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1917 formulierte Sigmund Freud die These von den drei Kränkungen der Menschheit. Nach Ansicht Freuds war die erste Kränkung die „kosomologische“ Kränkung, also die Entwicklung des heliozentristischen (kopernikanischen) Weltbildes und die dadurch entstandene Erschütterung des Glaubens. Verbunden ist diese Kränkung mit Nikolaus Kopernikus und seiner Erkenntnis, dass die Sonne und nicht die Erde der Mittelpunkt des Weltalls ist und somit der Mensch auch nicht Mittelpunkt der Schöpfung. Die zweite Kränkung, die biologische, ist mit den Entdeckungen von Charles Darwin verbunden, mit der Evolutionstheorie. Demnach ist der Mensch nicht die Krönung der Schöpfung, sondern lediglich Teil eines Entwicklungsprozesses aus dem Tierreich. Die psychologische Kränkung schrieb Freud sich selbst zu, nämlich seiner Theorie des Unbewussten, die damit verbunden war, dass nach Freuds Auffassung ein großer Teil unseres Seelenlebens sich dem bewussten Willen entzieht und unser Handeln deshalb nicht durchgängig von der Vernunft, sondern von anderen Kräften (Libido, Obsessionen, unbewusste Handlungen etc.) bestimmt wird.

Diesen drei „Urkränkungen“, die Freud benennt, sind im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung von verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft weitere hinzugefügt worden, etwa die technologische oder auch die digitale Kränkung. Mit Blick auf die gegenwärtige gesellschaftliche und politische Situation würde ich von einer Kränkung des Selbst- und Weltbildes sprechen, von der viele Zeitgenossen betroffen sind. Diese Kränkung speist sich aus dem Widerspruch zwischen dem Bild von der Welt und der Welt selbst. Man könnte auch sagen: aus dem Widerspruch zwischen der eingebildeten (ideologisierten und idealisierten) Welt und der REALITÄT.

Festmachen kann man das an den geplanten Aktionen gegen den AfD-Parteitag in Essen, die in vielfältiger Art und Weise Protest ausdrücken sollen und die die Gesellschaft in GUTE und BÖSE teilen. Wer gegen den Parteitag auf die Straße geht, sieht sich selbst nicht nur als Teil der Guten, sondern auch Teil des GUTEN, also derjenigen, die das GUTE  in körperliche Manifestation transferieren. Weil das so ist, fallen politische, taktische oder rechtliche Argumente auch in einen schalltoten Raum, sind nicht diskursmächtig. Aus einem einfachen Grund: Wir bewegen uns jenseits argumentativer Pro-und Contra-Logik.

Also: man könnte argumentieren, die AfD sei eine vom Wähler legitimierte Partei und ihr sei sogar rechtlich zugesprochen worden, den Parteitag in der Stadt Essen abzuhalten (rechtliches Argument). Man könnte auch sagen, die Demonstrationen bestärkten lediglich die Opfer- und Märtyrer-Rolle der AfD (politisches Argument). Taktisch argumentiert man mit dem Hinweis, die Proteste und Demonstrationen verschaffen der AfD überhaupt erst die Aufmerksamkeit, die sie benötigt, um sich als Opposition zu inszenieren. Alles richtig – und alles wirkungslos! Weil die Argumente den Bezirk der Kränkung nicht berühren, da sie nur   „äußerlicher Natur“ sind,  wobei es aber doch um die innere Verfasstheit des Selbst geht!

Wenn man diese Kränkung erfassen will, muss man in die Monate des Jahreswechsels  2015/16 zurückgehen, in jene Monate des merkelschen „Wir schaffen das!“, in denen die Deutschen sich vermeintlich den anhaftenden Schmutz der Jahre der Diktatur, des Krieges und des Holocaust durch die „Willkommenskultur“ abzuwaschen hofften. Was man in der Vergangenheit versäumt hatte, nämlich sich schützend vor die Opfer zu stellen und so zum Tätervolk wurde, sollte nun in der Gegenwart doppelt und dreifach gleichermaßen gesühnt wie geheilt werden – vor den Augen der Welt. Ein Volk auf dem Weg, sich zu reinigen! Ein Massen-Kongress der Weißwäscher! Eine Selbst-Entnazifizierung! Eine Teddybären-Liebe! Die Tore wurden weit geöffnet! Jeder Seelenverkäufer, der über das Mittelmeer schwankend und schlingernd, Europa erreichte, wurde mit Hosianna-Rufen empfangen!

Zumindest zu Beginn!

Der Emphase der Begrüßung entsprach die Hartnäckigkeit, mit der die wachsenden Probleme geleugnet wurden – nicht unbedingt in Italien, wo die Schiffe ihre Menschenfracht entluden, aber in den deutschen Wohnvierteln der Gutherzigen! Wer die Probleme ansprach, wurde als „Nazi“ verdammt! Aber was schlimmer war: die wachsenden Probleme führten dazu, dass immer mehr Menschen den Parolen der Weißwäscher nicht folgten. Segelten die einen noch unter der Flagge der Willkommenskultur, wuchs gleichzeitig eine Kraft heran, die sich, anders als etliche Gruppen, Vereinigungen und Grüppchen aus dem dunklen Unterholz, als Partei etablierte, stabilisierte und Stimmen gewann.

Die Zeit der Kränkung hatte begonnen! Und die Partei der Kränkung fraß sich immer weiter in die Gesellschaft, von den östlichen Bundesländern bis in die alten Herzkammern der Sozialdemokratie und der GRÜNEN und Linken.

