Sexistisch-kulturrassistische Provokation oder Belebung der Streitkultur?

Die AfD und die „Chicas“ von Divito

Niemand hatte nach der Kommunalwahl wohl damit gerechnet, dass die AfD bei der Verteilung der Ausschussvorsitzenden die Option auf den Kulturausschuss-Vorsitz zieht. Entsprechend empört waren schon direkt danach die Reaktionen der anderen Fraktionen. Die SPD erhob gegenüber der AfD sogleich den Hass- und Hetze-Vorwurf, wogegen die Grünen die Bedeutung des Ausschussvorsitzes, den sie in Gestalt ihrer Fraktionsvorsitzenden Adrianna Gorczyk wohl selbst gerne übernommen hätten, herunterspielten. Die AfD wiederum betonte, sie wolle alle Demokraten zur Sacharbeit zusammenbringen, zugleich aber darauf achten, dass durch Zuschüsse des Kulturausschusses mit Mitteln des „Kulturcents“ nicht eine verdeckte Finanzierung von „Antifa-Cafés“ erfolge (siehe WAZ).

Nun also der nächste AfD-Hammer!

An der prominentesten Kulturstätte Gelsenkirchens, unmittelbar am Musiktheater, hat die AfD zwei Skulpturen in Anlehnung an die „Chicas“ des Argentiniers José Antonio Guillermo Divito aufstellen lassen. Divito, geboren am 16.7.1914 in Buenos Aires und am 5.7. 1969 in Lages (Brasilien) verstorben,  genießt in Argentinien auch heute noch großes Ansehen und gehört zu den populärsten Künstlern des südamerikanischen Landes. Besonders bekannt geworden ist er durch seine „Chicas“, Frauendarstellungen die, bunt und farbenfroh gekleidet und geschminkt, eine Weiblichkeit zeigen, die durch eine Wespentaille, einen betonten Busen und Po gekennzeichnet ist. „Chicas“ nach Zeichnungen von Divito stehen u. a. auf dem „Paseo de la Historieta“ in Buenos Aires und werden in zahlreichen Reiseführern als Anlaufpunkt erwähnt.



In einer Pressemitteilung der AfD heißt es zu den Skulpturen, man wolle einerseits einen internationalen Akzent setzen, indem man einen großen südamerikanischen Künstler ins öffentliche Licht rücke, und zugleich einen Kontrapunkt zum primitiven Führerkult um die in Horst von einer stalinistischen Sekte aufgestellte künstlerisch geschmacklose Skulptur des Massenmörders Lenin schaffen. Zudem habe es ja schon in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts und auch in den 50er Jahren Deutsche gegeben, die in dem schönen Land in Südamerika eine Heimat gefunden hätten. Letztlich gehe es aber um eine Belebung der Stadtkultur mit den Skulpturen, die in ihrer Art der Gestaltung den „Nanas“ von Niki de Saint Phalle nahe kämen.

Die Figuren stießen in der Stadtgesellschaft, auch in den Reihen der Künstler, durchweg auf Ablehnung. So führte Michael Schulz, Intendant des Musiktheaters, aus, „Unser Haus atmet selbst Kunst. Nicht nur die, die wir hier täglich schaffen, sondern natürlich vor allem auch durch die Kunst am und im Haus, das besonders für die blauen Schwammreliefs Yves Kleins bekannt ist. Wir brauchen deshalb keine nach Aufmerksamkeit heischenden Dekorationsartikel – und schon einmal überhaupt nicht von einer Partei, die bisher nicht durch ein ausgeprägtes Kunstverständnis von sich Reden gemacht hat, sondern durch diskriminierende Äußerungen aller Art.“

Von der SPD kam der Hinweis, man habe schon nach der Wahl des Ausschussvorsitzenden davon gesprochen, dass die AfD die Partei des Hasses und der Hetze sei. Daran ändere auch nichts die Aufstellung der beiden Figuren, die zudem noch ohne Genehmigung des städtischen Hochbauamtes erfolgt sei.

