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Though this be madness, yet there is method in it (Shakespeare, Hamlet, II/2)

Die Vorstellungen von Frau G. oder Kultur als Erziehungsprogramm

Die GRÜNEN, so titelt heute die WAZ-Lokalredaktion, „können sich gut ein Balkan-Festival vorstellen“. Warum auch nicht? Ich stelle mir auch manchmal etwas vor. Denn die Vorstellungskraft ist eine besondere Gabe, die wir Menschen haben. Ich kann mir z.B. vorstellen, in einem anderen Leben meine Tage als rosa Einhorn oder auch als Frau mit Penis im Katzen-Café von Frau G. zu verbringen.*** Ebenso  kann ich mir ein Balkan-Festival gut vorstellen, denn einige enge Mitglieder  meiner Familie und Teile meines Bekanntenkreises stammen vom Balkan, von wo aus sie als Bürgerkriegsflüchtlinge oder Arbeitsmigranten zu uns gekommen sind, wobei man sich von der Vorstellung lösen sollte, der „Balkan“ sei ein mehr oder weniger einheitlicher Kulturraum – von den politischen Friktionen, geschichtlichen Konflikten und ethnischen Animositäten einmal ganz zu schweigen.****

Aber Frau G., die für die GRÜNEN politisch unterwegs ist, verbindet mit der Frage an die Stadt, ob ein Balkan-Festival denkbar sei, nicht in erster Linie den Balkan in seiner Gesamtheit und die damit verbundene Vielfalt und Widersprüchlichkeit kultureller Aspekte, sondern eine erzieherische Aufgabe hinsichtlich der „Einheimischen“. Sie sagt: „In Gelsenkirchen leben viele Menschen aus dem Balkan. Dabei ist insbesondere die Sicht auf Zugewanderte aus Bulgarien und Rumänien oftmals vorurteilsbehaftet und verengt.“ (WAZ, Papierausgabe, S.1 Lokalteil GE).

Aha! Ein verengter Blick also! Und der soll mit einem Balkan-Festival „geweitet“ werden!

Die nahezu im Zwei-Wochen-Rhythmus vorgestellten Ergebnisse der „Hausbesuche“ des Interventionsteams EU-Ost und die vielfältigen Erfahrungen von Bürgerinnen und Bürgern mit Nachbarn aus Rumänien und Bulgarien, gemeint sind natürlich hauptsächlich Sinti und Roma, sind für Frau G. keine Widerspiegelung realer Verhältnisse und die Folge einer anderen Kultur mit anderen Normen und Werten, sondern lediglich Ergebnis vorurteilsbehafteter und verengter Sichtweisen einer von latentem Rassismus bzw. Antiziganismus durchseuchten Bevölkerung, die bestenfalls noch ein Bizet-Carmen-Zigeuner-Klischee im Kopf hat:

Die Liebe ist ein Zigeunerkind.
Sie hat niemals, niemals Gesetze gekannt;
wenn du mich nicht liebst, liebe ich dich;
wenn ich dich liebe,
nimm dich in acht!
“ (Bizet, Carmen, Szene 5.)

Diese vorurteilsgeschwängerte Verengung des Blicks trifft, so steht zu vermuten, bei Frau G.  wohl auch auf die jüngst veröffentlichte Statistik zu Schulschwänzern zu, die besagt, dass ein großer Teil Kinder und Jugendlicher auf dem Papier hier lebt und schulpflichtig ist, weswegen deren Eltern entsprechend Kindergeld beziehen, dass aber in der Realität diese Kinder hier überhaupt nicht existent sind, was die Stadtverwaltung bei den oben bereits erwähnten „Hausbesuchen“ immer wieder feststellt.

Das Kulturprogramm, das Frau G. vorschwebt bzw. das sie sich „vorstellt“, soll dafür sensibilisieren, dass die Verbringung von Müll auf die Straße, dass die nächtelange laute Musik, dass das unberechtigte Kassieren von Kindergeld, dass das Abstellen von Fahrzeugen ohne Anmeldung und dass das nächtliche Geschrei Ausdruck einer kulturellen Vielfalt sind, die wir geschenkt bekommen, aber noch nicht richtig verstanden haben und deshalb nicht zu würdigen wissen. Deshalb brauchen wir ein „Besserungsprogramm“, das uns die kulturelle Bereicherung klar macht, die mit einem anderen Lebensstil verbunden ist.

