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Unter den vielen politischen Koryphäen, die die Jahre der „Großen Koalition“ aus den Niederungen sozialdemokratischer Ortsvereine und Landesverbände an die Oberfläche gespült haben, ist Saskia Esken diejenige, die parteiintern am weitesten gekommen ist, denn sie ist immer noch Parteivorsitzende, seit 2019 schon. Ihr größtes Verdienst ist es, dass die SPD seitdem bzw. seit der Bundestagswahl von 2021 bundesweit immer stärker in der Bedeutungslosigkeit versunken ist, was sie aber nicht darin hindert, marktschreierisch Thesen von sich zu geben, die deutlich machen, dass Verstocktheit ihre glänzendste Eigenschaft ist.

In einem Interview mit der WAZ stellt sie einmal mehr unter Beweis, dass ihre politische Analysefähigkeit den Horizont chinesischer Glückskeksweisheiten inhaltlich und sprachlich mühelos übertrifft. Zum Ausgang der Europawahl mit einem desaströsen Ergebnis für die SPD weiß sie zu sagen: „Wir werden eine tiefe Analyse vornehmen, die Wählerwanderungen und unsere Aufstellung im Wahlkampf einschließt, und daraus die richtigen Schlüsse ziehen.“ Eine tiefe Analyse ist immer gut, z.B. wenn man nach Erdöl oder Erdgasfeldern sucht, die zumeist in der Tiefe zu finden sind. Mit der Politik der SPD hat die Analyse nichts zu tun. Ihre Tiefe ist die Oberfläche (Wählerwanderung, Aufstellung im Wahlkampf). Man ahnt schon, dass das Ergebnis der tiefen Analyse lautet: Wir haben unsere richtige Politik im Wahlkampf nicht gut vermittelt, und wir müssen die abgewanderten Wähler durch eine bessere Kommunikation zurückholen! Diese Vermutung wird an anderer Stelle bestätigt, wenn es um die AfD geht. Da sagt Esken vor dem Hintergrund der kommenden Landtagswahlen, die SPD müsse „deutlich machen, dass die Schein-Lösungen der AfD unser Land nicht nach vorne bringen“ und dass die Konzepte der AfD „unser Land ruinieren.“ Wieder geht es um die Oberflächenstruktur, als interessiere sich der Wähler in erster Linie für „Konzepte“, wo er sich doch ganz offensichtlich in erster Linie auf unterschiedlichen Feldern für das tägliche Leben, also die Probleme im Alltag (Inflation, Energiekosten, Zukunft des Arbeitsplatzes, Migration, Gewalt, Gefühl der Bevormundung) interessiert. Statt also auf diese Probleme zu schauen und sie ernst zu nehmen, fabuliert Esken etwas von Konzepten.

Überhaupt ist Esken, wie nahezu die komplette Berliner Polit-Blase , schon fast zwanghaft auf die AfD fixiert, ohne aber seit Jahren über das übliche Nazi-Geschrei hinauszukommen, dessen Wirkungslosigkeit doch auch ein politisch vernagelter Mensch wie Saskia Esken allmählich merken müsste. Dabei versteigt sie sich zu Thesen von größter Abstrusität. „Diese Partei (=AfD) vertritt nicht die Interessen des sogenannten kleinen Mannes, sondern sie ist eine Partei der reichen Eliten“.

Das scheint so eine vorweggenommene Analyse der Wählerwanderungen zu sein – der Zulauf an Stimmen für die AfD speist sich also aus den „reichen Eliten“- was sich natürlich durch das Europawahlergebnis glänzend belegen lässt. Ich hatte nämlich schon immer die Vermutung, dass der Stadtteil Scholven, wo die AfD 29,74 Prozent geholt hat, eine heimliche deutsche Hauptstadt der Reichen ist und dass in Scholven die „Eliten“ ein Leben führen wie in einer „Gated Community“. Ob die AfD tatsächlich die Interessen der „kleinen Leute“ vertritt, mag man mit guten Gründen bezweifeln. Dass die SPD ihre alte Stammwählerschaft, also die Arbeiter, die Angestellten die hart arbeitenden Menschen in Handel und Handwerk, kurz: die „kleinen Leute“, längst verloren hat, weil viele dieser Menschen kein Vertrauen mehr in die SPD haben und deshalb zur AfD „übergelaufen“ sind, kann man wohl zweifelsfrei feststellen.

