Ach, dieser hohe Antigone-Klageton!

Vor einiger Zeit schrieb mir eine sehr kluge und engagierte junge Frau, die ich seit Jahren kenne, es mache sie – im Gegensatz zu früher  – neuerdings sehr traurig, wenn sie meine Artikel im Herrkules lese. Mehr als diese Stimmungslage teilte sie mir nicht mit. Meine Antwort beschränkte sich auf die Hinweise, dann nicht mehr zu lesen oder einmal die Perspektive zu wechseln oder sich, wie ich es gerne mache, an einer Empfehlung von Hannah Arendt zu orientieren, die da lautet: „Denken ohne Geländer!“

(Arendt selbst hat diese Praxis verfolgt, am deutlichsten wohl, als sie 1961 als Berichterstatterin für den NEW YORKER den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem verfolgte. Für ihre, auf Eichmann bezogene, Formulierung von der „Banalität des Bösen“  und ihren kritischen Blick auf die „Judenräte“ in den KZs wurde sie heftig kritisiert. Ebenso für ihre in der Auseinandersetzung um den Begriff der „Kollektivschuld“ der Deutschen formulierte Betonung der  individuellen, persönlichen moralischen Verantwortung des Einzelnen.)

Man könnte die Äußerung der Leserin als Ausdruck einer überspannten Empfindsamkeit abtun. Das würde der geschilderten Stimmung aber nicht gerecht, weil sie nicht Element einer individuellen emotionalen Haltung ist, sondern zu den Grundmustern einer Debattenkultur gehört, die sich vor allem in der Auseinandersetzung über Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik und die Auswirkungen für Deutschland in unserer Zeit auswirkt.

Es ist eine Kultur der Debatte, die auf dem  Kothurn der moralischen Integrität und Überlegenheit einherschreitet, auch wenn sie durchaus mit aggressiver Wortwahl durchsetzt sein kann. Es ist ein Antigone-Ton der Klage, ein Ton , der keine Zwischentöne kennt, getragen von Menschen, die eine höhere Moral auf ihrer Seite wissen und deshalb die von ihrer Position abweichende Anschauungen kategorisch ablehnen, sich dabei aber argumentativ nicht mit diesen Anschauungen auseinandersetzen, sondern über den Sprecher der anderen Position Urteile fällen, also die Debatte personalisieren. So wie eben Antigone, von einer Warte der absoluten Moral aus, nicht nur den Diktator Kreon verurteilt, sondern ihre Schwester Ismene ebenfalls (etwa nach dem Muster: Wer nicht uneingeschränkt für mich ist, ist gegen mich!).

Diese Haltung ist das gegenwärtige Entwurfsmuster bzw. die Lösungsschablone für einen Diskurs, wie er im links-grünen bis ins bürgerliche Milieu mehrheitlich geführt wird. Nichts hätte das deutlicher machen können, als die Reaktion auf die von der „ZEIT“ Anfang Juli angestoßene Debatte über die Seenotrettung auf dem Mittelmeer.

Die „ZEIT“ hatte etwas klassisch Journalistisches getan, nämlich zu einem kontrovers debattierten Thema zwei Positionen aus der Redaktion gegenüberzustellen.

Unter dem Titel „Oder soll man es lassen? Private Helfer retten Flüchtlinge und Migranten im Mittelmeer. Ist das legitim? Ein Pro und Contra“ stellte die „ZEIT“ in einer Ausgabe zwei Positionen unmittelbar nebeneinander, die von den Redakteurinnen Mariam Lau und Catarina Lobenstein verfasst worden waren. Mariam Lau ging dabei der Frage nach, ob die privaten Retter nicht (unfreiwillig) zum Teil eines Geschäftsmodells von Schleppern würden und ob Seenotrettung, die sie nicht in Zweifel zog, unbedingt bedeuten müsse, dass alle Geretteten nach Europa gebracht würden, sondern Rettung nicht auch heißen können, sie an die Küste zu bringen, von der aus sie losgefahren waren.

Schon alleine der Umstand, dass dieser Beitrag überhaupt erschienen war und diese Fragen gestellt wurden, führte zu einer Welle der Entrüstung, die über der „ZEIT“, besonders aber über der Redakteurin Lau hereinbrach.

Die Bannerträger der richtigen Moral meldeten sich zu Wort und schütteten ihre Empörung aus. Einige Beispiele:

  • «Das ist das Ende der Übereinkunft darüber, was wir bislang für Zivilität hielten.» (Carolin Emcke, Publizistin)
  • «Absoluter Wahnsinn.» (Igor Levit, Pianist)
  • «OMG.» (Katrin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag)
  • «Ich bin erschüttert, wie leicht unsere Zivilisation bricht.» (Jakob Augstein, «Spiegel»-Gesellschafter)
  • «Ihr habt doch den Arsch offen.» (Hannah Beitzer, «Süddeutsche Zeitung»)
  • «Was für ein kalter, verdorbener Wahnsinn.» (Margarete Stokowski, «Spiegel»-Kolumnistin)

(Quelle: NZZ, online)

