Christa Wolfs Figur „Kassandra“ – eine ins Abseits Gestellte von heute

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Vor nun fast vier Jahrzehnten, im Jahr 1983, erschien Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ und wurde ein großer Erfolg, sowohl hinsichtlich der Rezensionen als auch beim Lesepublikum. Davon zeugen die Auflagen, die Lesungen, die Theaterinszenierungen in der damaligen Zeit, für die die Erzählung wie geschaffen war. Bezüge gab es zur Friedensbewegung (Kampf gegen den Nato-Doppelbeschluss), zur Frauenbewegung (Kampf um Frauenrechte, § 218) und zur wachsenden „ Öko-Bewegung“ (Anti-Atomkraft, alternative Lebensweisen etc.). Christa Wolf ist über die Lektüre der griechischen Mythen und ihrer literarischen Verarbeitungen (Aischilos, Die Orestie/Homer, Ilias) auf den Kassandra-Stoff gestoßen. Die Figur Christa Wolfs, die anders als Homer in seinem Troja-Epos („Ilias“, vermutlich im 7. oder 8. vorchristlichen Jahrhundert entstanden) nicht einen Mann, nämlich Achilles, ins Zentrum stellt, sondern eine Frau, schien eine Projektionsfläche und Identifikationsfigur zugleich zu sein. Und dies, obwohl  die Erzählung von ihrer Struktur, den erzählerischen Mitteln und der Sprache her „sperrig“ ist (was nicht negativ gemeint ist). Auch die vielen behandelten Themen, der Rückgriff auf einen antiken Mythos, der zugleich aufgegriffen und verändert wird, und die Frage nach der Rolle der Intellektuellen in der damaligen DDR machen den Zugang nicht leicht,  eröffnen aber zugleich zahlreiche Deutungsangebote.
Meiner Meinung nach ist der Text angesichts der kriegerischen Aggression Russlands gegen die Ukraine und der politische Reaktion darauf (NATO, EU, Deutschland) aktueller denn je. Viel von dem, was in der Erzählung angesprochen wird, scheint bereits damals Muster von heute vorwegzunehmen. Ein kleines Beispiel. Wir erinnern, dass in Russland der Begriff „Krieg“ nicht verwendet werden durfte bzw. darf („Spezialoperation“) und seine Verwendung unter Strafe gestellt ist. Kassandra sagt über Troja: „Sprach in Troja irgendein Mensch von Krieg. Nein. Er wäre bestraft worden.
Ich beschränke mich in diesem Text auf zwei wesentliche Aspekte: die Frage von Krieg und Frieden und die Frage der Haltung dazu.***
Christa Wolf stellt ihre Figur in den Troja-Mythos, der uns erzählt, der Krieg um Troja sei geführt worden, weil der trojanische Prinz Paris Helena, die Frau des Spartaner-Königs Menelaos, entführt habe. Diesen Mythos entlarvt Christa Wolfs Kassandra als Lügen-Propaganda. Helena ist nicht geraubt worden, ja, sie ist noch nicht einmal in Troja, ihr vorgeblicher Raub (tatsächlich ist sie Paris freiwillig gefolgt und mit ihm geflohen) ist nur ein Kriegsvorwand. In Wirklichkeit geht es den Griechen nicht um die Ehre und die Rückholung Helenas, sondern um die Zerstörung Trojas, das den griechischen Handelsschiffen für ihre Durchfahrt durch die Dardanellen Gebühren abnimmt (eine Art Maut). Was als Wiederherstellung der Ehre daherkommt, ist der Schleier, unter dem es um finanzielle Interessen geht und um die Beseitigung einer die eigenen (griechischen)  ökonomischen Interessen beeinträchtigenden Macht. Nun muss aber ein Krieg, propagandistisch gesehen, das erkennt Kassandra, um ein höheres Ziel geführt werden, um ihn dem Volk schmackhaft zu machen. Deshalb die Helena-Lüge!
Wenden wir diese Erkenntnis an, dann kommen wir vielleicht zu folgenden Überlegungen:
Einen Krieg gegen die Ukraine zu beginnen mit dem Anspruch, sich das Land einzuverleiben, ist propagandistisch untauglich. Vor dem Hintergrund der russischen Geschichte (und der Geschichte Europas) eignet sich die Legende vom Kampf gegen Nazis in der Ukraine besser, weswegen man den Krieg auch nicht Krieg nennen muss, sondern „Spezialoperation“ zur Bekämpfung des Faschismus, der in der Ukraine eine Heimat haben soll und Russland bedroht.
Wenn wir die Perspektive oder den Standort wechseln, erkennen wir ein ähnliches Muster auf ukrainischer Seite. Die Ukraine hat das Recht (ohne Wenn und Aber), ihre nationale Souveränität zu verteidigen und sich gegen den Aggressor zu wehren, aber natürlich braucht sie dafür Verbündete – im Westen. Dafür reicht die völkerrechtliche (völlig richtige!) Position der Verteidigung der eigenen Souveränität allein nicht aus. Das Ticket wird aber gelöst, wenn man dem Krieg eine höhere Weihe verpasst: die „Verteidigung der westlichen Werte“. Man kämpft nicht nur für sich, so die Argumentationslinie, entlang der militärische, politische und finanzielle Unterstützung eingefordert wird, sondern um ein viel höheres Ziel: die Kultur, die Freiheit, die Werte des Westes, wobei stillschweigend vorausgesetzt bzw. angenommen wird, dass die „westlichen Werte“ in der Ukraine vor dem Krieg durchgesetzt und gelebt wurden, zugleich aber eine inhaltliche Füllung des Begriffs „westliche Werte“ nicht erfolgt. Nahezu tagtäglich sehen wir Mitglieder der Bundesregierung, Vertreter der NATO, Verantwortliche der EU und natürlich den ukrainischen Präsidenten, die allesamt ihre Politik, ihre militärische Unterstützung mit dem Hinweis auf die Verteidigung der „westlichen Werte“ durch die Ukraine begründen.
So unterschiedlich die Argumentationsmuster auf russischer und ukrainischer Seite auch erscheinen mögen – ihre Struktur ist gleich. Der Krieg muss einem „höheren Ziel“ dienen.
In einem schmerzhaften Prozess muss Kassandra erkennen, dass sich in dieser Hinsicht die Trojaner nicht von den Griechen unterschieden. Sie spielen ebenfalls ein schmutziges Spiel, indem sie die Helena-Lüge nicht zerstören, sondern sie propagandistisch verwerten (Troja kämpft für die „schönste Frau“ ihrer Zeit).
Im Zusammenhang mit der Kriegsfrage ist ein weiterer Aspekt wichtig, den Kassandra anspricht. Sie sagt:
Wann Krieg beginnt, kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg? Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da.Da stünde unter andern Sätzen: Laßt Euch nicht von den Eignen täuschen.“

