Denkmal steht, und wenn es statt dessen ein billig in der Ukraine erworbener 2,50m – Lenin ist, dann ist das im Grunde auch nichts anderes.
    Aus Denkmal-Sicht.
    Nicht zu vergessen, was vor 70 Jahren dort entfernt worden sein mag….

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    • Bernd Matzkowski
      21. Februar 2020 um 10:46
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      ZITAT: „Wenn ich da also jetzt an das alte Postamt in Gelsenkirchen Horst denke, das nur ein gewöhnliches Denkmal ist, nicht mal ein besonders altes, das wird nicht verfälscht, wenn davor ein Kaiser-Wilhelm Denkmal steht, und wenn es statt dessen ein billig in der Ukraine erworbener 2,50m – Lenin ist, dann ist das im Grunde auch nichts anderes.
      Aus Denkmal-Sicht.“
      Meine Antwort:

      Dass die Spaßvögel von der EMELPEDE eine Uljanow-Statue aufstellen wollen, ist doch ein tonnenschwerer Beleg für die rückwärtsgewandte Kleinbürgerlichkeit dieses Familienparteibetriebs.Der Spießer, der einen Vorgarten oder ein kleines Plätzchen vor der Immobilie sein eigen nennt, stellt dort halt gerne einen Springbrunnen mit Zierfischen, eine Apollo – oder Athene-Statue oder ein mit Einhörnern tanzendes Ensemble vertikal herausgeforderter Zipfelmützenträger ( vulgo: Gartenzwerge) auf. Oder eben, wie in diesem Fall, Revolutionsnippes aus der Grabbelkiste untergegangener Ideologien und Weltreiche, für die der Caféhausphilosoph in seiner metallenen Unbeweglichkeit ein Beispiel abgibt.
      Gleichwohl könnte durchaus der eine oder andere gestalterisch kreative Gelsenkirchener angeregt werden, in einen künstlerischen Kommunikationsprozess mit dem Mantelträger zu treten, der mit ausgestrecktem Arm ins unbestimmte Nirgendwo zeigt. Den Rest werden schon die einheimischen Tauben erledigen – wenn nur genug Futter da ist! So what?!

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    22. Februar 2020 um 6:44
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    „So what?!“ Na, also.

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