5
(4)

Geht Ihnen das gelegentlich auch so, dass Sie einen Satz oder einen Satzfetzen oder vielleicht sogar nur ein Wort hören oder lesen und davon irritiert sind. Dass Sie anfangen, über das Gehörte oder Gelesene nachzudenken, dass dieses Sprachelement geradezu ohne Unterlass in Ihrem Kopf rotiert, dort seine Krallen einschlägt und nachgerade in Ihrer Gedankenwelt die Herrschaft übernimmt?
Mir ging das zum Beispiel so, als sich zum ersten Mal das Wort Doppelhaushälfte gehört habe. Mich hat das einen ganzen Tag lang nicht mehr losgelassen. Wenn ich mir das Eigentum an einer Doppelhaushälfte mit einer anderen Person hälftig teile (also jeweils zu 50%), bin ich dann Eigentümer eines Doppelhausviertels, weil die andere Hälfte der Hälfte einer anderen Person gehört? Und könnte ich von einem Dreifachhaus ein Dreifachhausdrittel erwerben oder auch eine Hälfte? Aber von welchem Drittel? Anderes Beispiel: Wenn an der Schaufensterscheibe eines Fladenbrotbäckers steht: Ein Brot dreißig Cent, vier Brote 1,20 EURO. Wie viel spare ich dann, wenn ich acht Brote kaufe?
Heute ist mir wieder so etwas passiert: Ich habe eine kleine Runde mit dem Rad durch die Stadt und den Stadtgarten gedreht und kam an einem Floristik-Geschäft vorbei, vor dem der Transporter des Geschäfts geparkt war. Auf die Seiten des Klein-LKWs waren die Angebote und Dienstleistungen des Geschäftes lackiert. Dazu gehörten auch „anlassbezogene Geschenksträuße“! Sofort begann es zu tickern in meinem Kopf, ich wurde zusehends unaufmerksamer beim Fahren: überquerte eine Kreuzung bei ROT (und das ohne schlechtes Gewissen), bremste vor einem Fußgängerüberweg erst in letzter Sekunde (es war überhaupt kein Fußgänger auf dem Streifen) , bog auf dem Heimweg einmal falsch ab (obwohl ich die Strecke in- und auswendig kenne), klingelte einen Mann mit Hund aggressiv vom Fahrradweg (hätte ich mich normalerweise nicht getraut). Und ich wusste, dass ich diese Formulierung wegschreiben müsste, wenn ich sie loswerden wollte!

Also:
Erste Überlegung: Haben Geschenksträuße nicht immer einen Anlass. Schon alleine das Bestimmungswort „Geschenk“ spezifiziert bei diesem Kompositum das Grundwort „Strauß“. Ich kaufe den Strauß also nicht für mich, sondern um ihn zu verschenken. Und für das Geschenk gibt es einen Anlass: Sei es, weil ich Oma Hulda besuche („Junge, das wäre doch nicht nötig gewesen!“), weil ich einen Geburtstag vergessen habe und um Entschuldigung bitten will („Typisch für dich, jetzt meinst du, dass du das mit so einem Gebinde von der Tankstelle wiedergutmachen kannst!“) oder weil man irgendetwas zur Verabschiedung der Kollegin mitbringen muss und sich keine weiteren Gedanken machen will (Blumen gehen immer! Und wirklich leiden mochte ich die sowieso nie.). Was als Anlass wegfällt, ist wohl eine Beerdigung. Schon alleine deshalb , weil man weder dem Verblichenen (der hat nichts mehr davon) noch dem oder der Hinterbliebenen ein Geschenk macht. Da bringt man doch eher ein Trauergebinde oder Trauergesteck mit, es sei denn, der Tod des Gestorbenen ist bereits ein Geschenk. Reicht alo nicht das Wort „Geschenksträuße“ schon ganz alleine, weil es immer einen Anlass gibt für ein Geschenk, sich das also von selbst versteht?
Aber mir geht es eher noch um die eigentliche sprachliche Gestaltung: „anlassbezogen“. Das ist doch typisches „Verwaltungsdeutsch“, das bekanntlich u. a. eine Vorliebe für attributive Partizipialkonstruktionen und eigentümliche Adjektivbildungen hat. Ein „anlassbezogener Geschenkstrauß“ ist doch – sprachlich betrachtet – etwas wie der „vorgenannte Betrag“ oder die „umseitig genannte Frist“ oder die „auf Seite 2 des Formblatts in Absatz 3 genannten Vorschriften“.
Denkbar wäre also etwa in der Vorschrift zur „Beantragung eines anlassbezogenen Geschenkstraußes“ die folgende Formulierung:
Nach § 13, Absatz 2 der europäischen Richtlinie zur Beantragung anlassbezogener Geschenksträuße in der überarbeiteten Fassung vom 23.7.2022 hat der Antragsteller unter Wahrung einer Frist von 14 Tagen beim zuständigen Bewilligungsamt seiner Heimatgemeinde unter Vorlage eines amtlichen Dokuments zur Beglaubigung seiner Berechtigung zur Antragstellung einen Antrag auf Erwerb eines anlassbezogenen Geschenkstraußes unter Angabe des Anlasses für das Geschenk zu stellen.
Der erteilte Bewilligungsbescheid ist dem mit der Erstellung des anlassbezogenen Geschenkstraußes beauftragten floristischen Unternehmen vor Beauftragung vorzulegen.“

