Erinnerungsort: Wildenbruchplatz

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Bereits 2009 mahnte Andreas Jordan (Gelsenzentrum) die Aufstellung einer Erinnerungstafel am Wildenbruchplatz an, um darauf aufmerksam zu machen, dass dieser Ort, an dem heute „Straßen.NRW“ und Polizei ihre Bürogebäude haben, wesentlicher Teil der NS-Geschichte Gelsenkirchens gewesen ist. Nun scheint diese alte Forderung Jordans bald in Erfüllung zu gehen. Arbeitsgruppen von Schalke-Fans haben in Zusammenarbeit mit dem Institut für Stadtgeschichte und der Jüdischen Gemeinde die Geschichte des Platzes in der NS-Zeit aufgearbeitet, haben die Schicksale von Opfern und die Lebenswege von Tätern verfolgt. Gestern wurden in einer Veranstaltung in der Synagoge einige Ergebnisse der Recherchearbeiten vorgestellt, und am 27. Januar 2022 soll eine Gedenktafel am Wildenbruchplatz enthüllt und eingeweiht werden.
Der Tag ist nicht zufällig gewählt. Denn am 27. Januar vor 80 Jahren diente die damalige Messehalle auf dem Wildenbruchplatz als Sammelstelle für hier zusammengetriebene Juden aus Gelsenkirchen und der Umgebung. Von dort aus wurden sie per Bahn nach Riga transportiert und von dort, falls sie bisher überlebt hatten, in verschiedene Arbeits- und Konzentrationslager geschickt. Es führt also eine direkte Spur vom Gelsenkirchener Wildenbruchplatz in die Todeslager. „Der erste und auch gleichzeitig der größte Deportationstransport aus Gelsenkirchen fand am 27. Januar 1942 statt. 355 jüdische Gelsenkirchener beiderlei Geschlechts wurden zunächst – sichtbar für alle – auf dem Wildenbruchplatz in der dortigen Ausstellungshalle gesammelt. Viele von ihnen mussten für Ihre “Evakuierung nach dem Osten” sogar ihre Fahrkarten selbst bezahlen. Am Güterbahnhof stiegen sie in die Züge – es waren Personenzüge – und wurden in das Ghetto nach Riga geschafft. In Dortmund wurden weitere Waggons angehängt. Ein zweiter Transport ging am 31. März 1942 nach Warschau, ein dritter am 27. Juli 1942 nach Theresienstadt. Im September 1944 folgte ein weiterer Transport. Insgesamt haben von 615 deportierten Juden aus Gelsenkirchen nur 105 überlebt.“*
Viele Gelsenkirchener wissen um diesen Teil unserer Stadtgeschichte kaum etwas oder nichts. Ja, selbst die Existenz dieser Halle als Messehalle ist vielen nicht bekannt, zumal sie 1944 abgerissen wurde. Der Wildenbruchplatz ist wohl eher in Erinnerung als Ort von Kirmesveranstaltungen. Insofern ist es verdienstvoll und in hohem Maße anerkennenswert, dass sich Fans des S04 auf den Weg gemacht haben, um diesen Ort aus dem Dunkel des Vergessens zu heben und die Erinnerung an einen Ort, der Teil der organisierten Vernichtung von jüdischen Mitbürgern war, zu verlebendigen.
Für mich war am gestrigen Abend nichts bewegender als die Erzählung von Judith Neuwald-Tasbach davon, dass ihr Vater, Inhaber des Bettengeschäfts Neuwald in Gelsenkirchen, immer voller Stolz davon erzählt hatte, dass er bei einer Ausstellung in der Messehalle auch sein Geschäft hatte präsentieren können. In der Halle, von der aus einige Zeit später auch seine Reise durch die Hölle der Lager begonnen hat!
Dem Projekt „Erinnerungsort Wildenbruchplatz“ ein herzliches
GLÜCK AUF!

*Quelle: http://www.gelsenzentrum.de/wildenbruchplatz.htm

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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