Über den intellektuellen Somnambulismus

Ein Aufweckversuch

Beim Schlafwandeln passiert, kurz und vereinfacht gesagt, in etwa Folgendes: Der Schlafprozess wird unterbrochen, wobei die Gehirnareale, die für Bewegungsabläufe verantwortlich zeichnen, aktiv werden, also erwachen. Und mit ihnen der Schlafwandler. Dabei bleiben andere Teile des Gehirns ausgeschaltet. Der Schlafwandler kann herumlaufen, ist aber nicht ansprechbar. Wobei der Somnambule sich – in den meisten Fällen –  nur geradeaus, in eine Richtung also, bewegen kann und dabei die äußere Welt nicht erfasst. Daraus resultiert die Gefahr, etwa vor eine begrenzende Wand zu laufen oder eine Treppe herabzustürzen.

Bei der Lektüre des einen oder anderen Kommentars zu Beiträgen in diesem Magazin habe ich immer wieder den Eindruck, dass es auch so etwas wie einen intellektuellen Somnambulismus gibt, ein geistiges Geradeauslaufen, ohne die äußere Welt wahrzunehmen, geschweige denn, sie zu erfassen. Wobei es einen wesentlichen Unterschied gibt zum dem Reich der Schlafstörungen zugehörenden Somnambulismus: Ist nämlich dieser zumeist von kurzer Dauer, also wenige Minuten bis zu einer Stunde lang, hat sich der intellektuelle Somnambulismus als Denkmuster entwickelt und sich zu einer starren Geisteshaltung – mit Betonung auf „Haltung“ – verfestigt. Aus dieser Haltung heraus wird schon allein der Verweis auf die Wirklichkeit oder die Benennung von Elementen aus dieser zu einer Wand, vor die der Somnambule läuft und deren Anwesenheit ihm dann Schmerzen bereitet. Verantwortlich für diese Schmerzen ist aber, seiner Auffassung nach, nicht seine eingeschränkte Wahrnehmung, denn die geistigen Areale zur Erfassung der äußeren Welt sind ja nicht eingeschaltet, sondern die Wand bzw. derjenige, der auf die Wand hingewiesen hat.

Beispielhaft sei einmal auf den Beitrag von Heinz Niski mit dem Titel „Nein, wir warten nicht mehr auf dem Bahnsteig….“ verwiesen. Der Autor macht sich hier über Revolutionsphrasen und Revolutionsansprüche aus dem linken (links-alternativen, anarchistischen oder wie auch immer) Milieu lustig und nimmt dieses Milieu auf die Schippe. Dies tut er, indem er auf Verstöße gegen Gesetze, Gebote – kurz: Recht und Ordnung – durch Clanmitglieder, Personen aus der Gruppe der Migranten sowie durch einzelne Familien (Beispiel Grevenbroich) verweist (verlinkte Zeitungsmeldungen). Die in den Zeitungsartikeln geschilderten Vorgänge bezeichnet er dann, grotesk zugespitzt, als aktuelle Erfüllung der „linken“ (deutschen) Revolutionsphantasien, in etwa unter dem Motto: Die Einen lösen jetzt ein, über was die Anderen nur geschwafelt haben. Als Zitat aus dem Text:

Gut dass damit nun Schluss ist und die gewisse Steifigkeit des Korrekten abgelöst wurde durch die überbordende Lebenslust der heutigen Deutschen-Generation. Schritt für Schritt räumen wir die alten Vorurteile auf, wir werfen Münzen in die Luft und was in der Luft bleibt bekommt der Staat. Wir sehen Regeln und Gesetze allenfalls noch als Kann- nicht als Muss-Vorschrift.“

Die Stoßrichtung des Artikels zeigt auf, dass einige Bevölkerungsgruppen Recht und Gesetz, Ordnungsorgane und bestimmte Benimm- oder Anstandsregeln nicht achten oder beachten.

