Am geistigen Lagerfeuer: Zwischen Aufflackern und Erlöschen

4.5
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Vor einigen Tagen berichtete die lokale Qualitätspresse einmal mehr über einen aggressiven Vorfall in der Innenstadt. Ein Mann, der sich über das Anzünden von Knallkörpern aus einer Gruppe heraus beschwert hatte, wurde von Mitgliedern dieser Gruppe geschlagen und getreten. Erst als weitere Personen hinzukamen und eingriffen, ließen die Täter von ihrem Opfer ab und ergriffen die Flucht. Eine der Personen, die helfend eingegriffen haben, was jegliches Lob verdient (!!!), schilderte seine Erlebnisse und Eindrücke in einem facebook-Beitrag. Dieser Beitrag ist in gewisser Weise paradigmatisch für eine bestimmte Gruppe in dieser Gesellschaft, die sich und ihr Weltbild unerwartet, aber deshalb umso heftiger mit der harten Wirklichkeit aggressiver Auseinandersetzungen konfrontiert sieht. Im Text heißt es einleitend: „Jetzt ist es mir auch passiert: Ich bin in Gelsenkirchen in eine Schlägerei auf offener Straße geraten.“ Dem Schreiber ist „es“ also „auch“ passiert, was ja bedeutet, dass er von anderen Vorfällen dieser Art wohl gehört oder gelesen hat, sie aber nie auf sich und sein Weltbild bezogen hat. Die Gewalt bricht für ihn unvermittelt in den bisher gelebten Alltag ein: „Der Montagabend hatte dabei ganz beschaulich mit einem Familienessen in einer Pizzeria unweit des Marktplatzes begonnen.“ Nichts könnte die bisher gelebte und erlebte Wirklichkeit besser umschreiben als das Wort „beschaulich“, das auf eine nahezu biedermeierlich-verklärte und verklärende Idylle verweist. Diese Wirklichkeit hat ein zentrales Element, nämlich die vorherrschende Vorstellung von einem gesellschaftlichen Lagerfeuer, um das Menschen aus allen Kulturen, Herkunftsländern und Ethnien sitzen und friedlich Gemeinsamkeit erleben. Durch den unmittelbaren Einbruch manifester Gewalt in die „Beschaulichkeit“ entpuppt sich dieses Bild vom Lagerfeuer aber als das, was es ist, eine romantisierende Vorstellung von einer Gesellschaft, die man sich als buntes Blumenwiesenbildchen gemalt hat. Sozusagen ein Nachklapp der verkitschten Vorstellung von der Flower-Power-Liebeswelt, die Scott McKenzie einst in seinem Song „San Francisco“ besungen hat. Eine Welt, in der Blumenkränze im Haar das Zeitalter allseitigen Verstehens ankündigen! Das Einbrechen der Realität in diese Welt und das Bewusstsein davon führt zu inneren Verstörungen, weil man zugleich weiß, dass man sehr schnell vom gleichgesinnten Teil des Publikums in eine bestimmte politische Schmuddelecke gestellt werden kann, wenn man die Realitäten deutlich anspricht. Dies führt zu einem inneren Verbiegen, das sich auch an dem erwähnten Text zeigt. Einmal bereits in der Darstellung des Vorfalls selbst, dann aber vor allem in der Einordnung des Geschehenen!

Ein halbherziger Text, dessen Autor sich für die Darstellung der Realität meint entschuldigen zu müssen

