Nicht der Vandalismus ist das Problem! Es sitzt zwischen den Ohren.

Die Broken Window Theorie wird seit ein, zwei Jahren nun auch in meiner heiß geliebten Heimatstadt wahr genommen und es werden dem Bürger Meldeapps für vermüllte Orte angeboten, Strafkataloge für Ordnungswidrigkeiten als bunte Flyer verteilt, zuletzt  noch eine „Graffiti“ Reinigungsmaschine für 50 000 Euro angeschafft, ja man will sogar den Kampf gegen den die Stadt überziehenden Kaugummi Teppich aufnehmen.

Fein. Löblich. Meine Verwaltung und meine politischen Vertreter zeigen einmal mehr, dass sie energisch und handlungsfähig und hoch interessiert an der Verbesserung des Lebensumfeldes ihrer Bürger sind.

Wobei, wenn ich einmal allen Mut zusammen nehmen darf und das Undenkbare, das Unaussprechliche wagen darf, sieht es doch eigentlich in der gelebten Realität in dieser Stadt ganz anders aus.

Vor einigen Tagen war ich in einem fränkischen Städtchen mit 16 000 Einwohnern und sah fasziniert, wie ein Polizist einen Bolzenschneider aus dem Auto holte, das Schloss eines angeketteten Fahrrades knackte und das Rad zur Polizeistation fuhr.

Er erklärte mir, dass er natürlich nicht einfach so ein angekettetes Rad sicher stellen dürfe, aber…. (Augenzwinkermodus an) er wäre informiert worden, dass es einen Diebstahlversuch des Rades gegeben hätte und da müsse man zur Verhinderung von Schlimmerem das Rad sicher stellen.

Wie nun sieht die gleiche Situation in Gelsenkirchen aus, warum rotten seit Jahren herrenlose Fahrräder als Stadtmöbel vor sich hin?

Weil Bürger, Politik und Verwaltung erst jetzt etwas von der „Broken Window“ Theorie erfahren haben?

Weil die Zeit noch nicht reichte, die Meldeapp auf dem Smartphone zu installieren?

Weil der Besitzer des sich in Einzelteile auflösenden Rades vielleicht morgen schon auftauchen könnte?

Vor meiner Haustür steht seit Jahren ein solches Rad.

Täglich gehen viele Bürger dort daran vorbei. Haben sie auf den „Ich kümmere mich um meine Stadt“ Buzzer gehauen? Nein.

Täglich gehen viele Stadtverordnete dort daran vorbei. Haben sie auf den „Ich kümmere mich um meine Stadt“ Buzzer gehauen? Nein.

Täglich gehen viele Verwaltungsangestellte dort vorbei. Haben sie auf den „Ich kümmere mich um meine Stadt“ Buzzer gehauen? Nein.

Täglich gehen die Damen und Herren des „Dezernates“ Parkverstöße dort vorbei. Haben sie auf den „Ich kümmere mich um meine Stadt“ Buzzer gehauen? Nein.

Täglich gehen die Damen und Herren des Kommunalen Ordnungsdienstes KOD dort vorbei. Haben sie auf den „Ich kümmere mich um meine Stadt“ Buzzer gehauen? Nein.

Täglich fährt ein kleiner Straßenreinigungswagen dort vorbei. Hat der Fahrer auf den „Ich kümmere mich um meine Stadt“ Buzzer gehauen? Nein.

Täglich fährt ein großer Straßenreinigungswagen dort vorbei. Hat der Fahrer auf den „Ich kümmere mich um meine Stadt“ Buzzer gehauen? Nein.

Täglich fährt die Polizei dort vorbei. Hat sie auf den „Ich kümmere mich um meine Stadt“ Buzzer gehauen? Nein.

Mehrmals wöchentlich fährt „Gelsenrein“ dort vorbei. Haben sie auf den „Ich kümmere mich um meine Stadt“ Buzzer gehauen? Nein.

Täglich sehen Mitarbeiter von Banken, Sparkassen, kleinen Läden, Restaurants das Rad. Haben sie auf den „Ich kümmere mich um meine Stadt“ Buzzer gehauen? Nein.

Mehrmals waren Lokaljournalisten vor Ort. Haben sie auf den „Ich kümmere mich um meine Stadt“ Buzzer gehauen? Nein.

Schließlich wurde das Rad transformiert in ein Mitmach-Streetart Objekt.

Was passierte nun?

Ich wurde gefragt, wer denn da verunglückt oder gestorben wäre, für wen die Kerze dort brennen würde. Meine Erklärung, dass das ein Epitaph für den verstorbenen Gemeinsinn wäre, erhellte nichts.

 

Einzig ein chinesisches Pärchen schien es zu verstehen und nickte wissend.

Dann tat sich großes!

Ein Behindertenparkplatz wurde dort eingerichtet. Ein Symbol auf die Straße gemalt, ein neuer Schildermast gesetzt, die Schilder vom alten Mast entfernt und…… man mag es nicht fassen: der sinnfreie Mast samt angekettem herrenlosen (nun) Street-Art-Rad – blieb stehen!!!!

Funk Fernsehen, Presse berichtete.

Übrigens ist das Hinweisschild auf den Behindertenparkplatz so angebracht, dass der Autofahrer es in der Regel nicht sehen kann. Weshalb die meisten auch ohne zu murren weiter fahren, wenn ich sie darauf hinweise, dass sie dort nicht parken dürfen. Nur wenige reagieren erst, wenn ich das Handy zücke, um sie zu fotografieren.

Was wollte ich eigentlich sagen?

Ach ja.

Die Stadt ist so vermüllt und vandalisiert, weil die Bürger, auch die gewählten Bürgervertreter, die kommunalen Angestellten, an einer schweren, pathologischen Form der Verantwortungsdiffusion leiden.

Möglicherweise greift auch das Peter Prinzip.

Dagegen helfen auch keine Apps, Flyer oder Graffiti Spülmaschinen.

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Heinz Niski

Heinz Niski

Handwerker, Rentner,

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