Aber die Wunschvorstellungen von Frau G. haben noch eine zweite Seite, nämlich die der Sinti und Roma selbst bzw. eines großen Teils von ihnen. Frau G., so scheint es, sieht über die tatsächlichen Probleme hinsichtlich der Sinti und Roma lieber hinweg: Zwangsverheiratung und Verkauf junger Mädchen, Zwangsprostitution, gewerbsmäßige Bettelei, Schein-Beschäftigungsverhältnisse, Schulabstinenz, Sozialbetrug – all das sind keine rassistisch gesteuerten Vorurteile, sondern auch gerichtsfest festgestellte Tatsachen, die einem Milieu und einer Kultur entspringen, die in Teilen immer noch patriarchalisch strukturiert ist und in der besonders junge Mädchen objektiviert, also wie eine Ware behandelt werden:

So steht es nach FOCUS-online-Informationen in der Anklage gegen fünf führende Köpfe des Kölner Roma-Clans. Dabei geht es um eine international weitverzweigte Großfamilie, die von der Rheinmetropole aus auf Beutezug gegangen sein soll. Die Vorwürfe reichen von Bildung einer kriminellen Vereinigung, schwerem Bandendiebstahl, Sozialleistungsbetrug im großen Stil, Geldwäsche sowie dem Menschenhandel durch die Ausbeutung einer Minderjährigen. Die Ermittlungen in diesem Fall führen in eine kriminelle Schattenwelt mit archaischen Sitten, die ans Mittelalter erinnern.“******

Diese Aspekte zu verschweigen und darüber den Mantel der kulturellen Vielfalt auszubreiten, ist eine schuldhafte Missachtung von Menschenrechten, besonders der Rechte von Frauen, jungen Mädchen und Kindern! Diese naive Sicht auf die Welt, verbunden mit einem anmaßenden Erziehungsprogramm für die Menschen mit „verengtem Blick“, ist letztlich eine Missachtung der Sinti und Roma selbst, blendet nämlich ihr Elend aus und malt stattdessen eine Welt, in der es tanzende junge Roma-Frauen mit bunten, glitzernden langen Röcken , Bändern und Schleifen in den Zöpfen, Katzen-Cafés, Einhörner und Frauen mit Penis gibt!

Das Ölgemälde mit der feurigen Zigeunerin, dem Dekolleté , das tiefe Einblicke zulässt, und ihrem vor Lust lodernden Blick im Schlafzimmer nicht zu vergessen

*** „Ich wollte eigentlich immer ein Katzen-Café haben“, sagt sie. Ein was? „Na ja, ein Café, in dem Katzen herumlaufen. Ich liebe Katzen“, gesteht Gorczyk und berichtet von ihren beiden Vierbeinern.“ (Quelle: https://www.waz.de/staedte/gelsenkirchen/article234313999/ada-gorczyk-die-gruene-strategin-mit-dem-katzen-cafe-traum.html)

*****Die bosnisch-herzegowinische Band „Dubioza Kolektiv“ macht sich über dieses Verständnis einer  Balkan-Kultur im Song „No escape from Balkan“ ironisch-selbstironisch lustig (https://www.youtube.com/watch?v=jtgA0jvhp2A)

Ähnlich, allerdings mit filmischen Mitteln, auch der Regisseur Emir Kusturica in seinen Filmen Die Zeit der Zigeuner (1989) und Schwarze Katze, weißer Kater (1998), in denen er das Leben der Roma  und anderer gesellschaftlicher Randgruppen liebevoll-ironisch thematisiert.

****** https://www.focus.de/politik/deutschland/frauenhandel-jobcenterbetrug-raubzuege-wie-roma-clans-nun-mitten-in-deutschland-eine-parallel-gesellschaft-aufbauen_id_180426656.html

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Von Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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4 Kommentare
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Heinz Niski

Ich finde die Idee klasse.

Ron Wood, Sido und Marianne Roseberg spielen zusammen auf der Bühne „Djelem,djelem“

https://youtu.be/uttZUfRhbHE?si=IVn4LpeqwmNe2fx3

dazu wird Sauras Carmen nachgetanzt

https://youtu.be/HWILvpcWTog?si=tuG5S_0QZigb0pBO

Im Hintergrund wird Time of the Gypsi auf eine Leinwand projiziert

https://youtu.be/J9K1iQ57LbQ?si=_4WcaAlSn1WUF-ix

bis auch der letzte Trottel begriffen hat, dass es positive und negative Vorurteile gibt, dass es Erfahrungswissen gibt, dass Sinti und Roma sehr wohl wichtige Beiträge in Kunst, Kultur, Wissenschaft abgeliefert haben, abliefern.

Im Gegenzug wird der Kreisverband der Grünen geschlossen verpflichtet, einen Monat in einem Haus mit den verhaltensauffälligen Roma zu leben, um tief, sehr, sehr tief in die Gepflogenheiten und Regeln dieser Menschen einzutauchen.

Dort können sie ihre Vorurteile gegen Menschen, die das Roma-Phänomen problematisieren, auf den Prüfstand stellen und darüber meditieren, wie viel Anteil sie am Erstarken der AfD haben, weil sie Menschen als Nazis, Rassisten, Antiziganisten labeln, die einfach nur ein regelkonformes Miteinander erwarten.

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Last edited 3 Tage zuvor by Heinz Niski
Ro.Bien.

Dortmund, Nordstadt. Seit 12 Jahren. AWO. Da gibts sicher Netzwerke mit, wie hieß sie noch, die Geschäftsfühererin des Autohandels in Ückendorf…

https://www.dortmund.de/newsroom/nachrichten/djelem-djelem-festival-feiert-10-jaehriges-jubilaeum.html

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Pet.Teut.

DANKE
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Last edited 3 Tage zuvor by Heinz Niski