Nachdenken über das Partizip

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Zu einem feuilletonistischen Magazin wie HerrKules gehören natürlich auch sprachpflegerische und sprachkritische Beiträge, zu denen wir, das sei zugestanden, leider nicht häufig genug kommen. Manchmal muss eine Beschäftigung mit Sprache aber sein – vor allem dann, wenn es von der verwendeten Sprache her „juckt“ oder „klemmt“ oder die Sprachverwendung sogar einen Würgereiz auslöst!
In diesem Beitrag geht es um das Partizip, über das wir im Duden finden: „Beispiele: Partizip I (Partizip Präsens, Mittelwort der Gegenwart, z.B. sehend), Partizip II (Partizip Perfekt, Mittelwort der Vergangenheit, z.B. gesehen).“
Grundlage der Bildung des Partizips ist das Verb.
Das Partizip II verwenden wir bei den zusammengesetzten Zeiten (Ich bin gelaufen, ich hatte gehustet), wobei wir Verben der Bewegung (laufen, schwimmen) mit einen Form von „sein“ verkoppeln, alle anderen Verben mit „haben“ (ich habe gerufen).
Das Partizip I verwenden wir zur Beschreibung einer fortlaufenden Handlung in der Gegenwart (schwimmend erreichte er das andere Ufer).
Das Partizip kann von der Funktion her als Substantiv (der Schreiende), als Adjektiv (schreiende Münder) oder Adverb (schreiend erreichte er das Ufer) auftreten.
Schauen wir uns also mal an einem Beispiel die Partizipverwendung auf der Webseite einer politischen Partei in Gelsenkirchen an. Da lässt sich in der Ankündigung zu einer Veranstaltung finden:
Aufgrund der Coronabeschränkungen ist die Teilnehmendenzahl für die Veranstaltung leider begrenzt. Bitte melden Sie Ihre Teilnahme daher vorher per E-Mail an“. Das Verb „teilnehmen“ ist hier die Grundlage für die Partizipialbildung „Teilnehmendenzahl“, die die Begriffe Zahl der Teilnehmer als generisches Maskulinum, aber auch Zahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen ersetzen soll.
Im Zeitungsartikel nach der Veranstaltung hieße es dann wohl: „Es waren drei Teilnehmende anwesend.“
Kann man aber im Voraus von einer Teilnehmendenzahl sprechen, wo sich das Partizip 1 doch auf die Gegenwart bezieht, wir hier aber auf etwas Zukünftiges orientiert sind? Und bei welcher Zahl können die Mail-Verwendenden und die Sich-Anmeldenden tatsächlich zu Teilnehmenden werden? Und nehmen die Teilnehmenden einfach nur Teil oder werden sie vielleicht zu Anteilnehmenden? Ist ein während der Veranstaltung Schlafender trotzdem noch ein Teilnehmender oder nur ein körperlich Anwesender? Halten die Veranstaltenden das im Protokoll fest und zählen eine schlafend Schnarchende als Teilnehmende mit?

Und wie ist das bei Beerdigungen? Ist der soeben im Sarg in der Erde Liegende ein Teilnehmender an der Beerdigungsfeier, die ihm doch gilt? Und sind die Trauernden, die sich den Beerdigungskuchen einverleiben, gleichzeitig Anteilnehmende und Teilchen Nehmende? Damit sind wir schon bei denen, die den Beerdigungskuchen gebacken haben, also wahrscheinlich Bienenstich! Ist jemand ein Backender (vormals Bäcker oder Bäckerin), wenn er oder sie oder divers den Kuchen backt, aber wenn er den Kuchen den Trauernden übergibt kein Backender mehr, weil er ja in dem Moment nicht backt, sondern ein Beerdigungskuchen-Überreichender? Wie ist das, wenn ich den Kuchen abhole, also ein Abholender bin? Ist aus der schönen Bäckerin eine schöne Backende geworden? Gehe ich dann zur oder zum Backenden, zum Bäcker, zur Bäckerei oder zur Bäckerin? Oder ist das sowieso falsch, weil ich den Kuchen beim Konditorierenden abholen muss?
Wenn der Kuchen einen „Stich“ hatte, nicht einen Stich von Bienenden, sondern verseucht von Salmonellen war, werden die Essenden dann zu Sich-Übergebenden?

Aber bevor ich mir und Ihnen noch weiter den Kopf zerbreche, wir also zu Kopf-Zerbrechenden (nicht Erbrechenden!) werden, sage ich mal:

Blödes Partizip! Da melde ich mich doch schon mal überhaupt nicht bei der Veranstaltung als Teilnehmer an!

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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Di.Niew.

Ich mag “Teilchen Nehmende”.

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Heinz Niski

Das alles hat schon längst das Niveau von “Antifaschistischer Schutzwall” statt Mauer oder “in der Sowjetunion gibt es keine Mörder” erreicht.
Sprachjakobiner … Wortestürmer ….. häckseln eine komplexe Sprache in Unsinnsbrocken.
Aber gut, endlich nehme auch ich zur Kenntnis, dass die zweite Hälfte des Himmels den Frauen gehört….. ich konnte Jahrzehnte mit diesem Mao Spruch nix anfangen, nun weiss ich es…. Mütterinnenkuchen und BienInnenstich sei Dank.

