Johnny Cash in Bio-Schlappen – sechsundzwanzigstes Kapitel

10. Tag, früher Abend

Der Wasserdampf der Duschen hüllte uns wie eine Nebelwand ein.

„Was hat die Aktion jetzt eingebracht?“, fragte ich in die Dampfschwaden hinein.

„Spaß. Von der Spucke in Gratzeks Gesicht mal abgesehen. Mir hat es Spaß gemacht“, antwortete Kotzer.

Ich erwartete noch einen der üblichen Kotzer-Witze, etwa über Ballonfahrer, die sich im Nebel verirrten, oder über masturbierende Männer unter der Dusche oder Blondinen, die in der Dusche hin- und herlaufen, weil auf dem Shampoo steht: Wash and go. Aber es kam kein Witz.

 

„Mit hat es einen neuen Arbeitsplatz eingebracht.“ Das war Ehrgart.

„Es war eine Provokation, erst mal nicht mehr. Aber eine Provokation mit Folgen“, sagte Gratzek.

„Arbeitsplatzrotation – und einer hat frei. Eine Bestrafung, die eigentlich gar keine ist“, kommentierte Kotzer.

„Eben!“

Wieder Gratzek. Und er fuhr fort:

„Und die Folgen sind Gespräche. In kaum einer Zelle war es nach dem Abendessen ruhig. Diskussionen überall, auch heute Morgen beim Frühstück. An allen Tischen Austausch. Selbst Leute, die sich sonst aus allem raushalten, waren beteiligt.“

„Stimmt“, ergänzte Ehrgart, „in der Recycling-Abteilung gab es nicht einen, der nicht das Gespräch mit mir gesucht hat. Die Stimmung war aufgeladen. Unwillen, Verärgerung, teilweise Empörung über das Vorgefallene, besonders aber über Gräffke.“

„Aber wohin soll das führen? Was soll daraus folgen? Wir hier in unserem Ferienlager, wir sind doch unbedeutend. Und die meisten, die hier sind, wollen ihre Zeit abreißen, spielen das Spiel des Einsichtigen, um eine positive Bewertung zu bekommen und sich den echten Knast zu ersparen. Geht mir doch letztlich nicht anders“, sagte ich.

„25 Prozent“ hörte ich Gratzek durch das Rauschen des Wassers.

„Wie jetzt – 25 Prozent?“ fragte ich verständnislos.

wasserdampf„Etwa 25 Prozent ist die Quote derjenigen, die Bewährung bekommen“, antwortete Gratzek, „und zwar unabhängig vom Gutachten Dr. Saubers und der Einschätzung durch Qualle. Deren Stellungnahmen werden nämlich von der übergeordneten Behörde einfach kassiert. Wenn du hierhin kommst, steht schon vorher fest, wer gehen darf und wer in den Knast einfährt. Von vieren also drei, die in den Knast müssen. Und von unserem Quartett wirst du der Glückliche sein. Kotzer, Ehrgart und ich sind chancenlos. Wir haben die Regierenden, jeder auf seine Weise, ins Mark getroffen. Kotzer durch seine öffentliche Provokation, Ehrgart durch seine Verstrickung in die Geschäfte der Fleischmafia und ich wegen des Auftritts im Fernsehen und der einen oder anderen Parteitagsrede. Die ganze Anstalt ist letztlich ein Fake. Das System will sich den Anstrich geben, human zu sein. Wir sind Puppen an Fäden, mit denen gespielt wird. Aber das Spiel ist böse.“

Gratzek drehte nach seiner Rede das Wasser ab. Wir anderen auch. Wir schlappten in den Vorraum zu unserer Kleidung und trockneten uns ab.

„Die Spucke in Gratzeks Gesicht war ein erster kleiner Riss in der Fassade der Fairness, und durch diesen kleinen Riss konnte man sehen, dass das scheinbar Gute hinkt. Den Riss müssen wir erweitern. Du hast Recht, wenn du sagst, dass die meisten hier den Streifen durchziehen, um sich den Knast zu ersparen. Aber ebenso richtig ist, dass die meisten eine Ahnung davon haben, dass es ein Teufelsfuß ist, der das ganze System Hinken macht. Und dieses System muss weg“, wandte sich Ehrgart an mich, während er seine Hose anzog.

Kotzer setzte sich auf eine der Bänke und begann damit, die Sohlen der Bio-Schlappen rhythmisch gegeneinander zu schlagen. Über das ploppende Geräusch der Schlappen hinweg sagte Gratzek:

„Draußen herrscht Unruhe. Die Unzufriedenheit wächst. Protest formiert sich, noch recht zaghaft, aber teilweise schon als Chorgesang. Und bei diesem Chor sollten wir dabei sein – möglichst viele von uns hier. Deswegen sollte jeder von uns vieren an seinem Platz weiter machen: reden, Meinungen einholen, Stimmungen erfühlen, abtasten, wie weit einzelne zu gehen bereit sind, wenn es darauf ankommt.“

„Worauf?“ fragte ich.

Gratzek antwortete:

„Einen Schlussstrich zu ziehen. Die Rechnung für die letzten Jahre zu präsentieren. Kassensturz.“

Während der letzten Worte Gratzeks war Kotzers Schlappenspiel lauter und schneller geworden. Er stimmte den Folsom Prison Blues von Johnny Cash an und traf dabei Cashs Art zu singen und zu intonieren so genau, als stünde das Original mit uns im Umkleideraum. Nach kurzer Zeit fanden sich, von Kotzers Gesang angelockt, andere Insassen ein und bildeten mit uns einen klatschenden Kreis, in dessen Mitte Kotzer sang.

Far from Folsom prison, that´s where I want to stay.

And I´d let that lonesome whistle blow my blues away.”

Als Kotzer mit diesen Schlusszeilen des Liedes seine Performance beendete, konnte er sich kaum der Männer erwehren, die ihm begeistert die Hände schüttelten oder auf die Schulter klopften.

Kotzer tat so, als ließe ihn die Begeisterung kalt, und sagte mit der Stimme Johnny Cashs:

„Ich heiße nicht nur Hans Bargeld, jetzt will ich auch Bargeld sehen. Nach dem Essen komme ich an den Tischen rum und kassiere. Aber jetzt häcksle ich erst mal diese Teufels-Latschen klein und dreh mir damit ´ne Riesentüte!“

Allgemeines Gelächter war die Reaktion. Sogar Gratzek lachte lauthals. Und den hatte ich bisher noch nie lachen hören.{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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