Der Kriegsbeginn in der Ukraine wird auf den 24.2.22. festgesetzt, insofern weiß man das Datum. Aber die schwierigere Frage Kassandras lautet ja: Wann hat der Vorkrieg begonnen? Was nichts anderes meint als die Frage, wo und wann genau die Wurzeln des Konflikts zu finden sind und welche Rollen unterschiedliche Gruppierungen in der „Vorkriegszeit“ gespielt haben. Man kann auf die Annexion der Krim durch Russland zurückblicken (2014), um ein Element der Vorkriegszeit zu nennen. Man kann aber noch weiter in die Geschichte der Ukraine und Russlands zurückgehen, weit über die Phase der UdSSR zurück, in Jahrhunderte alte Konfliktlinien. Man kann auch zurückgehen in die Gorbatschow-Ära, also in die Phase der Auflösung der Sowjetunion und die Frage stellen, welche Zusicherungen der „Westen“ dem „Osten“ für die Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung gegeben hat. Und man kann fragen, ob das Vorschieben des NATO-Gebietes durch die Aufnahme unmittelbarer Nachbarn Russlands in die NATO nicht nur ein Verstoß gegen Absprachen war, sondern tatsächlich eine Bedrohungslage für Russland dargestellt hat. Aber all diese Details sind bei ihrer Komplexität und Kompliziertheit nicht das Entscheidende, sondern Kassandras Satz „Laßt Euch nicht von den Eignen täuschen“. Denn dieser Satz impliziert, dass auch die Eignen, also in diesem Fall „der Westen“, mit Täuschungen, Tricks, Lügen, Geschichtsfälschungen arbeitet, kurz: Propaganda einsetzt, um den Krieg zu rechtfertigen und zu befeuern! Angewendet auf die Jetzt-Zeit heißt das: Glaubt nicht der russischen Propaganda – aber glaubt auch nicht Herrn Stoltenberg und erst recht nicht Frau Baerbock, also den „Eignen“.

Diese Haltung, das ist also der zweite Schwerpunkt, entwickelt sich erst langsam bei Kassandra. Zunächst lebt sie im Glauben an die „Eignen“, auch wenn ihre Zweifel wachsen. Sie ist eng verbunden mit dem „Palast“, der Königsfamilie und der Elite Trojas. Widersprüche, die zunehmen, Enttäuschungen, etwa über den Vater, unterdrückt sie im Angesicht des Feindes und seiner Kriegsgräuel. Trotz allem, was sie sieht und hört und Zweifel in ihr aufkommen lässt: Sie will dazu gehören. Der Loslösungsprozess ist lang und schmerzhaft. Es dauert, bis sie NEIN sagt zum Krieg, zu den Lügen, zu all den propagandistischen Heucheleien. „Zwischen Töten und Sterben ist ein Drittes: Leben.“ So letztlich ihr Credo, ausgesprochen von einer jungen Sklavin aus dem Griechenlager. Der Loslösungsprozess ist ein Prozess der Einsicht, der neuen Gewissheiten und der Auflösung der Selbstentfremdung. Aber er ist mit Einsamkeit verbunden! Auch diese Entwicklung Kassandras können wir vergegenwärtigen! Wer nicht mitschwimmt im Schwarm der Kriegsbefürworter, deren wesentliche Losung „Mehr Waffen für die Ukraine“ lautet, wird schnell und schonungslos geächtet, wird zum Putinisten gemacht, wird stigmatisiert. Er wird ausgeschlossen aus dem Kreis derer, die sich moralisch selbst überhöhen und den Weg diplomatischer Lösungen noch nicht einmal denken, geschweige denn in praktische Versuche umsetzen. Der Abweichler wird zum Dissidenten, befindet sich in Isolation, so als wäre eine Haltung zum Ukraine-Krieg, die mehr ist als der Ruf nach Waffenlieferungen, vergleichbar mit einem politischen Corona-Varianten-Typus. Die Freunde wenden sich vom Dissidenten ab, um ihn herum wird es einsam! Zweifel an der Position des Westens, am Krieg überhaupt? Ein toxisches Ding, das Isolation verlangt! Und wer will schon in Isolation?
Es ist fast eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die Friedenspartei der GRÜNEN in kürzester Zeit und ohne lange Debatten militaristischer auftritt als manch ein besonnener General, dass „feministische Außenpolitik“ sich im Kontext des Ukraine-Krieges im Kern auf die Forderung nach mehr Waffenlieferungen beschränkt und zudem von führenden GRÜNEN in fast orwellscher 1984-Manier Kriegsgeschrei zu Friedensgeläut umgedeutet wird (Wer für Frieden ist, muss für Waffenlieferungen sein). Aber vielleicht glauben die Propagandisten des Krieges sogar an das, was sie sagen. Und nehmen dadurch das „Gesicht des Feindes“ an (Kassandra).
Kassandra wird von den Eignen ins Abseits gestellt. Geächtet. Verfemt. Ihr, die den Untergang kommen sieht, glaubt man nicht. Als Gefangene kommt sie nach Griechenland, wo sie von Klytaimnestra getötet wird. Kurz vor ihrem Tod führt Kassandra ein Gespräch mit einem griechischen Wagenlenker, der sie fragt, ob die Kette zwischen Krieg, Sieg, Niederlage und Untergang ewig andauern wird. Kassandra nennt diese Frage die Frage aller Fragen und gesteht zugleich ein, dass sie, die Seherin, die Zukunft nicht kennt. Und schließt ihre Antwort mit dem Satz ab: „So mag es in der Zukunft Menschen geben, die ihren Sieg in Leben umzuwandeln wissen.“ In dieser Zukunft sind wir noch nicht als in unserer Gegenwart angekommen!