Das Bild der GUTEN von sich selbst und von der Welt, die sie zu schaffen glaubten, wurde immer mehr zum Trugbild – und zum Bild des Selbstbetrugs! Wir schaffen das? Schafft uns das? Schafft sich dieses Land ab, wie Sarrazin schon 2010 behauptet hatte?

Die Kränkung konnte nicht größer sein als bei den Europawahlen: Demonstrationen gegen RECHTS im Vorfeld, Schmutzberichte, groß aufgezogene Beiträge über die Korruptheit der Partei, die Abhängigkeit von Russland oder China oder Russland und China, Pamphlete, Talk-Show-Dauerfeuer, tatsächliche und inszenierte Skandale und der Glaube, man repräsentiere die Mehrheit: Und dann dieses Ergebnis! Ein Absturz sondergleichen!

Und gleichzeitig stehen die etablierten politischen Kräfte nun von zwei Seiten unter Druck: von den eigenen Kohorten, die verbissen an ihrem alten bunten Bild festhalten, so als sei das Land noch so „unschuldig“ wie 2015, auf der anderen Seite von den Kräften, die mit dem Ticket „Migration“ Wählerstimmen generieren.

Aber der größte Druck geht von der Wirklichkeit aus, an dem das bunt-lackierte Bildchen von sich selbst und der kunterbunten Gesellschaft zersplittert!

Und nun auch noch der Parteitag! Anlass genug, das eigene Bild zu retten, für ein paar Stunden die Kränkung zu verdrängen und zu glauben, man repräsentiere die „Mitte der Gesellschaft“ und ihre aufrechte Mehrheit, das bessere Deutschland, die gelungene Integration.

Man kann sich selbst in die Tasche lügen – aber die Wirklichkeit kann man nicht austricksen! Auch wenn „heute journal“ und „tagesthemen“ noch so viele schöne Bilder von den Anti-AfD-Protesten senden werden !

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Von Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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Mi.Rob.

„Menschenfracht“comment image
Wenn das der Breyer wüsste…
Aber schöner Text mal wieder. Dankeschön.

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Thor.Pfei.

Die sogenannte und sich regelmäßig selbst erhöhende „Mitte der Gesellschaft“ begreift offensichtlich immer noch nicht, dass sie mittlerweile selbst zu einem nicht unerheblichen Hinkelstein der Gesellschaft geworden ist.
Der überwiegende Teil der Bürger/Steuerzahler interessiert sich nicht für dieses (mittlerweile) stumpfsinnige Gerede von der „Gefahr von Rechts“. Diese Menschen sind äußerst interessiert und zugänglich an/für Antworten auf ihre unmittelbaren Sorgen und Nöte… Sicherheit, Ordnung, Bildung, Steuern, Arbeitsmarkt und nicht zuletzt sei hier die unsägliche Energiewende genannt.
Nicht die AfD ist m. E. hier das Hauptproblem, sie ist lediglich eine logische Folge aus dem Murks der sich in den letzten ca. 20 Jahren Politik nennt.
Vielmehr sehe ich hier die politisch linke „Wohlstandsindustrie“ in der Verantwortung für den Schwund des Bürgervertrauens in die Politik, die Sicherheitsbehörden und somit letztendlich in den Staat.
Es ist beschämend!

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Heinz Niski

Das Koordinatensystem Rechts-Links stimmt schon lange nicht mehr. Das sogenannte linke Lager (SPD, Grüne) beteiligt sich mit voller Überzeugung an der amerikanischen „Nation Building/Nation Destroying“ Politik, schickt Fregatten nach China, will Russland zerstören und gerne Teilnehmer beim Untergang des amerikanischen Imperiums sein. Die Handelnden sind austauschbar, ob Kiesewetter (CDU) Roth (SPD) Baerbock (Grüne) – alle setzen auf Krieg, statt Diplomatie.
Statt soziale, gesellschaftliche, kulturelle Errungenschaften zu schützen, setzt man auf „No Border.“ Statt endlich eine konsequente Säkularisierung umzusetzen, fördert man antiaufklärerische Religionen, das ist klassische rechte Restaurationspolitik.
Das „Linke“ Lager, früher bekannt für ethische-moralische Werte wie „immer auf der Seite der Schwachen, der Benachteiligten,“ fördert die Verteilungskämpfe am unteren Rand der Gesellschaft und überzieht die Betroffenen mit Schmähungen (alles Nazis, Rassisten etc.).
Das „Linke“ Lager schweigt beharrlich zu dem Skandal, dass viele, meist migrantische, Intellektuelle seit Jahren, teilweise Jahrzehnten unter Polizeischutz leben müssen, weil sie aufklärerisch unterwegs sind. Das „Linke“ Lager ist antiaufklärerisch, ist Rechts unterwegs und hat seine Wertmaßstäbe verloren.

Die Bürger merken, dass etwas nicht stimmt. Sie merken auch, dass es zu Verteilungskämpfen kommen wird und dass die strategischen Fehlentscheidungen mit den Menschen, die dafür verantwortlich sind, nicht rückgängig gemacht werden können.
Sie wissen auch, dass die AfD eben nicht die Alternative ist, aber sie schreckt auf.

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Den.Zitze.

Genau so sehe ich das auch. Und es ist in weiten Teilen keine „Tendenz“ mehr sondern eine vollendete Community, die das genauso begreift und Politik gestaltet.

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