Der Spießbürger. Eine Rehabilitierung.

Bild: Jürgen Kramer

Der Begriff Spießbürger, heute zumeist in der Kurzform Spießer verwendet, ist eine negativ konnotierte Bezeichnung. Der Spießer steht für Engstirnigkeit, antiquiertes Denken, Ablehnung von Veränderungen und Fortschritt, Kleingeistigkeit, Befolgung von Regeln und Normen, ohne sie zu hinterfragen, und einen Horizont, der in allen Bereichen – vom Denken über die Kleidung bis zur Möblierung der Wohnung – die Bezeichnung „Horizont“ überhaupt nicht verdient. In der (künstlerisch-literarischen) Trias des 19. Jahrhunderts steht der Spießer mit beiden Beinen im Biedermeier und damit den Strömungen des Jungen Deutschland und des Vormärz konservativ-ablehnend gegenüber. Literarisch hat Heinrich Mann mit seinem Roman „Der Untertan“ dem Spießer ein Denkmal gesetzt und ihn als autoritätshörig, opportunistisch und konformistisch charakterisiert. Adorno hat ihn sozusagen als Prototypen der autoritären Persönlichkeit beschrieben. Und Herman Glaser hat den Erfolg von Hitlers „Mein Kampf“ darauf zurückgeführt, dass das Buch überhaupt nicht gelesen werden musste, weil es „Spießerlektüre“ war und all das aufwies, was die „Pandorabüchse kleinbürgerlicher Traktätchenverfasser bereithielt: abgründige Gemeinheiten, kleinbürgerlicher Wortquark, in schiefe Metaphern geschlagene Ressentiments, endlose Tiraden, rhetorisch aufgeschminkte Platitüden und eine penetrante `Kunstsinnigkeit`.“*

Das skizzierte Bild des Spießers hat sich verfestigt. Die Studenten, Hippies, Revolutionäre, APO-Sympathisanten der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts haben sich an diesem Bild gerieben und sich selbst als Gegenentwurf gesehen, als Sendboten des Richtigen im Falschen, als die Jüngerinnen und Jünger der Freiheit, der Lockerheit, der Offenheit und des Friedens. Und sind dabei doch letztlich nur selbst im kommerzialisierten Woodstock-Kitsch mit Schaffell-Mantel, lila Latzhose, Rasta-Frisur und John-Lennon-Brille angekommen. Der kreisende Joint hat dabei den Schoppen Spätlese der angeblich spießigen Elterngeneration (alle verkappte Nazis?) ersetzt. In Pluderhosen, Jesus-Latschen und Walle-Walle-Gewändern, aus denen der Geruch von Moschus-Parfüm und Duftkerzen mit Umbra-Veilchen-Note ekelhaft aufsteigend die Luft penetrierte, machten sie sich, dem äußeren Anschein nach schlurfend und mit der aufgesetzten Mine der Gleichgültigkeit, auf den Marsch durch die Institutionen, innerlich mit Biss und Zähigkeit das Ziel fixierend: am besten einen Job im Staatsdienst antreten oder irgendwas mit Medien oder ein politisches Amt erringen. Möglichst mit Versorgungsanspruch nach zwei Wahlperioden.

Was danach kam: Abklatsch! Ein Schrei nach Weltenerlösung – kurz: eine Attitüde! Die Kultivierung plakativer Illusionen und infantiler Ideologien, die Hybris vom Glauben daran, von Deutschland aus könne die Welt mal wieder gerettet werden.
Rave-Strudel mit Zukunftspanik (Waldsterben, Schweinepest, Vogelgrippe), Leben im Hotel Mama mit Klimanotstand, Freitags-Hüpfen, Kinderkreuzzug mit einer Kinderheiligen und danach Fast-Food-Futtern, ein wenig Influencen, You-Tuben, Instagrammen und Seeeeeeeelfies-Machen (kreisch!) Modernistischer Wegwerf-Müll ohne Fundament, Instant-Politik aus der 5-Minuten-Gedanken-Terrine, aneinandergeklebte Satzbausteine. Plattitüden, die aus Plattitüden gewonnen werden. Und die Generation der eigenen Eltern? Die sind keine Spießer! Aber allein deshalb nicht, weil uns das Wort nicht mehr bekannt ist. Die Eltern, die sind heute einfach nur MAXIMAL LOST- weil sie noch nicht das neue IPhone haben. Und nicht gendern. Oder nicht woke sind. Oder beides nicht! Oder Fleisch essen!
Aber am schlimmsten sind sie, wenn sie sich bei uns anbiedern und auch noch mithüpfen fürs Klima und weil sie ja schon immer sooooo alternativ waren! Und nach Erlösung gesucht haben! Aber immerhin: die Kreditkarte von Papi und Mami ist manchmal nützlich! Mal eben am Wochenende schnell nach Malle! Ist schon geil! Und abgesehen davon: Wichtiger als alles andere ist: Selbstoptimierung! Und einmal fünf Minuten weltberühmt sein! Der PLAYBOY hat für ein Nackt-Shooting angerufen! KRASS!
Und was die Politik angeht: Schwarze und weiße GIs haben uns von der Nationalsozialistischen Diktatur befreit, aber nun stellt sich heraus: Weiße sind Rassisten, ganz strukturell, weil sie weiß sind. Und deshalb führen wir als Antifa den Kampf gegen Rassismus und Faschismus weiter, denn je weiter der Faschismus, geschichtlich gesehen, zurück liegt, desto dringender und einfacher ist es, ihn zu bekämpfen. Wir krakeln mit Filzstift oder Sprühlack in schiefer Schrift „Antifa“ auf eine gepflegte Häuserwand oder an einen Laternenpfahl, und schon wächst in uns das Gefühl, zehn Nazis verkloppt und 100 Juden gerettet zu haben! Das gilt auch für den Kolonialismus. Eine Kolumbus-Statue besprüht – 100 Sklaven befreit! Und sowieso sind wir gegen Mohren-Eis. Auch wenn die Besitzerin des Ladens Mohr heißt. Mohr bleibt Mohr! Mohr geht eben nicht, zack! Was wir aber am besten können: Forderungen stellen, deren Kosten für die Umsetzung ANDERE tragen. Z.B. durch die höchsten Strompreise für eine Energiewende oder mehr Steuern für ein öffentlich finanziertes Mindesteinkommen!
Und wer sind die ANDEREN, die die Kosten tragen?