Für die GRÜNEN erklärte Adrianna Gorczyk, die Figuren Divitos verkörperten auf sexistische Art und Weise ein völlig rückständiges Frauenbild, das dem „Machismo“ huldige und der heutigen offenen und toleranten Gesellschaft der Diversität einen letztlich kulturrassistischen Ansatz von der Frau als Hure und Sexualobjekt zugleich überstülpen wolle.

In einer Presseerklärung der LINKEN heißt es, dem Bild einer selbstbewussten Frau von heute entsprächen die Figuren von Divito in keiner Weise mehr. Sie seien vielmehr ein Ausdruck der Rückständigkeit der AfD, die das Bild der Frau am heimischen Herd propagiere. Kunst, so die Linke, müsse letztlich dem Volke dienen, wenn sie als Kunst Modetrends überdauern wolle.

Die junge Gelsenkirchener Künstler-Gruppe „Choir Of Young Believers Tribute Company“ rief zu einem Friedenstanz mit Lichterkette und einer musikalisch-theatralischen Performance auf der Basis des Songs „Hollow Talk“ unmittelbar an den Figuren auf. Bei der Performance sollen 2000 Kinder aus städtischen Tagesstätten von ihnen selbst gemalte Plakate zum Thema „Frieden-Freiheit-Klimaschutz“ hochhalten, um ihre Solidarität zu zeigen.

Scharfe Kritik auch vom „Institut für Gender-Ästhetik und Trans-Kunst“, 2020 durch den Kulturcent und die Sparkassen-Stiftung gefördert. In der Mitteilung heißt es u.a.: „ An der und die Aufstellung*in der und die Skulptur*innen zeigt sich das transphobe und auf ein bipolares Geschlechter*innen-denken fixierte Weltbild der Aufsteller*innen. Das ist keine Kunst, sondern Geschlechter*innen-Geschmacklosigkeit. Das kann –nein, das muss weg! Das gehört zerstört!“

Aber nicht nur Gruppen, Organisationen und Verbände haben Protest angemeldet. Mittlerweile sind nämlich auch zahlreiche Stellungnahmen einzelner Personen in der Redaktion eingetroffen. Fast alle machen eine Ablehnung der AfD und ihrer als Provokation empfundenen Aufstellung der Figuren deutlich.

Einmal mehr wird erkennbar, dass die Mehrheitsgesellschaft der Stadt die Anwesenheit der AfD im Rat (bei den Wahlen mehr Stimmen als die Grünen!) ablehnt und die Aufstellung von Skulpturen durch eine „Partei der Unkultur“ (gemeinsame Erklärung evangelischer und katholischer Geistlicher aus den Gelsenkirchener Gemeinden) als Provokation empfindet.

Fragt sich aber, ob nicht genau das die Absicht der AfD war? Und fragt sich natürlich auch, ob Provokation nicht der Wesenskern von Kunst überhaupt ist?!
Wenn das zutrifft, ist der AfD ein Coup de Main gelungen und alle Kritiker sind über das Stöckchen gesprungen, das die AfD ihnen hingehalten hat!

Kunst als Provokation und die Freiheit des Skandals also!

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2 Gedanken zu „Sexistisch-kulturrassistische Provokation oder Belebung der Streitkultur?

  • 10. Januar 2021 um 19:56
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    morgen früh mit den Hühnern aufstehen, mal gucken!

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  • 11. Januar 2021 um 6:23
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    Der Herr Baranowski hätte diese „Kunst“ wenigstens sofort auf dem Klageweg beseitigt. Bei Frau Welge kann man sich nicht sicher sein, ob sie ein Gespür für die Stimmung der Bürger hat. In Corona Zeiten Steuergelder für aus der Form geratene Schaufensterpuppen zu verschleudern, die AfD ist auch nicht besser als die anderen Parteien!!! Kaum gewählt, schon besoffen von der Macht.

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