Categories: Stadt Politik

Traum-Haft – eine Nacht im Leben der Stadtverordnitin Aziza Sadeh

Gestern die Beschlussvorlage zum Stadtumbau zur sofortigen Erreichung aller städtischen Klimaschutzziele bei gleichzeitiger Beseitigung anderer, erdrückender Probleme unter dem Punkt „Sonstiges“ vorgelegt:

Am Heinrich-König-Platz den Boden zur U-Bahn-Station terrassenartig öffnen, Sitzgelegenheiten aus lackiertem Metallgeflecht aufstellen und mit Blumenkübeln oder Reststoffsammelbehältern dekorieren, um eine Art zentralen Treffpunkt der Kulturen zu schaffen, der mitten in der Stadt die verschiedenen Ebenen der Stadtgesellschaft in einen symbolischen Schmelztiegel zusammenführt, an der U-Bahnstation „Musiktheater“ in Richtung Erdoberfläche als bunte Bevölkerungslegierung wieder abfließen und augenblicklich erstarren lässt beim Blick auf die am Bühnenhaus des Kulturpalastes befestigte Sichtagitation:

„UNSERE GESELLSCHAFT IST UND BLEIBT OFFEN, FREI UND STARK.“

Nach dem vom MiR-Ballettensemble getanzten „Glückauf!“ am Vorplatz der Hochkultur dreht sich der zuvor im Stadtuntergrund von unten nach oben gebildete, monolithische, für immer konfliktfrei miteinander verbundene Volkskörper um 180° und wohnt einer nie gesehenen Nachhaltigkeitsdemonstration bei.

Unter der Schirmherrschaft der Demokratischen Initiative wird Flagge gezeigt und Haltung angenommen mit interaktiver Bürger- und Anwohnerbeteiligung neben und auf dem Zwei-Loch-Golfplatz an der Ebertstraße.

Erwünschte Flaggen werden der entsprechenden Verordnung des Online-Stadtinformationssystems entnommen und später wieder dorthin zurückgebracht. Unter dem Applaus aller organisierbaren Beifallsspenderinnen, Beifallsspender, Beifallsspendenden und Beifallsgespendeten formieren nun mehrere unversöhnliche Bevölkerungsgruppen jeweils eine benachteiligte Minderheit im Abstand von 10-15 Metern zueinander, lockern die vorgefundene, klimaschädliche Bodenversiegelung und üben sich in sportlicher, zielgerichteter, nonverbaler Kommunikation mit Pflastersteinwürfen im postmodernen Völkerball.

Sobald kein Wirkungstreffer mehr mangels Spielgerät oder wegen körperlicher Disposition gelingen will, beendet eine Abgesandte der höchsten moralischen Instanz der Stadt, der Schalker Fan-Initiative, das Spiel ohne Grenzen mit den Worten: „Blau und bunt ein Leben lang!

Die Alltagskonflikte zum Punkt „Sonstiges“ sind nun ein für alle Mal geklärt. Ein paar hellblaue Zuschauer dematerialisieren sich unter den Buhrufen der Fahnenträger von selbst. Zu Sambatrommeln und unter Glockengeläut beginnt augenblicklich die Renaturierung des von der spielenden Bevölkerung wiederbelebten, öffentlichen Raums zwischen Bildungsbunker, Wir-haben-keine-Jobs-Center und passiv gekühlten Stadtverwaltungshauptsitz im backsteinexpressionistischen Stil: Hüpfende Kinder und E-Roller fahrende, spätpubertierende Enddreißiger werfen über dem umgepflügten und von menschlichen Tragödien geräumten Spielfeld Wiesenblumensamen in die Luft, der von pensionierten Parteifunktionären direkt aus den anliegenden Parteizentralen in von der Sonne betankten Lastenfahrrädern angeliefert wird.

Die Saat geht umgehend auf und verwandelt die große, menschengemachte Betoneinöde der schuldbeladenen, kapitalistischen Nachkriegsgeneration in einen naturnahen, innerstädtischen Zukunftswohlfühl- und Einwanderungsraum, aus dem alle paar Minuten unter dem Jubel der Anwesenden das Wunder der neuartigen E-Mobilität in Form einer viel bestaunten Straßenbahn aus dem U-Bahn-Tunnel auftaucht.

Während das bisher als Waschanlage genutzte Bodenwasserspiel seinen Dienst als Bewässerungsanlage im neuen Eden, ehemals Ebertstraße, aufnimmt, aber nur so lange in Betrieb bleibt, wie Freiwillige an der aus Bambus geschnitzten, handbetriebenen Schwengelpumpe mit Muskelkraft das Wasser aus dem Mittelabfluss des städtischen Haushalts pumpen, öffnet sich plötzlich der Himmel über der Szenerie und eine Stimme spricht:

„Das hast du jetzt nicht alles nur geträumt, oder?“

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann bewerten Sie ihn – oder schreiben Sie einen Kommentar!

