Totalschaden – siebenundzwanzigstes Kapitel

11. Tag, nach dem Abendessen

Vielleicht hätte ich es besser lassen sollen, aber ich ließ es nicht.

Seit unserer Duschraumkonferenz war ich aufgewühlt. Ich war in Entwicklungen hineingeraten, die ich nicht erwartet hatte und schon gar nicht mehr selbst steuern konnte. Es schien mir, als sei ich Teil einer Verschwörung, deren Gespenster ich nicht gerufen hatte, die mich aber nun verfolgten.

 

In den letzten Jahren war ich immer Herr meiner Entscheidungen gewesen – hatte ich jedenfalls geglaubt. Mir war das Risiko meines Glühbirnenhandels bewusst, aber es war überschaubar. Schließlich hatte mich auch nicht mein Geschäftszweig zu Fall gebracht, sondern der Umstand, dass ich meine Deckung aufgegeben und mich an dieser absurden Raucheraktion beteiligt hatte. Und jetzt war ich wieder dabei, aus der Deckung zu kommen und meine Entlassung zu verspielen.

Ich bewunderte die aufrechte Haltung von Gratzek, den Mut von Ehrgart und den schnodderigen Geist der Rebellion, der in Kotzer steckte. Aber ich war kein Gratzek, kein Ehrgart und erst recht kein Kotzer. Ich war jemand, der versuchte, sich durchs dichte Unterholz zu schlängeln, der sich in einer Nische eingerichtet hatte, in der er meinte, überwintern zu können, bis vielleicht irgendwann andere Zeiten kamen. Aber dafür zu sorgen, dass andere Zeiten kamen, war nicht meine Sache gewesen. Bis jetzt.

Und dann noch diese Frau! Was sollte das werden, wie sollte das weiter gehen? Wenn Gratzek damit Recht hatte, dass ich entlassen werden würde, was sollte dann geschehen? Ein Kleinkrimineller ohne Perspektive, aber auf Bewährung in Freiheit, sozusagen mit unsichtbaren Fußfesseln, und eine Angestellte des Systems, die romantische Spaziergänge machten, Händchen haltend, aber unter Beobachtung. Idyllische Abendessen bei Kerzenschein mit Grünkernbratlingen und vegetarischer Pizza, während Gratzek, Ehrgart und Kotzer in der Anstalt auf ihre Prozesse warteten und danach ihr Leben in Gefängniszellen fristeten. Eine Frau, über die ich kaum etwas wusste – außer dass sie meine Pumpe entweder zum Absturz brachte oder in die Raserei trieb. Die aber doch wohl ahnen musste, dass auch sie an Fäden hing, an denen die Puppenspieler des Systems nach Belieben zogen.

Liebe. War es das, was uns verbunden hatte? Erotische Anziehung, von Trieben gesteuerte Lust, Affektabfuhr? Letztlich eine Suppe aus neuroendokrinen Ingredienzien, abgemischt mit ein paar Teelöffeln Dopamin und einem guten Schuss Adrenalin? Ein sensorischer Rauschzustand? Oder nichts davon und doch alles gleichzeitig?

Nach Gesprächen mit den anderen stand mir nicht der Sinn. Ich saß auf der Pritsche in meiner Zelle, die ich an diesem Abend ganz für mich privat hatte. Auto-Manni war nach dem Essen im Speisesaal geblieben und nervte bestimmt andere beim Kartenspiel mit seinen ewigen Autogeschichten. Ich stierte die Wand an, aber die Wand beantwortete meine Fragen nicht. Ich stand auf, tigerte im Raum hin und her, setzte mich wieder, stand erneut auf. Hätte mir jetzt jemand eine Zigarette angeboten, hätte ich zugegriffen und mit dem Rauchen angefangen. Selbst wenn der Tabak aus nichts anderem bestanden hätte als aus geschredderten Bio-Badelatschen. Ich setzte mich erneut und grübelte. Dann fasste ich den Entschluss: Ich musste sie sehen, heute noch, gleich, sofort, jetzt.

broken heartIch verließ meine Zelle und machte mich auf den Weg. Ich wusste, dass sie abends noch in ihrem Büro war, um Schreibkram zu erledigen. Schreibkram: Auswertung von Gesprächsprotokollen und Beratungsnotizen, Gutachten über den Anpassungswillen und die Sozialkompetenz der „Kunden“ dieser Einrichtung, Persönlichkeitsprofile, sozialpsychologische Ausleuchtung, Entwicklungsprognosen, Vorschläge für weitere Maßnahmen, individuell zugeschnittene Trainingsprogramme. Und das alles für die Tonne geschrieben, jedenfalls wenn Gratezk richtig lag.