Was kommt als – nahezu reflexartige –  Reaktion? Der Vorwurf des Rassismus, später noch als weitere Reaktion der Hinweis Rassist bliebe Rassist und es handele sich hier um eine Ideologie, die typisch sei für „alte weiße Männer“. Eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, so wie sie die Zeitungsartikel ausschnitthaft zeigen, findet nicht statt. Ebenso nicht mit dem satirischen Grundton des Artikels. Aber die Nicht-Auseinandersetzung (!!!)  ist schon ausreichend genug, um den Autor des HerrKules-Artikels  als „Rassisten“ abzustempeln.

Nun geht es mir nicht darum, den Kommentator als geistigen Tiefflieger zu denunzieren, dem offensichtlich nicht auffällt, dass seine Typisierung (alte weiße Männer) nichts anderes ist als eine stereotype gruppenspezifische Diskriminierung. Übrigens ein Element unter anderen, das neuere Definitionen von „Rassismus“, die den Begriff  nicht ausschließlich biologisch oder anthropologisch auffassen, als ein Kennzeichen für Rassismus benennen. Sondern es geht hier um die grundlegende Haltung. Der Kritiker sieht sich selbst offensichtlich als Anti-Rassist. Er teilt die Welt dichotomisch in Rassisten und Anti-Rassisten ein, was einhergeht mit der Verteilung von Etiketten wie „gut“ und „böse“, wobei die Zuordnung natürlich klar ist. Die tatsächlichen (oder vermeintlichen) Opfer von Rassismus spielen übrigens in der dichotomen Welt unseres „Anti-Rassisten“ letztlich keine Rolle, ihr Verhalten, ihre Taten, ihr Leben, ihre Kultur und die daraus erwachsenden Einstellungen interessieren ihn nicht wirklich, da die „Opfer“ nur Projektionsflächen seiner korrekten Gesinnung und noch korrekteren Haltung sind, also letztlich Objekte!

Was der Kritiker hier abfeiert ist, um Matthias Matussek (White Rabbit)  zu zitieren, die „Liturgie des Antifaschismus“. Es geht also um den Vollzug eines Rituals, den Prozess eines Labelings, das den Kritiker das Artikels den „Gerechten“ zuordnet, den Verfasser des Beitrags aber den „Ungerechten“, den Tätern – von Ku-Klux-Klan bis NSDAP und SS.  Was das Weltbild des Kritikers stört, wird aussortiert, damit es nicht zur Kenntnis genommen werden muss. Der Schlafwandler, um den Anfang meines Beitrags aufzugreifen, kann die Wand – oder den Elefanten im Raum – nicht sehen, weil er nur eine Wegrichtung kennt; und der Mensch mit der richtigen und gerechten Haltung will den Elefanten und die Wand auch nicht sehen, weil er die Dissonanz zwischen seinem Bild von der Welt und der „Welt da draußen“ nicht ertragen kann, weshalb er (nach der Seeking-and-Avoiding-Hypothese) versucht, dissonante Informationen zu vermeiden. Darum kommt es zur selektiven Wahrnehmung von Informationen.

Wäre dieses Muster nur bei dem xxxxxx-Kritiker des Artikels zu finden, wäre es nicht dieses Beitrags wert. Aber dieser Kritiker ist geradezu ein Musterbeispiel für die Strömung des gesellschaftlichen Schlafwandels, wie sie seit geraumer Zeit bis heute existiert – bis in die Redaktionsstuben von Fernsehen, Rundfunk und Printmedien hinein! Wobei sich die geschicktesten Schlafwandler heute besonders gerne als Fakten-Checker gerieren!