Weitere Texte des Autoren:

WAZ-Stadtcheck – Reaktionen von OB-Kandidat Norbert Emmerich (AfD)

Die WAZ hat ihre Leser gebeten, etwas über ihre Stadt zu sagen. Jetzt geben die…

Lesen Sie weiter:

Arbeitsplatzzugangskontrolle

Mittwoch, 24.11.2021. Früher Morgen. Kalte Nebelschwaden ziehen über einen Schrottplatz hinweg. Foto privat – „Totems“…

Lesen Sie weiter:

Wir sind alle gegen Nazis

Wir sind alle gegen Nazis. Damit ist alles gesagt. Aber vielleicht noch nicht von jedem.…

Lesen Sie weiter:

14 comments

Klau.Hol. says:

Habe ich etwas verpasst?

0
0
Fra.Prez. says:

Ein beeindruckendes Kolossalgemälde! Überfordert mich aber als alten Ruhrpolacken

0
0
Di.Nie. says:

Der Höllenschlund am HKP. Zugeschüttet und versiegelt brodelt das Böse weiterhin in der Tiefe. Entlädt sich in kurzen, heftigen Eruptionen und wahrt den Schein einer friedlichen Umgebung.
Gefällt mir 😉

0
0
Fra.Prez. says:

@Di.Nie.
war Dante am HKP?

0
0
Bernd MatzkowskiBernd Matzkowski says:

@Fra.Prez. Nach einer Grundregel der Aussprache im Sächsischen (Motto: „De weeschn besieschn de hardn“ – Die „weichen“ besiegen die „harten“, also z.B. t = d und k = g) war nicht eine Dante am HKP, sondern eine Tante. Wessen Tante? Ist mir auch nicht klar!

0
0
Heinz NiskiHeinz Niski says:

Es gibt Hinweise!
Tante Käthe (Rudi Völler) soll in der Augustinus Kirche Hand an einen vom ihm signierten Weltmeister Ball gelegt haben (Segnung) –
Der Song Tante Th’rese entstand, als Degenhardt in heiterer Stimmung aus der Tigges Kneipe in eine Fronleichnam Prozession stolperte.
Lang ist es her….

0
0
Bernd MatzkowskiBernd Matzkowski says:

Meine Tante Käthe (wurde so genannt, weil sie Katharina hieß), ist nie am HKP ausgestiegen, sondern mit der Bahn immer bis zum „Stern“ durchgefahren (damals fuhr die Linie 1 diese Strecke noch überirdisch und bog dort von der Flora- in die Bismarckstraße ein)! Der „Stern“ ist heute eine der für Radfahrer (Fahrerinnen eingeschlossen) gefährlichsten Kreuzungen in Gelsenkirchen, weil ein Verkehrsplaner, der offensichtlich die im Leserbrief von Herrn N. in einem anderen Strang erwähnten Substanzen im Übermaß genossen hatte, als er die Verkehrsführungslinien auf den Straßenbelag malte.

0
0
Di.Nie. says:

Der wohnte ja auch woanders und fuhr mit dem Auto 😉

0
0
Fra.Prez. says:

Die hier im Foto zu sehende Atmo ist tief in meinem Gedächnis verankert. Nicht, dass ich sie mag, diese damals vorherrschende gesellschaftliche Atmosphäre hier in GE (…und auch stellenweise anderswo), aber ich habe sie so erlebt und sie hat mich auch geprägt. Bis heute! Meine tiefe Abneigung gegen alles Verstaubte, Verkrustete und Nachhängen in der Vergangenheit drückt dieses eine Foto fast umfassend aus. Danke dafür!

0
0
Tan.Hemp. says:

Franz, diese Bergbauromantik ist mir ungefähr so kommod wie Mittelaltermärkte. Die Menschen haben gelitten, krankten an den Umständen, hatten nie genug zum Leben aber zuviel zum Sterben. Heute ist das anders – wir könnten… Allein die Umstände… Was hilft?

0
1

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Das könnte Sie auch interessieren:

Wo nur ist mein linksliberales Milieu hin verschwunden……

Heute begegnete mir mal wieder ein alter Bekannter aus dem früher offeneren links-grün-liberalem Milieu. Er…

Lesen Sie mehr:

Buer – Ein Beispiel der Stadtentwicklung im Ruhrgebiet

Vortrag von Prof. Dr. Stefan Goch, Institut für Stadtgeschichte, bei der Festveranstaltung der Stadt Gelsenkirchen…

Lesen Sie mehr:

Tristesse & Melancholie – Spaziergänge

Morgendliche Spaziergänge. Wer auf ein paar Jahre erlebtes Leben zurückgreifen kann, ist ja schnell verdächtig,…

Lesen Sie mehr:

Liebe CDU, beim ersten Mal tut es immer weh, oder?

Ich stehe nun kurz vor meinem ersten Mal. Meiner Entjungferung. Nicht dass ich Malte Stuckmann…

Lesen Sie mehr: