Nachdenken über Komposita

Zu einem feuilletonistischen Magazin wie HerrKules gehören natürlich auch sprachpflegerische und sprachkritische Beiträge, zu denen wir, das sei zugestanden, leider nicht häufig genug kommen. Manchmal muss eine Beschäftigung mit Sprache aber sein – vor allem dann, wenn es von der verwendeten Sprache her „juckt“ oder „klemmt“ oder die Sprachverwendung sogar einen Würg-Reiz auslöst! Oder wenn es sich einfach so ergibt!

Heute also ein Nachdenken über Komposita!

Komposita sind nützlich und leicht zu bilden. Leicht zu bilden sind sie, weil sie durch die Zusammensetzung von bereits bestehenden Wörtern (oder Wortstämmen) gebildet werden. Nützlich sind sie, weil sie einerseits der Erweiterung und Differenzierung des Wortschatzes dienen, andererseits aber auch Sprache verdichten, indem sie ausführliche oder umständliche (Satz-)Konstruktionen durch ein Wort ersetzen können. So wird dann aus der 10-Wörter-Formulierung „Reifen, den man auf die Felge eines Autos aufziehen kann“ der Autoreifen.
Die häufigste Form der Komposita in der deutschen Sprache sind Nominalkomposita (Auto plus Reifen), also die Bildung aus zwei Nomen. Komposita können etwas über die Stofflichkeit sagen (Eisen-Stange), über die Funktion und den Verwendungszweck (Schrauben-Dreher, laienhaft gerne Schrauben-Zieher genannt, obwohl man die Schraube herausdreht und nicht zieht), über die Form (Vierkant-Schlüssel, Bsp.: Vierkant-Aufsteckschlüssel aus Spezialstahl. Gehärtet. Quergriff verschweißt, mit Innen-Vierkant) oder auch eine Eigenschaft (Stark-Regen).

Komposita bestehen aus einem Grundwort und mindestens einem Bestimmungswort, das das Grundwort, wie zu erwarten ist, näher bestimmt. Der Blödmann verrät uns seine hervorstechende Eigenschaft sofort! Die Holz-Schraube ist nicht aus Holz, sondern für die Arbeit mit Holz gedacht (Verwendungszweck), wogegen die Messing-Schraube aus Messing gemacht ist (Stofflichkeit). Und die Schreck-Schraube … na gut! Sie wissen schon! Die Schrauben-Typen machen deutlich, dass Komposita einen auch in die Irre führen können.

Dazu mal einige Beispiele:
Wie ist das etwa mit einer Spitzen-Politikerin? Lässt die Spitzen-Politikerin gerne Pointen, also Spitzen, los, besonders gegenüber dem politischen Gegner, steht sie an der Spitze einer Partei, oder ist sie spitz im Sinne von Ingo Insterburgs Spitzen-Kalauer: „Eine Dame aus besseren Kreisen setzte sich auf eine Nadel. Da schrie die Nadel AUA. Denn die Dame aus besseren Kreisen war sehr spitz.“ Sind Hamsterkäufe eigentlich mit dem Tierschutzgesetz vereinbar? Ist eine Ulk-Nudel aus Hartweizengrieß oder doch nur aus Mehl und Wasser? Und wie lang ist die Koch-Zeit der Ulk-Nudel, wenn eine Aushilfs-Köchin in der Gerüchte-Küche im Amts-Gericht kocht, während nebenan ein Nudel-Gericht tagt? Werden Mischehen auch irgendwann mal mit dem Mischen fertig? Warum ist Zitronenfalter ein anerkannter Lehrberuf, während ein Bananenbieger lediglich drei Wochen lang angelernt werden muss? Warum spricht ein Pferdeflüsterer leise zu Pferden, während ein Büttenredner meistens laut und in Versen zu Menschen, aber nicht zu Bütten redet? Werden Bütten aus Büttenpapier hergestellt oder ist es umgekehrt? Kann ein Nachrichtensprecher auch private Unterhaltungen bestreiten? Findet man den Kohlkopf als Ausstellungsstück im Haus der Deutschen Geschichte oder wurde er mit dem ganzen Kohl beerdigt? Können nur Neu-Geborene Neo-Nazi sein oder auch uralte Männer? Ist ein Lieblings-Kompositum eine Bezeichnung für jemanden, den Sie besonders gerne haben (also etwa Schnucki-Maus, Hasen-Zahn oder Dreckskerl) oder einfach ein zusammengesetztes Wort, das sie besonders mögen?
Hat eigentlich schon jemals jemand einen Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän persönlich kennengelernt? Und welches Wort gehört nicht in die Reihe: Wochentag, Arbeitstag, Feiertag, Bundestag?

Kurz und gut: Es wimmelt um uns herum nur so von Komposita! Deshalb (wenn Sie mögen):
Schicken Sie uns doch Ihr Lieblings-Kompositum – wie auch immer Sie den Begriff verstehen! Wir würden uns freuen!

No votes yet.
Please wait...

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

Ein Gedanke zu „Nachdenken über Komposita

  • 4. September 2021 um 15:23
    Permalink

    einen Spitzen-Politiker stelle ich mir jedenfalls lieber nicht vor 🧐

    https://scontent-frx5-1.xx.fbcdn.net/v/t1.6435-9/241468411_4679052475461678_125882722768592566_n.jpg?_nc_cat=100&ccb=1-5&_nc_sid=dbeb18&_nc_ohc=T5iopGs4SQYAX9fnlav&_nc_ht=scontent-frx5-1.xx&oh=5ad3e5e474a32e15ea4af54fbf2d1fe6&oe=61593FF0

    Rating: 5.0/5. From 1 vote.
    Please wait...
    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.