Wenn der Feind uns bekämpft, ist das gut und nicht schlecht! (Mao Tsetung, 26.Mai 1939 )

Es ist an der Zeit, die Zensur einmal zu loben!

Also die wirkliche Zensur ist hier gemeint, die jüngere Schwester der Inquisition. Nicht diese geistige Beschränktheit, die sich in der Blockade von Beiträgen auf facebook oder in anderen elektronischen Plattformen zeigt, die sich gerne „sozial“ nennen. Diese Art von politischer Verzwergtheit ist nämlich eine Pseudo-Zensur und kein politischer Akt, sondern das zuverlässige Zeichen politischer Hilflosigkeit, persönlicher Verzagtheit und Ausdruck der Sorge, auf dem Parkett der Öffentlichkeit nicht ernst genommen zu werden. Gerne sind es übrigens Funktionsträger – und –innen der untersten Bedeutungsstufen, die sich durch derlei Maßnahmen politisch aufblasen: sie möchten als Giganten erscheinen, sind aber nur so etwas wie (politische) Brötchentüten, die (aufgeblasen) mit einem Knall zerplatzen, wenn sie Druck bekommen. Dass sie sich ständig und von allen als angegriffen, verleumdet, persönlich beleidigt und in ihrer Identität nicht ernst genommen fühlen, hat sich bei ihnen als fixe Idee verselbstständigt. Und diese Art von Dummheit ist bei ihnen mit sich selbst schwanger! Sie haben, was ihre Tiefenschärfe angeht, im Bild gesprochen, lediglich  „Sommerkleidchengedanken“!*
Nein, um diese Gestalten geht es nichts. Es geht um wirkliche Zensoren, also mit Macht ausgestattete Instanzen im Vorfeld des Scharfrichters. Sie sind zu loben, denn ihnen haben wir viel zu verdanken, nicht obwohl, sondern weil sie Teil eines Unterdrückungsapparates sind. Ihre Anwesenheit macht klar, in welcher Art Gesellschaft wir leben. Sie sind unbewaffnet, aber gefährlich, weil sie Macht haben, auch wenn sie selbst vielleicht geistige Platzpatronen sein mögen und die Macht nur geliehen ist. Macht haben sie, weil sie in „höherem“ Auftrag handeln. Und der kann religiöser, weltanschaulicher oder politischer Natur sein. Das spielt keine Rolle. Und wer in „höherem Auftrag“ handelt, ist stellvertretend für eine Instanz tätig, die über dem einzelnen Menschen steht, auch über dem Zensor selbst.
Diese Macht übt Zwang aus. Und dadurch weckt sie, über die Zeiten, die Kulturen, die Gesellschaften und die historischen Epochen hinweg, die Fantasie, die Schöpferkraft, den Widerstand, kurz: die Literatur.
Vor Jahrhunderten schon erzählten Fabeln Geschichten von Tieren – und hinter der Geschichte steckte und versteckte sich eine zweite, die den Blick auf die Gesellschaft warf und sagte, was offen nicht gesagt werden durfte. Ohne Zensur gäbe es Lessings „Nathan“ nicht, denn das Stück ist die Reaktion auf ein Publikationsverbot. Ohne die Zensur gäbe es etliche von Heines wunderbaren Versen nicht. Und ohne die Zensoren gäbe es wahrscheinlich weder Christa Wolfs „Kassandra“ noch Stefan Heyms „König David Bericht“ und Texte von Heiner Müller und anderen Autorinnen und Autoren der DDR. Zumindest gäbe es sie wohl nicht so, wie wir sie heute kennen.
Insofern gilt der Dank (mein Dank als Literatur-Leser) den Zensoren, denn sie haben letztlich mein Regal mit Büchern und meinen Kopf mit Gedanken gefüllt. Ob die immer die richtigen waren und sind, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Diese Gedanken kann man jederzeit kritisieren, nieder machen, widerlegen und als absurd betrachten.
Und blockieren natürlich!
Denn das ist auch eine Form von Freiheit!

 

*Den Begriff habe ich (mit Einverständnis) einem Gedicht unserer Leserin Elvira von Blankenstein entnommen, das sie mir zugesandt hat.

Sommerkleidchen

Mein Sommerkleidchen und ich
Wir sind eins
Luftig, fließend, leicht,
so ist es, so bin ich
frisch, bunt, spielerisch
so ist es, so bin ich

Mein Sommerkleidchen und ich
Wir teilen unsere Sommerkleidchengedanken
Luftig, fließend, leicht,
im Kreis der Sommerkleidchenträgerinnen
frisch, bunt, spielerisch
teilen wir Sommerkleidchenweltgefühle

Mein Sommerkleidchen und ich
Wir sind eins
In der Angst vor dem Winter
der die Farben des Sommerkleidchens
verblassen lässt.

Und den Stoff fressen die Motten!

Elvira von Blankenstein hat Maschinenbautechnik in Eisenach und Wirtschaftspsychologie in England und Schottland studiert und arbeitet zurzeit für Rockwell Ltd. in Dubai

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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