So, jetzt ist alles raus aus meinem Kopf, was zu dem anlassbezogenen Geschenkstrauß zu sagen und zu schreiben war. Danke, dass Sie mir zugehört bzw. mitgelesen haben. Das hat (mir) geholfen! Und mein Kopf ist wieder frei für andere Sätze! Etwa die Frage:

Gibt es etwas Komplexeres als die Einfachheit?

Wie inspirierend, erhellend, unterhaltend war dieser Beitrag?

Klicke auf die "Daumen Hoch" um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 5 / 5. Anzahl Bewertungen: 4

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Weil du diesen Beitrag inspirierend fandest...

Folge uns in sozialen Netzwerken!

Es tut uns leid, dass der Beitrag dich verärgert hat!

Was stimmt an Inhalt oder Form nicht?

Was sollten wir ergänzen, welche Sicht ist die bessere?

Von Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
Meine Daten entsprechend der DSGVO speichern
10 Kommentare
Oldest
Newest
Inline Feedbacks
View all comments
bett.mei.

Sehr geehrter Herr Matzkowski,
bitte entfernen Sie den Rechtschreibfehler (oder eher Flüchtigkeitsfehler, da will ich ausnahmsweise gnädig sein). Das ist WAZ-Niveau!
Und zur Beantwortung Ihrer letzten Frage: Nein! Einfach zur Verabschiedung der ungeliebten Kollegin NICHTS mitbringen. Auch keinen anlassbezogenen Blumenstrauß. Ist einfacher, ehrlicher und kostet nichts.comment image

0
0
Dag.Lau.

Kann ich voll verstehen: Solche Gedanken gehen mir ständig bei unspektakulären banalen Standard-Behandlungen durch den Kopf, wo mein Hirn auf Reisen geht, weil Routine einfach von der Hand geht…
Mit ähnlichen Gedanken „erfreue“ ich dann Mitarbeiterinnen und Zuhörercomment image

0
0
Reimar Menne

In der Psychiatrie Echolalie und Echopraxie, in der Wirklichkeit eigentlich nichts anderes als der pathologisch gesteigerte Gehorsam. Ich schätze, wir haben es bei der Echokognition nur mit einer Variante des durch Beschulung passiver und insbesondere aktiver Art (Herr Oberstudienrat) in fremde Formen gepressten Auffassens zu tun.
Wiederholen Sie das nochmal!
Schreibe das zur Strafe 100 mal auf!
Bemerkenswert die Auslösung durch das Widersinnige, Überflüssige, Komplizierte.

Interessante Forschungsfrage für das Grenzgebiet zwischen Pädagogik, Psychologie und Soziologie.