Man wird dieses Muster auch in zwei politischen Bereichen wiederfinden, die die letzten Jahre bestimmt haben, nämlich in Bezug auf den Kinderkreuzzug zum Klimawandel und das in diesem Zusammenhang entwickelte Framing, das z.B., wie in religiösen Sekten, Untergangsszenarien, Heilsversprechungen, Heilige und Ketzer hervorgebracht hat. Das zweite Feld ist natürlich die Inthronisierung der Willkommenskultur im Zuge der Staatskrise von 2015/16. In beiden genannten politischen Feldern sind die Rollen verteilt, sind die Guten und die Bösen eingeteilt, sind Zwischentöne kaum erwünscht, gilt nur das biblische  „Eure Rede aber sei; Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel“ (Matthäus 5/37, Lutherbibel 1912). Oder etwas anders formuliert: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!

Hier zeigt sich ein Denk- und Argumentationsmuster, das die Soziologin Cornelia Koppetsch in ihrer Studie zum Rechtspopulismus mit dem Titel „Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“  als die gegenwärtige Form des „Kosmopolitismus“ im linken Milieu bezeichnet. Als den Kosmopolitismus eines „selbstvergessenen urbanen Bürgertums“, der nicht durch Weltläufigkeit und Internationalität gekennzeichnet ist, sondern durch eine nur scheinbare Toleranz, die „bei ausbleibendem Konsens sofort in Denunziation umschlagen kann“. (Sara Rukay, Die Moral der Diskurswächter).

Dass die Diskurswächter in ihrer somnambulen Auffassung von der Welt genau das befördern, was sie zu bekämpfen meinen, nämlich den Aufstieg rechter Gedanken, weil ihr Erklärungsentwurf für die Welt den hermetischen Block rechten Gedankenguts nicht erreichen kann, weil sie den Suppentellerrand ihres Milieus, das sie mit der Welt gleichsetzen, nicht überschreiten, sondern sich mit Denunziation begnügen, nehmen sie natürlich nicht wahr, so wie der Somnambule eben auch eine Ansprache nicht wahrnimmt.

Zudem ist es so, dass sie sich – von der Struktur des Denkens her betrachtet – mit den „Rechten“ hier sogar treffen. Sind die einen die weißen Tasten des Klaviers, so sind die anderen die schwarzen Tasten. Beide halten sich aber für das komplette Klavier. Was den einen der „Klassenkampf“, die „Gendergerechtigkeit“, die „Nachhaltigkeit“ der „Antifaschismus“ ist, ist für die anderen die „Nation“, das „Volk“, die „Identität“, Begriffe, die als intellektuelle  Schlafwandelzonen fungieren, in ihrer Absolutheit aber nicht geeignet sind, die Wirklichkeit zu erfassen, ihren Verwendern jedoch Stabilität gewähren, weil sie ihren Denk- und Sprachraum begrenzen und ihn gleichzeitig wie Schaumstoffpolster abfedern, damit man sich nicht an den Wänden stoßen kann.

Allerdings ist es so, dass die intellektuellen Somnambulen, die heutigen „Kosmopoliten“ des juste milieu, den öffentlichen Diskurs in weiten Teilen bestimmen und ihre Echokammern Verstärkerfunktion haben. Vor allem, weil ihre Vertreter weite Teile der Mainstream-Medien beherrschen, an den Schaltstellen der Parteien von CDU/CSU, SPD und FDP bis zu den Grünen und Linken sitzen und  NGOs und Kirchen als Transmissionsriemen haben. Da ist man durchaus in der Lage, um Schiller vom Kopf auf die Füße zu stellen, gärendes Drachengift in die Milch der frommen Denkungsart zu verwandeln.

Und wer diese Milch nicht trinken will, wer also nicht für das  (vermeintlich) Richtige ist, der wird ganz schnell „entlarvt“, der sieht sich eingeordnet in die Reihe der Klimaleugner, der Ausländerfeinde, der Rassisten, der „alten weißen Männer“. Und wenn das noch nicht reicht: in die Reihe der Nazis!

Das erspart jede weitere Auseinandersetzung, denn wo der Affekt herrscht, hat die ratio verloren!

