Gottesdienst – oder … eine Zensur findet nicht statt

Heute bekam ich ein kleines, vergnügliches Filmchen von einer nach McPomm ausgewanderten Gelsenkirchenerin zugesandt. Sie klagte über eine gewisse Isolierung in der neuen Heimat, weil sie sich an die Corona Regeln halten würde und deshalb von den Ureinwohnern dort belächelt würde als „Hysterisch“. Wessi halt. Und sie wollte wissen, wie es in GE liefe.

„Alles bestens“ sagte ich. „Die Freiheitler, Partyszenler, Maskenverachtler, Gottesanbeter würden auch schon mal in andere Städte ausweichen, um starre Vorschriften biegsam zu umgehen. Wie es sich gehört, wäre GE diesmal nicht Rote Laterne, sondern vorderes Flutlicht auf der Corona Lokomotive“.

Ob ich denn auch schon einen Corona Koller hätte?

„Nein,“ sagte ich und überlegte, ob ich das kleine Filmchen veröffentlichen sollte, um Corona-Koller bei anderen abzuwehren. Der Inhalt des Films ist schnell erzählt. Verschneite Straße, vor dem Haus wurde ein Schneemann gebaut mit Möhrennase, Hut, Besen. Dazu ein im Nachrichtenstil vorgetragener Text, der berichtet, wie sich innerhalb von Minuten verschiedene Betroffenheitsgruppen über diesen Akt beschweren. Frauenrechtler beklagen die fehlende Schneefrau, kaum gebaut, beschwert sich eine Kindergärtnerin über die angedeuteten Brüste. Ein Schwuler fordert einen zweiten Schneemann, eine Veganerin beklagt die Verschwendung von Lebensmitteln, andere beschimpfen den Erbauer als Rassisten, weil der Schnee weiß ist, Fatma fordert ein Kopftuch für die Schneefrau. Die Polizei erscheint, das SEK erkennt im Besenstil eine Schlagwaffe, der IS bekennt sich zu dem Schneemann. Das Handy wird beschlagnahmt, der Schneemann Macher wird im Hubschrauber zum Generalbundesanwalt geflogen. Das Ordnungsamt erscheint und verhängt 1000 Euro Bußgeld, weil Schneemann und -Frau keine Maske tragen und der Mindestabstand nicht eingehalten wird.

Die dem Stenkelfeld Stil nachempfundene kleine Filmfigur wäre doch etwas Erheiterndes….. dachte ich und konnte noch in der allerletzten Sekunde den Druck auf die Enter Taste verhindern.

Was wäre, wenn der Film von der AfD oder Identitären käme? Dann würde mein Lachen und die Weitergabe doch endgültig beweisen, dass ich selber RassistFaschistSexistNaziGenderverachterEwiggestrigerWeißerAlterMann wäre. Wollte ich denn wirklich meine letzten spärlichen virtuellen sozialen Kontakte durch ein „besser einen guten Freund verlieren, als einen guten Witz“ aufs Spiel setzen?

Natürlich nicht. Auch ich brauche den Beifall von „Freunden“ und die „Likes“ und Bestätigungsdialoge. Wenn auch ein bisschen weniger als die aus öffentlichen Ämtern, Positionen, Funktionen heraus agierenden Menschen. Ich muss zum Glück nicht im S04 Dress aus meinem „Homeoffice“ ein „Daumen Hoch“ Selfie posten.

Am meisten beneide ich die Narzissten, die für das exzessive Ausleben ihrer Störung auch noch vom Steuerzahler belohnt werden. Kommunale PR-Agenten z.B., die anscheinend für jedes in sozialen Medien gepostetes Selfie 100 Euro Bonus bekommen.

Aber ich schweife ab.

Wie kann man politisch korrekt lachen, wenn Lachen immer nur durch Abgrenzung, Ausgrenzung, sich über etwas oder andere Erhebendes funktioniert?

Sollte eine gereifte, eine weise Gesellschaft deshalb nicht völlig auf das Lachen verzichten? Zumindest aber Satire, Ironie, Zynismus unter Strafe stellen? Wäre ein Amt für freiwillige Selbstkontrolle für Lachhaftes eine Lösung?

Fragen über Fragen.

Stritt und erregte man sich in meiner Jugendzeit z.B. noch darüber, ob der Mescalero Text (Erster Teil) über die „klammheimliche Freude“ ethisch, moralisch, politisch vertretbar oder zu verachten wäre, geht es heute humorlos ausschließlich nur noch um die Besitzstandswahrung zersplitterter, atomisierter Gruppen ohne irgendein erkennbares übergeordnetes gemeinsames gesellschaftliches Interesse.

Gut dass es hier schon seit vielen Jahren nicht mehr so stark schneit, dass ich einen Schneemann bauen könnte.

 

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Heinz Niski

Handwerker, Rentner,

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