Das sind die Verachteten!

Also die Spießer!
Die Spießer gehen seit Jahrzehnten brav zu Arbeit, zahlen Steuern, sie trennen Müll und achten beim Einkauf auf den grünen Punkt, nicht aber auf das Grüne Wahlprogramm. Die Spießer pflegen ihren Vorgarten und Kontakt zu den Nachbarn. Sie zünden keine Autos an, bestenfalls den Grill im Garten. Sie besetzen keine Häuser, aber den ehrenamtlichen Posten des Kassierers im kleinen Fußballverein. Die Spießer haben während Corona die Ladenkassen bedient, die Regale aufgefüllt, die Pakete gebracht, die Kranken auf den Stationen rund um die Uhr versorgt, gepflegt, geheilt oder betrauert.

Kurz: sie haben das Land am Laufen gehalten!

Spießer parken nicht in der zweiten Reihe, holen sich den GELBEN JOKER nur, wenn sie wirklich krank sind. Geben ihr ehrlich verdientes Geld ehrlich aus! Gehen in Baumärkte und dämmen ihre Häuser oder reparieren ihre Laube selbst – weil sie es können und gut können!
Spießer fallen nicht auf, aber auch niemandem zur Last. Aber sie tragen gesellschaftliche Lasten! In Form von Steuern und Abgaben! Sie räumen den Schnee von der Straße! Sie gehen eher nicht zu Demonstrationen, weswegen sie als Hinterlassenschaft ihrer Gesinnungstat auch nicht die Straßen mit ihrem Müll verschönern!

Kurz: sie halten das Land am Laufen!

Und werden verkannt und sprachlich zum Gartenzwerg, hinter dem immer ein Nazi lauert, deformiert.
Aber im Grunde sind sie eine positive Spezies (gewesen).
Spießbürger waren ursprünglich, etwa ab dem 10. Jahrhundert, als Kaiser Heinrich I. Stadtgründungen vornahm, Stadtbewohner, die ihre Städte gegen Angriffe mit dem Spieß verteidigten. Zumeist waren sie eher ärmere Einwohner der Stadt, die um die Burg (Bürger-Burg) siedelten. Weil sie arm waren, konnten sie sich nur einen Spieß als Waffe leisten, keine Hellebarden. Und sie mussten selbst kämpfen, denn im Gegensatz zu den Reichen konnten sie sich nicht durch gekaufte Soldaten, also Söldner, vertreten lassen. Das galt durchaus als ehrenhaft – war positiv konnotiert. Erst im Laufe der Zeit, mit dem Vordringen der Kavallerie, verschob sich die Bedeutung des Wortes ins Negative. Die Reichen sahen auf die Spießbürger herab – metaphorisch und ganz konkret. Denn die Reichen saßen jetzt auf dem hohen Ross, und unter ihnen standen die, die sich wegen ihrer Armut Pferde nicht leisten konnten und deshalb laufen mussten. Die einst Ehrenhaften waren zum Objekt der Verspottung und Verachtung geworden. Die einst angesehenen Spießbürger waren nun zu Trägern eines Spottnamens geworden.

Vielleicht sollten sie doch einfach mal den gepflegten Vorgarten verlassen und die alten Spieße in die Hand nehmen! Damit man sich daran erinnert!

*Herman Glaser, Spießer-Ideologie. Von der Zerstörung des deutschen Geistes im 19. und 20. Jahrhundert und dem Aufstieg des Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 1985, S. 27 (Platitüden : alte Schreibweise im Original)

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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