Und mehr „schlecht“ für den anderen  und gleichzeitig mehr „gut“  für sich selbst geht nicht!

Und man will ja schließlich, Jahrzehnte nach der nationalsozialistischen Diktatur des Hitler-Faschismus, auf der richtigen Seite stehen! Jedenfalls diesmal!

Oder etwa nicht?

Nahezu prophetisch hat Franz Werfel bereits 1946 geschrieben:

 

„Zwischen Weltkrieg Zwei und Drei drängten sich die Deutschen an die Spitze der Humanität und Allgüte. Der Gebrauch des Wortes ›Humanitätsduselei‹ kostete achtundvierzig Stunden Arrest oder eine entsprechend hohe Geldsumme. Die meisten der Deutschen nahmen auch, was sie unter Humanität und Güte verstanden, äußerst ernst. Sie hatten doch seit Jahrhunderten danach gelechzt, beliebt zu sein. Humanität und Güte erschien ihnen jetzt der beste Weg zu diesem Ziel. Sie fanden ihn sogar weit bequemer als Heroismus und Rassenlehre. […] Sie waren die Erfinder der undankbaren Ethik der ›selbstlosen Zudringlichkeit‹. Zur Erholung hielten die Gebildeten unter den Heinzelmännchen philosophische Vorträge an Volkshochschulen, in protestantischen Kirchen und sogar in Reformsynagogen, wobei ihr eintöniges Thema stets der brüderlichen Pflicht des Menschen gewidmet war. Ohne Pflicht ging’s nicht, wie ja die deutsche Grundauffassung vom Leben in der ›Anbetung des Unangenehmen‹ bestand. Sie waren, mit einem Wort, echte Schafe im Schafspelz.“

Franz Werfel,  Stern der Ungeborenen, 1946 (Neuntes Kapitel)

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

20 Gedanken zu „Über den intellektuellen Somnambulismus

  • 4. Mai 2020 um 8:04
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    Wer ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein

    Obwohl meine politische Sozialisation eher aus der Lehrlingsbewegung kommt, die kulturelle nur teilweise aus der Studentenbewegung, gehöre auch ich ungewollt zu den Wegbereitern des „unternehmerischen Selbst“ mit den Idealen „Freiheit, Kreativität, Eigenverantwortung, Emanzipation, Autonomie“ und habe in den 70zigern hochnäsig auf den SPD Arbeiter-Hinterzimmer-Kungelkult herab gesehen.

    Und dabei übersehen, dass auch Menschen ein Recht auf Identität und Heimat haben, die sich selber nicht ständig neu erfinden können und wollen. Der Treppenwitz der Geschichte ist, dass vor allem SPD und Grüne diese Menschen heimatlos gemacht haben und nun Anklage erheben und mit dem Finger auf ihre (ehemalige) Zielgruppe zeigen, weil die AfD wählen.

    Heimat wurde durch Identität(en) ersetzt, symbolpolitische Themen (Gender, Klima etc.) lösten soziale und/oder ökonomische Themen ab. Dieses permanent sich selbst optimierenden Milieu bildet nun die städtische Zivilgesellschaft, die Selfies in Fotoform oder als Kurzaphorismen mit sozialer Interaktion verwechseln und verschwenderisch mit der neuen Währung der „likes“ und „hates“ umgehen. Wer dazu gehören will, muss gegendert sprechen, an den richtigen Stellen in der richtigen Seilschaft eingebunden sein.

    Wer auf Widersprüche hinweist, stellt sich selbst ins Abseits. Das war schon immer so.

    Und der bekommt natürlich den Zorn und Haß der selbstgerechten Selbstdarsteller ab, die irgendwo tief drinnen wissen, dass da ja irgendwas dran sein könnte……..