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Neb Diov

“Wenn der Kuchen einen „Stich“ hatte, nicht einen Stich von Bienenden, sondern verseucht von Salmonellen war, werden die Essenden dann zu Sich-Übergebenden?”
Müsste es hier nicht “von Salmonellenden” heißen? 🤣

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Heinz Niski

@Neb. Diov.
auch Nellende können Übergebend sein! 🧐

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Neb Diov

@HerrKules
… was ich auch in Respekt vor dem Gesamtwerk nicht anzuzweifeln wage.

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Neb Diov

ich war früher immer sehr gut im Deutschunterricht, allerdings habe ich Grammatik immer gehasst wie die Pest und kann mit dem meisten Vokabular heutzutage nichts mehr anfangen. Mir liegt eher das Kreative als das Beschreibende. Danke Ihnen für den Text der meinen Nachmittag deutlich bereichert hat.

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Fra.Prez.

Den Beitrag lesend, fühlte ich mich sofort zurück als Sextaner, in der damaligen engen Schulbank aus Holz hockend, den Blick ins Leere gerichtet

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Mar.Kolb.

du sprichst mir aus der Seele.

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Ro.Bie.

Ähnliches kann ich aus Mathematikstunden berichten.

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Di.Nie.

und mit dem Zirkel unkreativ den Tisch massakriert…

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Ma.Krö.

Extremes Langzeitgedächtnis!

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An.Rollf.

Diese Nachhilfestunde peppt meinen Freitag wirklich auf 😂.Tja, die Lehrenden und Lernenden haben es heute auch nicht leicht.😉

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Kar.Ros.

Ja, wahrscheinlich ist es vorher spekulativ die “Teilnähmendenzahl”. Später, wenn alles vorbei ist, wäre es die “TeilGEnommenenzahl”.
Letzteres betont zusätzlich, in angenehm beiläufiger Art und Weise, die besondere Innovationskraft des Ortes und ermuntert die Bevölkerung sanft und niederschwellig, neue Begriffe für sich zu entdecken.

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Kar.Ros.

Anmerkung:
Das Partizip ist nicht alles.
Nach mittlerweile mehrtägiger Überlegung bin ich mir nicht mehr sicher, ob der Begriff ‚Bevölkerung‘ dem neuen Regelwerk weiterhin standhält, klingt er doch träge und etwas nach Zählvieh.
Besser und , dank Partizip, viel agiler und aktiv ist der Begriff „die Bevölkernden“. Hier kann man durchaus im Gebrauch die Wahl freistellen, weil ‚die Bevölkerung‘ vom Wort her kein Geschlecht bevorzugt.
Aber genau das könnte ein Fehler sein, denn die physische Präsenz aller Teilnehmenden basiert bis dato unzweifelhaft auf Mutterschaft.
Zur sprachlichen Umsetzung dieses Sachverhalts neige ich daher zur Umbenennung in den Begriff ‚Bevölkerin‘, der, in Art eines kontinuierlichen Muttertags, diesen Zusammenhang würdigt, reflektiert und einprägt.
Mit lokalen Interessen, -der Darstellung der besonderen Innovationskraft des Ortes- und mit niederschwelliger Identifikation bei den Einwohnenden verbunden, plädiere ich für ‚GEvölkerin‘ als gelungenste Variante.
Vielleicht in einer Sichtachse, vielleicht weiß auf blauem Grund, als sublimes Mittel, die Identifikation auf größtmögliche Breitenwirkung zu steigern, vielleicht an einem Kulturort, um die Verbindung politischer- mit allgemeiner Kultur zu unterstreichen, könnte man den Probelauf starten:
In Sicherheit frei, tolerant und ein gutes Gefühl ist die GEvölkerin.
Glück Auf! – Wir können es gut brauchen.

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Heinz Niski

@Kar.Ros.

tolle Überlegung, genialer Vorschlag, allein… etwas old fashioned. Es dauert nicht mehr lange, dann werden auch Väter gebären und wir werden viel Geld für neue Schilder und Briefköpfe verbrannt haben……

https://taz.de/Trans-Vater-ueber-seine-Schwangerschaft/!5777440/

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Kar.Ros.

Danke für ihre gemeinsame vehemente Belehrung!
So wichtig ist es mir auch nicht und ich sehe ein, daß ich da noch einiges dazulernen muß.
Seniorengerecht und mit besonderem Hang zu Bildern werde ich das am Besten mit einem lustigen Taschenbuch angehen..
https://www.nzz.ch/feuilleton/donald-duck-das-lustige-taschenbuch-wird-politisch-korrekt-ld.1632339?mktcid=smch&mktcval=fbpost_2021-06-26

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An.Schwen.

Da ich im Karneval aktiv bin, frage ich mich schon die ganze Zeit, wie begrüße ich nun. Statt liebe Närrinnen, liebe Narren jetzt liebe Narrende oder liebe Brauchtumspflegende oder was : Vorschlag erbeten.

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Fra.Prez.

@An.Schwen.

“Insanus” lat. für Narr. Eine feminine Form gibt es nicht. Oder “stultus -a”

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