2023: Das zweite Kriegsjahr in Europa.
2023: 40 Jahre „Kassandra“. Großartige Literatur. Erschreckend gegenwärtig!

***Diese Beschränkung wird dem komplexen Text in seiner Gesamtheit nicht gerecht, weil ich Aspekte vernachlässige, die für das Gesamtwerk wichtig sind

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geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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Kriegssatt

Vorkrieg, Zwischenkrieg, Nachkrieg, Stellvertreterkrieg, kalter Krieg, heißer Krieg, Wirtschaftskrieg, viel Krieg, wenig Friedensbemühungen.
https://www.heise.de/tp/features/Acht-Gruende-warum-jetzt-ein-guter-Zeitpunkt-fuer-Friedensgespraeche-in-der-Ukraine-ist-7364638.html?seite=all

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Heinz Niski

Vorkriegszeit ist wohl der wichtigste Begriff Kassandras. Wann fing alles an, daraus lassen sich Schlüsse auf das “warum und wie” ziehen. Sicher auch umgekehrt. Beides wird aber in der öffentlichen Diskussion weitgehend ausgeblendet.

Dazu John Mearsheimer am 28.11.22:

https://www.youtube.com/watch?v=HBiV1h7Dm5E

Freddie Sayers trifft den Politikwissenschaftler John Mearsheimer, den weltberühmten Verfechter des Realismus in den internationalen Beziehungen. Aufgenommen in London am Montag, den 28. November 2022.
ZEITCODES
00:00 – 00:47 – Einführung
00:47 – 05:28 – John Mearsheimers Sichtweise, wie der Westen Russland in seine jetzige Position zwang.
05:28 – 09:37 – Was ist der Unterschied zwischen Realismus und einer realistischen Sicht auf den Krieg?
09:37 – 14:27 – An welchem ​​Punkt würde der Westen der russischen Aggression Widerstand leisten?
14:27 – 21:41 – Was ist der wahrscheinlichste Ausgang des Ukraine-Krieges?
21:41 – 28:07 – Was würde passieren, wenn Putin Atomwaffen einsetzen würde?
28:07 – 33:47 – Wie hat Großbritannien auf die Krise reagiert?
33:47 – 38:51 – Wie gilt die Monroe-Doktrin für die USA?
38:51 – 46:02 – Russlands Invasion im Februar
46:02 -49:45 – Zeichnet sich eine Krise zwischen China und Taiwan ab?
49:45 – 55:51 – Liegt es im strategischen Interesse der USA, Streitkräfte zur Verteidigung Taiwans zu entsenden?
55:51 – 01:03:14 – Warum ist John Mearsheimer nach Ungarn gegangen?
01:03:14 – 01:09:08 – Macht sich Mearsheimer Sorgen darüber, als Aktivist wahrgenommen zu werden?
01:09:08 – 01:17:13 – Abschließende Gedanken

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