Der Text über eine „Schlägerei auf offener Straße“ ist bereits in der Darstellung des Sachverhalts voller innerer Widersprüche, Leerstellen und Halbherzigkeiten.
In der Einleitung heißt es u. a.: „Dann kam Geschrei dazu und eine ineinander verkeilte Gruppe von Menschen begann vor unserem Fenster aufeinander einzuschlagen.“ Schon diese Beschreibung ist sprachlich ungenau, wird doch der Eindruck erweckt, die Mitglieder einer Gruppe hätten sich gegenseitig verprügelt. Das war aber nicht so! Richtig ist vielmehr wohl diese Darstellung im Folgesatz: „Es waren sechs junge Männer, die gemeinsam einen anderen Mann verprügelten. Also ein direkter Angriff.“ Nicht die sechsköpfige Gruppe hat aufeinander eingeschlagen, sondern die Männer haben einen Einzelnen geschlagen. Das ist etwas anderes!
Auch die Schilderung des Fortgangs ist eigentümlich: „Wir sind raus vor die Tür, haben uns dazwischen gestellt, gerufen und den Notruf der Polizei gewählt.“ Wie kann es sein, wenn man sich „dazwischen stellt“, dass die Gruppe aber trotzdem auf den verletzt am Boden liegenden Mann weiter „eingetreten“ und ihn „geschlagen“ hat.
Nach dem Eintreffen der Polizei und eines Krankenwagens und dem Abtransport des verprügelten Mannes ins Krankenhaus heißt es über die Täter: „Die Angreifer waren modisch gekleidet und gehören nach Aussehen und Sprache zur Gruppe der Zuwanderer.“ Unzweifelhaft eine Personenbeschreibung, die in ihrer Vagheit wenig hilfreich ist, um die Personen dingfest zu machen. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass diese Vagheit nicht der Situation selbst und vielleicht der Aufregung des Moments geschuldet ist, sondern der Erwähnung der ethnischen Zugehörigkeit der Täter, wobei „Zuwanderer“ ja nichts über die Herkunft der Tätergruppe aussagt (Südost-Europäer, Afrikaner, Chinesen, eingewanderte Engländer oder Kanadier, Türken, Araber, Deutschrussen, Kroaten?)
Die Zuordnung der Täter als „Zuwanderer“ führt nämlich bei dem Verfasser des Textes nun zu einem Problem, das er „Dilemma“ nennt: „Das ist ein Dilemma, denn die gesellschaftlichen Konflikte in dieser Stadt erhalten zunehmend eine ethnische Komponente.“ Auch das ist eine eigentümliche Formulierung, die den Kern der Erkenntnis abschwächt: Klar und deutlich müsste es heißen, dass Gewalttaten sowie Verstöße gegen die Regeln des Zusammenlebens (Müllablagerung, Lärm, Sozialleistungsmissbrauch, Nicht-Einhaltung von Hausordnungen etc.) in zunehmendem Maße von Menschen mit Einwanderungsgeschichte (im Text „Zuwanderer“) aus bestimmten Kulturkreisen begangen werden.
Nun möchte der Verfasser des Textes nicht in die Nähe von Ausländerfeinden, Rechtsextremisten oder gar Neonazis gestellt werden, weswegen eine Passage über das Thema „Racial Profiling“ folgt. Dadurch wird das konkrete Ausgangsproblem auf eine akademische Diskursebene  verlagert, eben die Problematik des „Racial Profilings“, die hier aber überhaupt nicht angezeigt ist. Das Problem besteht doch nicht in der Gefahr des „Racial Profilings“, sondern, wie der Autor des Textes schreibt, in der unübersehbaren Zunahme von Straftaten, die durch „Gruppen von zugewanderten jungen Männern begangen werden“.
Wenn es in der Überschrift des Textes heißt „Darüber muss gesprochen werden“, ist am Ende nicht mehr klar, worüber jetzt gesprochen werden soll: Über die Zunahme von Straftaten junger Zuwanderer oder über das Problem „Racial Profiling“. Wenn man beides in einer Debatte verknüpft, könnte sich übrigens am Ende womöglich erweisen, dass Racial Profiling nichts anders als eine Chimäre ist, eine ideologische Erfindung, ein Exkulpierungsbegriff, der die Verantwortung von Rechtsbrüchen bestimmter Gruppen migrantischer Herkunft leugnet und stattdessen die Polizei in Haftung nehmen will.
Das „Dilemma“, mit dem sich der Verfasser des Textes konfrontiert sieht, ist letztlich ein inneres: Das alte, in der eigenen Bubble gepflegte Weltbild ist nicht (mehr) haltbar, die eigene Erfahrung ist nämlich ein Lehrmeister, der sagt: Du musst dich von deinem verklärten Weltbild lösen. Gewalt geht – durchaus zunehmend – eben auch von denen aus, denen du hier Schutz und Unterhalt gewährst. Und wenn du das sagst, offen aussprichst, siehst du dich der Gefahr ausgesetzt, einer Gruppe zugeschlagen zu werden, zu der du nicht gehörst. Und du siehst dich der Gefahr ausgesetzt, von den vermeintlich „Eigenen“ stigmatisiert zu werden als jemand, der die Seiten gewechselt hat.