Dass auch Saskia Esken bei ihrer tiefen Analysefähigkeit nicht ohne das mittlerweile ausgelutschte AfD=Nazi-Gekreische auskommt, wäre nicht erwähnenswert, wenn Esken nicht auch hier einen flachen Begründungskontext aufbauen würde und offensichtlich persönlich stolz darauf ist, dass sie schon etliche Anzeigen „am Hals“ hat, wie sie sagt, weil sie die „AfD als Nazi-Partei bezeichnet“ hat. Vielleicht gibt es so eine Art SPD-internen Wettbewerb auf diesem Feld der Anzeigen wegen Nazi-Vorwürfen?

Sie müsste eigentlich gemerkt haben, dass diese Argumentation ins Leere läuft. Und wieder kommt sie mit Konzepten um die Ecke, jetzt gegen die AfD gewendet, wenn sie sagt: „Man muss sehr deutlich machen, wohin solche Konzepte führen.“

Mal völlig davon abgesehen, dass diese Gleichsetzung historisch falsch und politisch zudem gefährlich ist (Verharmlosung des Nationalsozialismus), haben doch die letzten Monate mit den Demonstrationen und dem propagandistischen Trommelfeuer gegen die „Nazi-Partei“ den Wahlerfolg der AfD nicht geschmälert.

Da kann Esken über die Gefährdung durch die AfD lamentieren, wie sie will: Die Menschen fühlen sich nicht durch „Konzepte“ bedroht, sondern durch die Situation vor ihrer Haustür, in ihrem Stadtviertel und ihrem Supermarkt, an ihrem Arbeitsplatz, im Stadtpark beim Bummeln – kurz: in ihrem Alltag und ihrer Lebenswirklichkeit.

Davon, und das ist die mentale Sperre im Kopf von Saskia Esken, hat sich die gute alte Tante SPD mittlerweile weit entfernt. Das zu erkennen, benötigt eigentlich keine „tiefe Analyse“, sondern nur einen unverstellten Blick auf die Wirklichkeit!

Quelle: WAZ (Papierausgabe), 13.6.24, Seite WPL1 „AfD ist die Partei der reichen Eliten“

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Von Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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Den.Zitze.

Das stimmt so. Jedes Wort ein Volltreffer. Lars Klingbeils Reaktion in der Elefantenrunde, als er Weidel und alle in der AfD als Nazi titulierte zeugt übrigens von gleich zwei Defiziten. Einmal hat auch Klingbeil das Problem seiner und meiner Partei nicht verstanden und es mangelt ihm wie Esken an ganz profaner Professionalität. Wenn ich meinen Gegner nach der Niederlage beschimpfe, statt ihm zu gratulieren, ist das im Sport grob unsportlich. Im Privaten zeugt es von einem schlechten Charakter. Hier bei Klingbeil ist es vielleicht eine Mischung daraus gepaart mit dem Frust über das Wissen: Nur, weil die SPD so unzulänglich ist, sie die so stark.

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Dir.Niew.

Ich habe diesen „Wahlkampf“ als völlig inhaltsleere und konzeptlose Angelegenheit wahrgenommen. Lediglich gegen irgendwas (Rechts!!) zu sein, war und ist zu wenig. Diese ewige tiefe oder genaue Analyse, von der fabuliert wird, einfach lächerlich. Bei allen Parteien.
Danke für die Aufbereitungcomment image

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Fra.Prez.

