Mein Kontakt-Tagebuch und ich. Ein Brief an Herrn Prof. Christian Drosten!

Sehr geehrter Herr Prof. Drosten!

Sie haben vor einiger Zeit den Vorschlag gemacht, dass jeder ein Kontakt-Tagebuch führen soll, damit eine mögliche Infektionskette leichter zurückzuverfolgen ist. Denn oft wisse man ja schon nach ein paar Tagen nicht mehr, zu wem man Kontakt gehabt habe.

Zunächst mal: Das stimmt!

Ich musste leider feststellen, dass ich schon nach ein oder zwei Tagen nicht mehr weiß, wen ich so alles getroffen habe. Mal ganz abgesehen davon, dass ich manchmal Leute treffe, von denen ich mit Sicherheit weiß, dass ich sogar mal ihren Namen wusste. Aber dann merke ich auf einmal, dass ich den  Namen vergessen habe. Und das ist mir aber sowas von schrecklich peinlich, wenn ich sagen muss: „Du, hör mal, äh ich, also. Wie heißt du noch mal?“ Und der dann antwortet: „Seit wann duzen wir uns?“

Noch problematischer ist es allerdings, wenn man auf Leute trifft, deren Namen man  nicht kennt – also etwa beim Einkaufen. Schon alleine die  Leute, die vor einem an der ALDI-Kasse stehen. Das ist eine Herkules-Aufgabe, die nach ihrem Namen zu fragen. Vor allem, weil ich die Namen notieren muss. Damit ich sie nicht vergesse, bis ich wieder zu Hause bin. Zum Beispiel gestern!

Ich fange freundlich mit meiner Befragung an – Name, Adresse, Telefonnummer. „Könnten Sie mir wohl, also wegen meines Corona-Tagebuchs, Infektionskette und so, Sie wissen schon, und so weiter!“

Ich dachte: Ich glaub es nicht. Eine Alte, also eine alte Dame, schaut mich prüfend an: „Ist das jetzt dieser Enkel-Trick, den Sie da ausprobieren? Nee, ich gebe Ihnen doch nicht meine Adresse, und dann komme ich nach Hause und meine Sammlung Fingerhüte berühmter Porzellan-Manufakturen ist weg. Mit mir nicht!“ Dreht sich um und stampft an die andere Kasse, von wo aus sie mir böse Blicke zuwirft.

Dann die drei Männer. Ich habe noch gar nicht angefangen zu fragen, da raunzt mich der erste an: „Zisch ab, Mann. Sonst kannst du deine Kutteln gleich vom Boden aufsammeln.“ Und der zweite Typ nickt im Takt mit dem dritten. „Genau,  Alder, also, ab dafür!“ Da bin ich dann weiter vorgerückt bis zu einem jungen Mann. Den habe ich während des Wahlkampfes mal am Stand der hiesigen GRÜNEN gesehen und mit ihm diskutiert. Aber der sagt mir, er hätte Kontaktverbot mit mir und dürfte nicht mehr mit mir sprechen. Und wenn er das tun würde, wäre seine Chance auf einen aussichtsreichen Listenplatz versaut, denn es gäbe so etwas wie Kontaktschuld.  Zwei Frauen haben den Grünen daraufhin einen „prüden Spießer“ genannt und  mir sofort ihre Telefonnummern mit den Worten „Ruf mich an!“ gegeben. Die standen auf Zetteln, die sie sehr, sehr  langsam aus ihren sehr,sehr  tiefen Dekolletés gezogen haben. Und dann meinten sie noch,  Kontakte wären doch gerade jetzt in der Corona-Zeit so wichtig, damit man nicht vereinsamt, und ich könnte bei ihnen auch mit Karte bezahlen.

Richtig Stress gab es,  als ich  endlich bei der Kassiererin angekommen war:  Sachen aufs Band legen, danach in den Einkaufswagen packen, bezahlen und noch den Namen aufschreiben – nahezu unmöglich! Die Frau an der Kasse hatte sogar ein Namensschild an ihrer Dienstbluse. Aber nicht, dass Sie jetzt meinen, da wäre das Aufschreiben doch einfach. Von wegen! Das war so ein Name mit fünf oder sechs c, z, k, r hintereinander – ohne einen Vokal. Und da bin ich etwas hektisch geworden, und die Mine vom Bleistift ist mir abgebrochen, und da ging gar nichts mehr. Außer dass das Geschrei losging: „Mach voran, du Lurch! Du bist so lost! Verzieh dich, Fuzzi!“ Nur eine von den beiden Frauen rief dazwischen: „Ach, ist der Opa süß! Du bekommst Rabatt!“

Bevor ich überhaupt so etwas wie „Entschuldigung, bitte!“ sagen konnte, stand auch schon so ein Door-Mann in schwarzer Kampfmontur neben mir und sagte mit einem Hyänen-Grinsen: „Wenn Sie jetzt bitte den Kassenbereich freigeben und das Geschäft verlassen würden!“ Es klang aber eher wie: „Wenn du nicht bei drei draußen bist, lass ich dir die Luft raus!“

Und nach dieser freundlichen Aufforderung habe ich mich nicht erst zweimal bitten lassen! Als ich schließlich  zuhause meine Notizen in mein Tagebuch übertragen wollte, habe ich  gemerkt, dass ich wohl  vor lauter Aufregung die Zettel mit den Kontaktdaten im Laden verloren habe. Was natürlich schade ist, besonders wegen der Rufnummern der beiden Frauen!