Das Dilemma oder Das erlöschende Lagerfeuer

Es ist schwer, sich diesem Dilemma zu stellen, zumal einem natürlich auch Debattenteilnehmer beispringen, die einen entlasten wollen. Etwa dadurch, dass darauf hingewiesen wird, dass es schon immer „Kloppereien“ gegeben hat. Oder auch, dass es immer Jugendliche sind, die so etwas machen. Da müssen dann auch schon mal rabulistische Luftnummern statistischer Art herhalten:
Wenn eine Gruppe in einem Stadtteil die übergroße Mehrheit an Vertretern der zu Gewalttätigkeiten neigenden Menschen stellen – männlich, zwischen 20 und 35- dann ist es nicht verwunderlich, wenn tatsächliche Täter aus dieser Gruppe stammen.
Ja, wie sollte das auch anders sein: Wenn auf einem Flecken in Afrika eine Tiergruppe zum Fleischfressen neigt – also etwa erwachsene Löwen im besten Jagdalter und mit großem Hunger – dann ist es nicht verwunderlich, wenn unter den Tieren, die Pflanzenfresser jagen und töten, tatsächlich viele Löwen sind (und kaum Zebras oder Erdmännchen). Aber die Wirklichkeit stellt sich anders dar, wenn man die Gruppe der 20-35jährigen nach Ethnien differenziert und dann die Frage stellt, warum eine Gruppe, die nur 20% dieser Altersgruppe ausmacht, für weitaus mehr als 50% einer bestimmten Deliktgruppe verantwortlich ist.
Deutlich wird im Ausgangstext, aber auch in vielen Debattenbeiträgen, wie schwierig es zu sein scheint, die Wirklichkeit anzuerkennen und sich vom Wiesenblumen-Bild zu trennen, mit dem man sich eingerichtet hat. Ein Grund besteht darin, dass man diejenigen, die bestimmte Zustände kritisieren, in einem dichotomisch geprägten Weltbild gleich in die böse Ecke stellt – und wer will da schon stehen, wenn man in der eigenen Blase doch so “beschaulich“ zurechtkommt!
Aber auf Dauer wird sich die Wirklichkeit nicht leugnen lassen und sich durchsetzen. Auch wenn man den Elefanten im Raum nicht sehen will, so ist er doch da!

Und jedes Lagerfeuer erlischt – irgendwann!

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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Su.va.Su.

Was für ein Bullshit!!

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Heinz Niski

Starke Gefühle können auch überzeugen.

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Fra.Prez.

Der Kommentar ist aber nun ganz und gar nicht woke

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Heinz Niski

Irre ist das alles. Auf der einen Seite gibt es große ethnische (kulturelle, religiöse) Minderheiten, die ihre eigenen Communitys mit eigenen Regeln, eigenen Dresscodes in Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft leben, auf der anderen Seite Tempelwächter und Wahrheitsfinder, die peinlich darauf achten, dass es keine Worte, keine Namen, keine Beschreibung für diese Gruppen gibt. Das ist Kulturimperialismus, das ist Löschung der Identität dieser Menschen, Löschung aus dem kulturellen Gesamtgedächtnis einer Stadt, einer Gesellschaft, Vernichtung durch Schweigen.

Wenn Gruppen Stress machen, muss das benannt werden, beschrieben werden, damit man die Gesamtsituation analysieren, verstehen und Abhilfe schaffen kann.

Dabei ist es egal, ob es um Schalke Hooligans geht, die BVB Anhänger zusammenschlagen, ob es um sogenannte “Libanesen”, Roma oder um Kirmesschlägereien zwischen Lederhosenträgern aus Unterammergau und Oberammergau geht.

Tatsache ist, dass durch die Zuwanderung alte Konflikte aus den Ursprungsländern zugewandert sind. Syrer-Iraker, Türken-Kurden, Araber-Kurden usw. usw.
Wer das alles auf einen sozialen Konflikt und mangelnde Bildung reduziert, hat ein vulgärmarxistisches oder Bullerbü Menschenbild.

Wer Konflikte bzw. gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Syrern und Libyer anonymisiert (… 200 Menschen schlugen aufeinander ein) verhindert Lösungsstrategien. Wer Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten, Erdogan und Gülen Anhängern verschleiert, will Lösungen verhindern.