0
0
Ali-Emilia Podstawa

Gleichstellungsbevorzugung

‚Bewerbungen von Frauen sind ausdrücklich erwünscht. Frauen werden gemäß des Landesgleichstellungsgesetzes NRW und des Gleichstellungsplans der Stadt Gelsenkirchen bevorzugt berücksichtigt.‘

Aus dem allgemeinen Anhang von Stellenausschreibungen bei der Stadt Gelsenkirchen.

https://karriere.gelsenkirchen.de/jobposting/765e7fd0f6b3e1540a9dac08cf2b2cbe8a68fa6e0?ref=homepage

0
0
Ro.Bien.

Was glaubst du denn, was in der Sozialarbeit los ist? Ohne Migrationsvordergrund und mindestens zwei baltische, türkische, arabische Sprachen – wird schwer. Da hättens die Migranten jetzt richtig gut. Wenn sie arbeiten dürfen, natürlich. Das Einzige was punktet ist Personalmangel. Da kann mann Glück haben.

0
0
Ro.Bie.

Kann ich nur bestätigen. Nix ist zeitraubender als langatmige Text so zu verkürzen, dass sie alle verstehen.

0
0
So.Jo.Tie.

Aus rechtswissenschaftlicher Sicht ist interessant, dass der Autor seine Fragestellung „anlassbezogen“ in den Bereich der Beurteilung einer Gefahrenlage führt, da sie ihn offensichtlich in Gefahr gebracht hat. So er (akute) Gefahrensituationen gewährte, hat er sich dem Polizei- und Ordnungsrecht genähert. In medias res hat ihn sein Bemühen um Auslegung der Begrifflichkeit konkludent ins (präventive) Handeln der Erlaubnis seiner selbst gelenkt, sich so dem Umgreifenden (Karl Jaspers) geöffnet, wenn er Situationen des Scheitern (Oma Hulda; Trauergesteck) beschreibt. So naheliegend die Abhandlung von der abstrakten Gefahr zur akuten Gefahr zur Erlaubnis ist, so naheliegend findet seine Hinführung von der Frage des Seins zum „bestimmten Sein“ statt. „Sein als Erkanntsein trägt stets zugleich das Unerkannte an seiner Grenze.“
Die vermeintlich nicht in den Kontext passende (andere) Frage: “ Und mein Kopf ist wieder frei für andere Sätze! Etwa die Frage: Gibt es etwas Komplexeres als die Einfachheit?“, ist aus philosophischer Sicht des Seins mit Karl Jaspers kein Abschluss des Einen, sondern Horizont des immer gleichen Seins. „Niemals gewinnen wir einen Standpunkt, auf dem der begrenzende Horizont aufhörte und von dem aus ein nun horizontlos Geschlossenes, daher nicht mehr weiter weisendes Ganzes überblickbar würde. Und wir gewinnen auch keine Folge von Standpunkten, durch deren Gesamtheit wir, wie bei einer Erdumseglung, in der Bewegung durch die Horizonte hindurch das eine geschlossene Sein – im System des Seins – gewönnen. Das Sein bleibt für uns ungeschlossen: es zieht nach allen Seiten ins Unbegrenzte. Es läßt immer wieder Neues als jeweils bestimmtes Sein uns entgegenkommen.“
Die Antwort auf die Frage, ob es etwas komplexeres gibt als die Einfachheit liest sich demnach wie folgt: „Nachdem uns diese Erfahrung bewußt wird, fragen wir noch einmal nach dem Sein, das uns mit dem Offenbarwerden aller entgegenkommenden Erscheinung als es selbst zurückwich. Dieses Sein, das weder (immer verengender) Gegenstand noch ein in einem (immer beschränkenden) Horizont gestaltetes Ganzes ist, nennen wir das Umgreifende.“
(Quelle: Jaspers-Stiftung, CH, aus: Karl Jaspers: „Von der Wahrheit“, 2. Aufl. 1958, S. 37-39)

0
0