HANNAH  ARENDT: Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum

Vom Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher (H. Arendt)

In einer großen Ausstellung würdigt das Deutsche Historische Museum ab dem 11.Mai das Werk Hannah Arendts und lässt, durch die Präsentation ganz persönlicher Gegenstände der Soziologin und Philosophin, auch einen durchaus subjektiven Blick  auf den Menschen Hannah Arendt zu. Diese lehnte (im Gespräch mit G.Gaus) übrigens für ihre wissenschaftliche Tätigkeit die Bezeichnung „Philosophie“ ab und wollte sie durch den Begriff „politische Theorie“ ersetzt wissen.

Hannah Arendt (1906 in der Nähe von Hannover geboren, 1975 in New York gestorben) , eindrucksvoll in Gestalt und Stimme, leidenschaftliche Raucherin, ins US-amerikanische Exil rechtzeitig dem Holocaust entflohen, von den Nationalsozialisten 1937 ausgebürgert, ab 1951 Staatsbürgerin der USA, kehrte nach dem Krieg häufig in ihre vormalige Heimat zurück und griff in die gesellschaftlichen Debatten ihrer Zeit ein. Sie war, wie konnte es anders sein, eine scharfe Beobachterin der Nachkriegsentwicklung in Deutschland und der hier fehlenden Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur. Sie begleitete kritisch die Gründung und Entwicklung Israels und wurde zu einer Kritikerin des Zionismus.

Bekannt wurde sie in den 50er Jahren durch ihr politisches Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft“. Aber schlagartig berühmt wurde sie als Beobachterin des Eichmann-Prozesses in Jerusalem (1961). Sie war nicht nur (als Reporterin für die amerikanische Zeitschrift „The New Yorker“) im Gerichtsaal anwesend, sondern hat auch die Verhörprotokolle studiert. Ihr Urteil über Eichmann mündete in der Formulierung von der „Banalität des Bösen“. Diese Begrifflichkeit sollte dazu dienen, der NS-Herrschaft das „Dämonische“ zu nehmen. Die Beschreibung des Nazitums bzw. seiner Führer als „Dämonen“ ermöglichte es bis dahin nämlich vielen Tätern und „Mitläufern“ sowie großen Teilen der deutschen Bevölkerung,   ihre eigene Verantwortung hinter dem „Dämonenhaften“ der Nazis zu verbergen. Arendt aber machte – am Beispiel Eichmanns –  klar, dass die Täter ganz normale Menschen (wie du und ich) waren, die den Massenmord als bürokratischen Akt exekutierten und nichts Dämonisches an sich hatten.

Einen durchaus kritischen Blick warf Arendt auf die „Judenräte“ in den Konzentrationslager, die mit den Lagerleitungen kooperierten, etwa dadurch, dass sie die Listen mit den Namen derjenigen Juden aufstellten, die in die Gaskammern der Vernichtungslager  kamen. Dass hier eine Jüdin kritische Anmerkungen, allerdings auch voller Trauer und Entsetzen, über die Opfer des Holocaust machte, stieß , was nachvollziehbar ist, nicht unbedingt auf Gegenliebe, war es doch, wie ihre These von der „Banalität des Bösen“,  in dieser Zeit ein Tabubruch.

Auf der Seite der Bundesregierung heißt es zur Ausstellung:

Hannah Arendt beschwor die Bedeutung eines eigenständigen Urteilsvermögens. Sie forderte ein „Denken ohne Geländer“, um gegen Wiederholungen der Geschichte gewappnet zu sein. Ihre scharfsinnigen Einsichten und selbst ihre Irrtürmer ermutigen auch heute, neue Perspektiven einzunehmen.

Hinweise:

A. Buch: Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft; Piper Verlag, 1015 Seiten

B. Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus

(eine heute in dieser Form kaum noch denkbare Gesprächssituation; Länge 1 Std., 12 Minuten)

 

C. Hannah Arendt, Spielfilm mit Barbara Sukowa als Hannah Arendt

D. Ankündigung: Deutsches Historisches Museum (Berlin)

Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert

Das 20. Jahrhundert sei ohne Hannah Arendt gar nicht zu verstehen, meinte der Schriftsteller Amos Elon. Arendt prägte maßgeblich zwei für die Beschreibung dieses Jahrhunderts zentrale Begriffe: „Totale Herrschaft“ und „Banalität des Bösen“. Dabei blieben ihre Urteile selten unwidersprochen.

Die Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ ermöglicht es, einem subjektiven Blick auf das 20. Jahrhundert zu folgen und ein Leben – und Werk – kennenzulernen, in dem sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt: Totalitarismus, Antisemitismus, die Lage von Flüchtlingen, der Eichmann-Prozess, der Zionismus, das politische System und die Rassentrennung in den USA, Studentenproteste und Feminismus. Zu all diesen Themen äußerte Arendt dezidierte Meinungen und Urteile, die noch heute voller Sprengkraft sind.

Angesichts einer wachsenden Pluralisierung unserer Lebenswelten, eines beschleunigten Wertewandels und eines darauf reagierenden Bedürfnisses nach populistischen Lösungen nimmt die Ausstellung die Ausbildung der Urteilskraft in den Blick.

(Quelle: Deutsches Historisches Museum: ttps://www.dhm.de/ausstellungen/hannah-arendt-und-das-20-jahrhundert.html)

 

Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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