Wer Schwierigkeiten hat, eine Gruppe zu beschreiben, ihr einen Namen zu geben, Täter zu benennen, kann keine brauchbare Zeugenaussage machen oder hat Angst, aus seiner eigenen Gruppe ausgeschlossen zu werden.
Vielleicht hat er aber auch nur Angst, von den Tätern selber bedroht zu werden, falls er als Zeuge vor Gericht aussagen muss.

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Last edited 3 Monate zuvor by Heinz Niski
Ro.Bien.

Das ist doch verständlich, lieber H. Wenn freie Journalisten seit Jahrzehnten auch von der hiesigen Kommune und die bessere Hälfte bei Wohlfahrtsverbänden genau hier arbeiten, kommt man schon mal ins Dilemma. Obwohl sich einige Verantwortliche in Kommune und Wohlfahrt zu Roma schon klarer positionierten.
Tom Buhrow ruft ja auch gerade erst die (private) Revolution im ÖRR aus – zwei Monate vor der Rente. ok..hinkt..ein bisschen.

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Heinz Niski

den Aspekt hatte ich gar nicht auf dem Schirm, aber stimmt, ökonomische und soziale Abhängigkeiten bestimmen die Freiheitsgrade genauso wie die Angst, Persona non grata zu werden. So gesehen also ein mutiger Schritt des Journalisten, sich ein bisschen frei zu strampeln. 😁😁

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Ro.Bien.

Wer weiss. Vielleicht werden diese Anpassungsschwierigkeiten bald damit übertüncht, dass gerade der neue ukrainische Botschafter vor marodierenden, einreisenden Russen warnt und sofortigen Einreisestopp fordert. Es bleibt spannend.

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mister x

Woanders ist auch Scheiße! Keine Liebe, Zuneigung, Anerkennung, kein Respekt mehr auf der Welt.

Düsseldorf. Bei einer Massenschlägerei in Düsseldorf gab es am frühen Samstagmorgen mehrere Verletzte. Ein Mann fuhr mit einem Auto in eine Menschengruppe.

Mit einem Auto ist am frühen Samstagmorgen ein Mann in Düsseldorf in eine Menschengruppe gefahren. Mindestens fünf Personen wurden verletzt, berichtete am Nachmittag die Polizei. Die brutale Aktion ereignete sich bei einer Massenschlägerei mit mehreren Dutzend Beteiligten.

Auf einem Parkplatz am Vogelsanger Weg im Stadtteil Mörsenbroich war es laut Polizei gegen 4 Uhr früh zu einer Schlägerei mit „einer Vielzahl von Personen“ gekommen – Zeugen schätzten 50 bis 60 Beteiligten, sagte eine Polizeisprecherin am Samstag auf Nachfrage.

Der Grund der Prügelei war am Samstagnachmittag noch unbekannt, teilte die Polizei mit. Die Beteiligten stammten aus dem Sinti- und Roma-Milieu, hieß es auf Nachfrage.
Massenschlägerei auf Parkplatz in Mörsenbroich: Mordkommission ermittelt
Die Polizei bildete eine Mordkommission. Den ersten Ermittlungen nach hatten die Beteiligten wohl zuvor eine Feier besucht. Dann sei es zu der Schlägerei gekommen.

https://www.waz.de/duesseldorf-auto-faehrt-bei-massenschlaegerei-in-gruppe-id236834951.html

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Christiane Rahardt

Liebe Leute, ich sage es ganz offen: wir brauchen in Europa ein Einwanderungsgesetz. Durch die Eu-freizügigkeit kommen seit der eu-osterweiterung völlig unkontrolliert und ohne Integration die ärmsten der Armen völlig legal nach Deutschland, dh jeder darf jederzeit kommen. Dass das zu massiven Probleme gibt, liegt doch auf der Hand.
Leider schweigen die Politiker das alles tot.dabei gehört das mE offen in den Bundestag, warum nicht???

Leider scheint die Bevölkerung auch nicht bereit zu sein. Deutschland wach auf!!!!!!!
Ich bin in dieser Sache noch aktiv bis 15.12.
Ich empfinde mich derzeit als einzige kämpferin für Gerechtigkeit in der Eu-freizügigkeit. Bitte überzeugt mich vom Gegenteil.

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