Also, was ich nur sagen wollte, Herr Prof. Drosten: Ihr Vorschlag ist sicher gut gemeint. Aber gut gemeint ist noch nicht gut gemacht! Vielleicht haben Sie das aber schon selbst gemerkt, denn Sie sehen manchmal bei Ihren Auftritten im Fernsehen so müde und traurig aus!

Mit freundlichen Grüßen

Bernd Matzkowski

PS: Falls ich den Zettel doch noch finde – soll ich Ihnen die Telefonnummern von den beiden Frauen schicken? Deren Dekolletés waren … , also die beiden Frauen waren  wirklich sehr, sehr … nett!

 

Zum Kontakt-Tagebuch-Vorschlag von Prof. Drosten siehe etwa hier: https://www.stern.de/gesundheit/coronavirus–christian-drosten-empfiehlt-fuehren-eines-kontakttagebuchs-9452628.html

 

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

5 Gedanken zu „Mein Kontakt-Tagebuch und ich. Ein Brief an Herrn Prof. Christian Drosten!

  • 17. Oktober 2020 um 19:02
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    Hmmm… ich werde den Verdacht nicht los, dass sich hier hinter der Kunstgattung „Karikatur / Glosse“ schlicht sexistische Gier versteckt. Also dass der Corona Stress dazu benutzt wird, niedere Instinkte auszuleben und das Publikum mit den Defiziten des Autors zu behelligen. Anders gesagt: Kund*I*nnen bei Aldi auf käufliche Lustobjekte zu reduzieren, kann nur der verdrehten Fantasie eines DirtyOldWhiteMan (DOWM) entspringen. Ich habe oft, sehr oft in einer Kassenschlange bei Aldi gestanden, noch nie wurde mir dort ein Kontakt-Dekolleté angeboten.
    Da kann ich gut den grünen jungen Mann verstehen, der nicht mit so was angesteckt werden will und Abstand hält.

    Ich schaue mir jetzt erst einmal Borat an, der ist politisch ausgewogen, korrekt und ohne Fehl und Tadel.

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  • 18. Oktober 2020 um 21:45
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    Ich fand’s sehr lustig und auch treffend.

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  • 21. Oktober 2020 um 11:45
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    Also ich verstehe nicht, was daran so schwer ist das Kontakttagebuch zu führen. – Tante Erikas Geburtstag, Kaffeetrinken mit den Jungs vom Kegeln (Heiner war nicht da), Kicken mit der Kindergruppe: Mohammed,Lisa und Paul außerdem die Nachbarkids.
    Zack feddich. Jeden Tag 2 Minuten Nachdenken und aufschreiben. Die Kontakte im Aldi vermeiden durch Abstand und Maske.

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  • 22. Oktober 2020 um 10:17
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    „Man kann sich jeden Abend zum Beispiel ins Smartphone, in den Notizblock oder auch auf irgendeinen Papierzettel schreiben, wo war ich heute, wo es mir eigentlich nicht ganz geheuer war“, erklärte Drosten im NDR die Idee dahinter. „Also: War ich heute in einer Situation, da hatte ich das Gefühl, hier sind eigentlich zu viele Leute in einem geschlossenen Raum zusammen, zu eng beieinander, auch wenn die meisten Maske getragen haben?“

    Jetzt aber mal ehrlich! Wo lebt dieser Drosten denn? Bestimmt irgendwo in Potsdam, vielleicht direkt neben Günther Jauch. Und von da fährt der in seiner Limousine zu seiner Charité , die sicher in irgendeinem Berliner Nobelviertel wohnt, und der Herr Professor entspannt sich mit der. Da soll er mal nach Gelsenkirchen kommen und durch den Bahnhof und über die Bahnhofstraße gehen! Dann hat er schon mal was aufzuschreiben, wo es ihm „nicht ganz geheuer“ war. Und danach mal rein zu ACTION im Bahnhofscenter oder KIK oder TEDI! Da trifft er dann „viele Leute in einem geschlossenen Raum“, kann aber froh sein, dass er wegen der Masken die Gesichter nicht sieht!

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    • 22. Oktober 2020 um 10:27
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      sag mal, hast du eigentlich Lack gesoffen? Etwas qualifizierteres fällt mir dazu auch nicht mehr ein.

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