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2. Tag, nachmittags

Am Nachmittag gab es im Anstaltsprogramm eine Stunde „Kaffeezeit“, in der man im Speisesaal tagesaktuellen ökologischen Kuchen und nachhaltiges Gebäck bekam – natürlich korrekt hergestellt und fast durchweg ohne tierische Eiweiße.

 

Ich nahm mir ein Dinkel-Knusperröllchen und zwei Roggenvollkornsticks von der Theke. An einem Fensterplatz saß, über ein Buch gebeugt, Ehrgart mit einer Tasse Tee. Ich ging zu ihm.

„Störe ich?“

„Nein, nein, setz dich nur. Ich blättere ein wenig im offiziellen Kochbuch der Anstalt.“

„Und? Schon was Interessantes entdeckt?“

„Das Vorwort des Regierungschefs ist natürlich der wichtigste Teil im Buch“.

„Höre ich da einen Hauch Ironie?“ Ich griff mir das Knusperröllchen. Ja, es knusperte.

„Ich könnte ein Ei drüber schlagen – aber Eier gibt es ja nicht“. Er nahm einen Schluck Tee.

„Warum bist du eigentlich hier?“ fragte er.

„Glühlampenhandel und Raucher-Flashmob.“

„Ah, das ambulantes Gewerbe, von dem Qualle gesprochen hat.“

„Und du? Schweinehandel?“ Ich zeigte mit einem Vollkornstick in Richtung seiner Armbeuge.

„Fleischeslust“, antwortete er.

„Sexgewerbe?“

fleischeslustIch biss in den Stick. Wir würden keine Freunde, der Stick und ich, der Geschmack nach Kümmel war zu intensiv. Ich legte den angebissenen Stick zu dem zweiten und schob den Teller an den Tischrand.

„Ja, mit Kümmel muss man vorsichtig sein, höchstens zwei Teelöffel auf 300 Gramm Mehl, sonst schmeckt das zu penetrant. Sexgewerbe? Vielleicht hätte ich das machen sollen, mit Extra-Service für Partei- und Regierungsbonzen: ökologische Kondome, nachhaltige Orgasmen, biologisch einwandfreie Prostituierte. Nein, so hieß mein Restaurant: Fleischeslust. Ich habe mich auf Fleischgerichte spezialisiert, vor allem Steaks von Kobe-Rindern.“

Er schien aus meinem Blick Unverständnis zu lesen.

„Natürlich nicht die echten, das Fleisch darf nicht aus Japan ausgeführt werden. Ich hatte eine eigene Nachzucht, ein Bio-Bauer im Allgäu hat die nur für mich gehalten. Das beste Fleisch, das du dir vorstellen kannst. Zart und wunderbar marmoriert, für 1a-Steaks. Und als Hobby habe ich Gemüseschnitzkunst auf den Tisch gebracht, eine alte asiatische Tradition.“

„Hört sich klasse an!“

„War ja auch klasse, lief super, drei Monate Wartezeit auf der Reservierungsliste für einen Tisch. Sogar einige Regierungsmitglieder und Spitzenbeamte haben bei mir gegessen – bis die GROSSE ERNEUERUNG und die DREI KAS kamen. Fleischeslust – adé . Zunächst durfte ich nur noch 10% Umsatz mit Fleischgerichten machen, dann, nach der letzten Novelle des Gesetzes, runter auf 0%.“

„Aber vegetarisch essen und kochen – warum nicht?“

„Darum geht es nicht. Es geht um die Wahlfreiheit für die Kunden und um die Herausforderung für den Koch, um Spitzenleistungen. Ich bin doch nicht als Lernender durch die Küchen und Restaurants der Welt gezogen, um nachher einen ökologisch korrekten Einheitsbrei auf den Tisch zu bringen. Arsch lecken! Da habe ich den Laden dicht gemacht.“

„Und bist in den illegalen Fleischhandel gegangen?“

„Nicht sofort, da gab es noch ein paar Zwischenstufen.“

Er trank seinen Tee aus.

„Wenn du Lust hast, setzt dich mit mir in den Innenhof, Sonne tanken. Dann können wir weiterquatschen.“

Wir standen auf. Ich stellte den Teller mit den Sticks auf die Theke.

„Hat es nicht geschmeckt?“ fragte die Küchenkraft.

„Nicht so wirklich“, antwortete ich, „mir ist da zu wenig Kümmel drin.“{jcomments on}

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Von Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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