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UNDANK IST DER WELT LOHN*

Wissen Sie noch, was am 11.9.2024 war? In der Gelsenpost (AKA: waz) erschien an diesem Tag im Lokalteil ein Beitrag von Sinan Sat und Gordon Wüllner-Adomako, der uns darüber informierte, dass der Gelsenkirchener Marius Rupieper (31) seine Kandidatur zum Amt des Oberbürgermeisters erklären wolle. Freimütig gestand er im Interview zu, dass er zwar keine Partei im Rücken habe oder irgendeine andere Organisation. Auch verfüge er nicht über materielle Mittel, Werbeprospekte oder großflächige Plakate, mit denen er die schöne Stadt zupflastern wolle, wie es die Parteien zu tun pflegen. Aber seine Motivation sei groß. Und zudem sei er von verschiedenen Seiten aufgefordert worden, sein Gesicht in den Wind des kommunalpolitischen Getümmels zu halten. Auch dass er keine Beziehungen zur Landesebene habe und keine engen Verknüpfungen mit der hiesigen Verwaltung und den Meinungsführern im Rat, sei für ihn kein Hindernis. Er habe ausreichende Erfahrungen mit „Taylor-Town“ und anderen Events, an denen er aktiv beteiligt gewesen sei. Und ihm ginge es vor allem um die Erweckung eines Engagements für die Stadt. Die Bürgerinnen und Bürger müssten wieder selbst aktiv gestalten!

Soweit – so gut!

Heute  meldet die waz, dass Rupieper von seiner Vorstellung, diese Stadt als OB zu lenken, doch Abstand nehmen wolle. Er sei überlastet, vor allem mit dem Aufbau seiner neuen Anlaufstelle an der Bochumer Straße, im Kulturquartier, wo er eine Mischung aus Beratungsstelle (Projektberatung) und Bar/Kneipe aufbauen will. Da muss die im Interview im September angekündigte Auseinandersetzung mit der AfD etwa warten, die er damals als politischen Anschub für seine Kandidatur so betont hatte. Und auch seine damalige Vorstellung, die Stadtgesellschaft nach dem Vorbild der „Taylor-Town“ gleichsam wie ein Märchenprinz wachzuküssen, ist nicht mehr so ganz frisch. Im September hieß es in der waz noch:

 „Geworben hatte Rupieper im September-Interview dafür, das Lebensgefühl aus seinen ehrenamtlich gestemmten Veranstaltungen („Taylor Town“, „Ückmarkt“ uvm.) in die Politik zu tragen. Seine Vorstellung: einen neuen Lokalpatriotismus entstehen zu lassen, indem die Stadtgesellschaft zusammenkommt und gemeinsam an Ideen arbeitet. Man müsse der Resignation und Negativität in Gelsenkirchen entgegentreten, indem man die Leute aktiviert und neue Begeisterung für die Stadt schafft, skizzierte Rupieper seine Vorstellung.“

Jenseits der Phrasen, die Rupieper als Medienmann (Bachelor an der Westfälischen Hochschule) ganz ordentlich beherrscht, musste ihm doch klar sein, dass diese Stadtgesellschaft aus weit über 100 Nationen mit unterschiedlichen, teilweise auch gegensätzlichen Interessen besteht, dass wesentliche Parameter (Einkaufskraft, Arbeitslosigkeit, Bildungsnotstand etc.) ein Engagement erfordern, das man nicht so einfach nebenbei aufbringen kann. Ihm müsste klar gewesen sein, dass er ohne einen Hintergrund – Sachausstattung, Personal, einen festen Kreis von Unterstützern, die für ihn werben – im Rattenrennen des Kommunalwahlkampfes kaum eine Chance gehabt hätte, auch weil die großen Parteien (SPD, CDU, AfD) den Wettbewerb unter sich ausmachen.***

Aber es ist schon eigentümlich, dass zwischen der großartigen Ankündigung der Kandidatur im September und dem eher kleinlauten Abschied von der Kandidatur jetzt nur wenige Wochen liegen.

Das ist doch, so scheint es mir, ein wenig flatterhaft!

***************

*siehe 2. Korinther 12, 11-18)

*** Das sage ich nicht von oben herab, sondern aus der persönlichen Erfahrung meiner Kandidatur zum Amt des Oberbürgermeisters bei der Wahl 2004 (mein Ergebnis: 3,5 %).

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1 comment

Heinz NiskiHeinz Niski says:

Nun komme ich ins Grübeln. Ich dachte immer, dass diese Kandidatur ein künstlerisches Happening wäre, so wie Schlingensiefs Aufruf innerhalb seiner „Tötet Helmut Kohl“ Aktion, zu tausenden in den Wörthersee zu springen. So Fluxus Zeugs, eine Reminiszenz an Abbie Hoffmann oder Jerry Rubin.

https://de.wikipedia.org/wiki/Abbie_Hoffman
https://de.wikipedia.org/wiki/Jerry_Rubin

In den sozialen Medien wurde diese Kandidatur jedenfalls gelobt und alle Bedenkenträger als „ewig-gestrige“ – „weiße alte Dingens“ und Verhinderer der Prosperität geoutet.

Dann also doch nicht mehr Party, Nightlife, Fun…?
Wir werden es überleben.

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