Guter Text mit Inhalt. Gegenteil dessen, was Grosstante Esken so beim Kaffeeklatsch mit den Medien absondert

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Heinz Niski

Tja, viele Worte, die da hin- und hergeschoben wurden. Die Grünen bringen ihr Wahldebakel besser auf den Punkt. Sie sagen: „Ätschi-Bätschi… wir haben zwar Wählerstimmen verloren, waren eh alles Nazis, dafür aber Mitglieder gewonnen. Jetzt ihr!“

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vielemitglieder
Mi.Lied.

Ich bin schon gespannt auf die (umfangreiche?) Analyse der Stellungnahme der örtlichen AfD: „Nicht mit so einem Erfolg gerechnet“ hatte die Sprecherin des AfD-Kreisverbandes und Landtagsabgeordnete Enxhi Seli-Zacharias. „Die Resonanz während des Wahlkampfes war überwältigend und auch der anhaltend hohe Zulauf von Neumitgliedern zeigt, dass die Gelsenkirchener sich eine ideologiefreie Politik für unsere Stadt wünschen“
Ideologiefrei?

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Ali-Emilia Podstawa

Als Nicht-AfD-Wählende*r (Terry find ich gut, weil Polsum so schön ist, aber Europa will ich lieber nicht den Leyen überlassen) kann ich ja ohne Verdacht zu erwecken hier ganz klar und deutlich bekennen:
Ich wünsche mir eine ideologiefreie Politik für unsere Stadt.
Ich wünsche mir reinen Pragmatismus ohne Rücksicht auf das Gewohnheitsrecht, bei Abschaffung praxisfremder Verordnungen und vorher kommunizierter, bewusster Nichtbeachtung von aus dem EU-Recht abgeleiteten Gesetze, die Gelsenkirchen ausbluten lassen.

Ansonsten wird Blau zur beherrschenden politischen Farbe der Stadt. Wer wird das auch verhindern können? Die derzeitigen Akteure können es offsichtlich nicht.

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Heinz Niski

Ein böses Gerücht waberte um mich herum. Die Stadt ist obskur-klandestin-illegal im Widerstand gegen Brüssel unterwegs und hat subversiv die Verordnung unterlaufen, dass Aufträge ab einem bestimmten Betrag EU-weit ausgeschrieben werden müssen. Soll so passiert sein bei der Schlüsselanfertigung für die internationalen Journalisten, die 24/7 Zugang zum Pressezentrum im HSH brauchen. Könnte nur ein Gerücht sein, könnte aber auch sein, dass man nur verschnarcht hat, sich termingerecht darum zu kümmern. So eine Europameisterschaft kommt in der Regel ja über Nacht. Genaueres könnte sicher eine Anfrage an die Verwaltung ergeben, aber wer will da schon nachfragen.
Also.. sicher nur ein Gerücht.

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Ali-Emilia Podstawa

5 Tage WAZ quergelesen. Aussagen der SPD und Jusos im Ruhrgebiet zur Europawahl, was falsch war und jetzt anders gemacht werden müsse, um wieder unangefochtene Nr. 1 zu werden.

besser erkläreneinfachere Sprache verwendensich mehr kümmernvor allem um die internationalen Wähler (stand da wirklich in einem Artikel)mehr Geld fordernnoch mehr Geld fordernnoch viel mehr Geld fordernnoch viel viel mehr Geld fordernIch wünsche den verbliebenen Sozialdemokraten noch ein paar schöne Jahre im gemachten kommunalen Gelsenkirchener Bett. Ideen für die Zukunft sind jedenfalls nicht zu entdecken. Dann ist auch besser, dass sehr bald Ende ist.

P. S. Aus aktuellem Anlass: Man könnte aus Haus Leithe sehr kostengünstig ‚Das Museum der Gelsenkirchener Sozialdemokratie‘ machen. Einfach die Bauzäune wegnehmen und fertig.

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Last edited 29 Tage zuvor by Ali-Emilia Podstawa