Gedämpfte Lautstärke im Speisesaal, an dem ich vorbei musste. Keiner der Tische war unbesetzt. Ich sah Auto-Manni in ein Gespräch mit Gratzek vertieft. Ob der sich für Autos interessierte? Vielleicht hatte er aus seinen Tagen als Amtsträger noch irgendwo einen Wagen stehen und wollte wissen, wie und zu welchem Preis er ihn loswerden konnte. Da konnte ihm Manni bestimmt weiterhelfen.

Kotzer sah mich und winkte mich herein. Ich schüttelte den Kopf und ging weiter. Er nickte zurück und wandte sich Ehrgart zu, der neben ihm stand.

Der Flur zum Therapietrakt war noch beleuchtet. Ich ging an den unvermeidlichen Porträts des Regierungschefs und der Parteivorsitzenden vorbei, die mich wieder mit ihren Blicken verfolgten. Über der Tür zum Sekretariat hingen die drei KAs: Korrekt produzieren – korrekt konsumieren – korrekt leben.

Korrekt leben. Was bedeutete das schon? Und was bedeutete das für mich – hier und jetzt?

Das Sekretariat war unbesetzt, wie ich es erwartet hatte. Mir blieben Fragen der Sekretärin zu meinem unangemeldeten Besuch und Erklärungen erspart. Vor der Tür zu ihrem Zimmer verharrte ich für einen Moment, erwog die Umkehr, und hatte dabei schon die Türklinke in der Hand. Wie sollte ich mein Auftauchen außer der Reihe erklären? Woher nahm ich mir das Recht, sie zu stören, meine Zweifel auszusprechen, nach Antworten zu verlangen, Gewissheit zu bekommen- über mich, über uns, über eine Zukunft, die es vielleicht gar nicht geben konnte?

Ich drückte die Klinke herunter, öffnete die Tür und trat ein.

Die Situation war eindeutig. Qualle und sie standen in einer engen Umarmung mitten im Zimmer. Sie fuhren auseinander. Qualle ordnete seine Krawatte, so als ob das irgendetwas an der Situation geändert hätte.

„Schlehmann, wie kommen Sie dazu, hier….“

Sie unterbrach ihn.

„Denke jetzt nichts Falsches. Es ist ..“

Ich ging dazwischen.

„Ja, dienstlich. Der Anstaltsleiter und seine beste Mitarbeiterin in Dienstgeschäften. Verstehe. Korrekt leben, nicht wahr!“

„Aber so lass mich doch erklären“.

Sie ging auf mich zu.

„Das erklärt sich von selbst. Ich habe verstanden!“ schrie ich sie an, drehte mich um, warf die Tür hinter mir zu und lief los- voller Zorn, Wut, Verzweiflung, Trauer und auch Beschämung darüber, dass ich sie, dass ich uns in diese Situation gebracht hatte.

„Ihr Arschlöcher“, keifte ich den Regierungschef und die Vorsitzende an. Ich riss die beiden Porträts von der Wand, zerbrach die Rahmen, zerfetzte die Leinwand, warf das Produkt meiner Raserei auf den Boden und eilte weiter. Atemlos erreichte ich meine Zelle und setzte mich wieder auf die Pritsche.

Nach einem kurzen Moment des Atemholens begann ich damit, meinen Anstaltsanzug auszuziehen. Danach entledigte ich mich der Baumwollunterwäsche, die sie mir geschenkt hatte, und warf sie in den Mülleimer, griff den Anstaltsplunder aus dem Schrank und zog ihn an. Sofort setzte das Jucken wieder ein. Ich hätte mir die Haut von den Knochen kratzen können, zog also dieses Teufelszeug wieder aus und stand nackt da, als Auto-Manni in die Zelle kam.

„Was nicht in Ordnung?“ fragte er.

Mir fiel nichts Besseres ein als zu sagen:

„Totalschaden!“

„Tja, Qualle“, sagte er.

Woher wusste der Kerl das mit Qualle?

Oder wussten das alle – außer mir?

Ich ließ mich auf die Pritsche fallen, drehte mich zur Wand und schwieg dumpf vor mich hin. Auto-Manni deutete das zu Recht wohl so, dass ich keine Lust auf ein Gespräch hatte. Er tat mir den Gefallen und sagte nichts mehr.

Kurz vor dem Einschlafen registrierte ich, dass er ihr Geschenk aus dem Mülleimer holte, die Garnitur ordentlich zusammenfaltete, auf den Stuhl neben meiner Pritsche legte und mich zudeckte.

Auf einen Gute-Nacht-Kuss verzichtete er aber.{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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