Und auch viele Kommentare in der „ZEIT“ sahen nun Verderbnis in der Debattenkultur aufziehen! Und wenn man einmal diese Richtung eingeschlagen hat, dann ist man natürlich auch mit der moralischen Maximal-Etikettierung bald bei der Hand. So etwa ein Kommentator (eine Kommentatorin?), der/die unter dem  – natürlich auch noch wortspielerischen-  Avatar „LechtsundRinks“ zu sagen wusste:

„Bravo, Zeit! Endlich sind die Artikel genauso menschenverachtend wie die Kommentare. Das war mein letzter Besuch und meine letzte Interaktion mit Ihnen. Die Zeit gilt fortan als braunes Blatt.“ (Quelle „Zeit“ online)

Argumentativ wird man diesen (im Originalwortlaut und ungekürzt wiedergegebenen) Beitrag wohl schwerlich nennen können; was an argumentativer Substanz fehlt, wird durch eine moralische (Be-) Wertung (menschenverachtend) und pejoratives politisches Labeling (braun) ersetzt, wobei die Schlussfeststellung sprachlich durch eine künstliche Archaisierung (fortan) und ihre sentenzartig-imperativische Konstruktion schon wieder lächerlich wirkt.

Wichtig ist aber in diesem Zusammenhang auch das Aufkündigen des Diskurses, der noch nicht wirklich begonnen hat. Was sprachlich angriffslustig wirkt, ist nichts anderes als die scheinargumentative sprachliche Verkleisterung des eigenen Rückzugs. Man verabschiedet sich mit einem Knall (menschenverachtend) und dem Nazistempel (braun) und hat nicht nur der „ZEIT“, sondern der ganzen Welt, vor allem aber sich selbst gezeigt, dass man von hoher Moral durchtränkt ist.

Auch der Herrkules kennt dieses Muster (durchaus bedauernd, wenn ein Leser verlorengeht):

„Als bekennender Gutmensch mag ich mich auf meine alten Tage nicht mehr herumschlagen mit dem „Das wird man ja wohl mal sagen dürfen, dass der Bulgare, Deutsche, Zigeuner, Türke, Araber, Russe, Ami usw….“ und werde diese Seiten nicht mehr lesen.“

Bei der Verweigerung eines Diskurses, ob durch Labeling (braun, Nazi, Rechtspopulist) oder Rückzug, das ist das eigentliche Problem, geht es im einzelnen Fall auf den ersten Blick zunächst nur um die Befindlichkeit des Verweigerers. Gesellschaftlich, das haben die letzten Jahre gezeigt, erodiert aber nicht nur die Diskussionskultur insgesamt, sondern führt diese „Diskursstrategie“ zum Anwachsen genau der Gedankensysteme, die man meint von hoher moralischen Warte herab abkanzeln zu können.

Der Leitspruch des SPIEGEL-Gründers  Rudolf Augstein lautete übrigens:

Sagen, was ist!

 

 

 

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

2 Gedanken zu „Ach, dieser hohe Antigone-Klageton!

  • 23. August 2018 um 21:35
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    O.M.G.
    oder
    netter Versuch ins Gespräch zu kommen.
    Wie ich an anderer Stelle schon sagte: DER ZUG IST ABGEFAHREN IN GELSENKIRCHEN!
    Oder um es mit der Dame Schunke zu sagen: da hilft nur eine Reise nach Sylt oder auch nur aus dem Ruhrgebiet, um auf andere Gedanken zu kommen.
    Was die Gelsenkirchener aber nicht machen.
    https://www.achgut.com/artikel/besuch_in_einem_vergehenden_deutschland

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  • Heinz Niski
    24. August 2018 um 8:14
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    Ich habe einige Tage im Süden der Republik verbracht und unter anderem versucht, mit einem Verwandten, (oberste Mittelschicht, sehr wohlhabend, hoch engagiert in der Flüchtlingshilfe) über die Gelsenkirchener Situation zu sprechen.
    Keine Chance.
    Es fehlt einfach das Vorstellungsvermögen, wie der Alltag außerhalb eines Reihenhauses, außerhalb einer monokulturellen kleinstädtischen Gesellschaft aussieht.
    Die Dialogverweigerung findet durch die Gesprächstechnik statt, dem Gegenüber mangelndes Engagement zu attestieren. Integration klappt, wenn alle sich nur tüchtig bemühen würden. Ordentliches, lebenswertes Umfeld geht, wenn alle sich nur.. etc.
    Seltsamerweise betreibt mein durchaus sehr sympathischer Verwandter bei seiner Flüchtlingsarbeit Rosinenpickerei. Kontakt zu einer tschetschenische Familie, die Hilfe am nötigsten hätte, verweigert er. Das wäre zu riskant, die wären als gefährliche Gewalttäter gefürchtet im Städtchen.
    Ja dann….
    Ein sehr lesenswerter Beitrag über die Verwandlung eines Viertels findet sich hier, nebenbei werden dort auch einige Mechanismen der Denk- Gesprächs- und Wahrnehmungsverweigerung beschrieben
    https://www.achgut.com/artikel/mein_leben_im_weddinger_brunnenviertel

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