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  • 6. Mai 2020 um 21:04
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    Mal ein Hinweis eines alten, weißen verstrickten aber nicht strickenden, weißen Mannes für alte weiße Männer. Die Toten Hosen konnten das irgendwie kürzer: https://www.youtube.com/watch?v=22SiW9bFzsg

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    • 7. Mai 2020 um 8:01
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      Die Aufforderung der Herren Kules, statt über die Niveaulosigkeit der WAZ zu klagen, besser einen Artikel über die wirtschaftlichen Verflechtungen des Funke Konzerns zu schreiben, war ein Fehler.

      Der Hinweis, dass niemand im Leben immer den eigenen Ansprüchen gerecht werden kann, sollte aber dennoch nicht zu so etwas wie einer Dauerkränkung führen.

      Korrekt beobachtet hast du Kürze und Länge. Die Toten Hosen brauchen 2:40 Minuten, die Lesezeit des Artikels liegt bei ungefähr 5 Minuten.

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  • 6. Mai 2020 um 21:05
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    Ach ja, gibt es auch in ruhiger, so für alte Männer eben: https://www.youtube.com/watch?v=vYgcwZGJIV0

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  • 6. Mai 2020 um 21:05
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    Und damit ihr auch noch was für einen Verriss habt, noch das. Schön laut aufdrehen, dann knallt das Schlagzeug schön, und das Hörgerät kann aus bleiben. Spreche aus Erfahrung: https://www.youtube.com/watch?v=vFhh_87o-rA

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  • 7. Mai 2020 um 9:45
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    „Das erspart jede weitere Auseinandersetzung, denn wo der Affekt herrscht, hat die ratio verloren!“
    So habe ich es in obigem Artikel an einer Stelle formuliert. Statt inhaltlicher Auseinandersetzung (ratio) kommen aber nette Verweise auf einer anderen Ebene, hinter denen so etwa wie Kränkungsgefühl (man hat mich in meiner Integrität beleidigt) aufscheint, also Affekt statt ratio.Hier (im HerrKules) hätte der Kritiker die Möglichkeit in gleichem Umfang (oder länger als der Ausgangsartikel) seine Position darzulegen, um eine Debatte zu eröffnen, eigentlich ja der angesagte (politische/wissenschaftliche) Weg der Erkenntnis. Das dies nicht geschieht, sehe ich aber nicht als individuelle Schwäche, sondern genau als Ausdruck jenes gesellschaftlichen Zustandes und jener Diskursvermeidungsstrategie, die zu umreißen und zu beschreiben ich versucht habe!

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  • 7. Mai 2020 um 12:05
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    Schade, dass mein augenzwinkender Hinweis und meine ironische Selbstverhaftung als alter, weißer Mann, der ich unzweifelhaft bin, so missverstanden werden können. Wollte ich doch nur darauf hinweisen, dass die Toten Hosen die eine oder andere (und eigentlich so gar nicht erstaunliche Erkenntnis) schon vor geraumer Zeit hatten, diese aber in ihrer ureigenen Form ausdrückten.
    Manchmal ist es auch die Art und Weise mit der man die weitere Auseinandersetzung sucht (bzw. so wie es empfunden wird), die den Affekt auslöst, so dass (scheinbar) die Ratio verloren hat.
    Es ist gut und wichtig mit Mythen, Unwahrheiten, Halbheiten aufzuräumen, scheinbare Gewissheiten als solche zu erkennen. Man muss dabei nicht jedes Geländer (Haltung) aufgeben, aber immer wieder hinterfragen und trotzdem Kurs halten. Und es ist auch nicht verkehrt, dabei seinem Gegenüber noch ein wenig Luft zum Atmen zu lassen und ihm nicht mit wohlfeilen Worten das Gefühl zu geben, der letzte Idiot zu sein. Haben die Hosen gut gemacht, finde ich.
    Und „Ertrinken“ von den Hosen? War ein Zufallsfund. Einfach ein guter Song, wie ich finde und durchaus auch mit Stoff zum Nachdenken. Und, wie gesagt; schön laut zu hören.

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  • 7. Mai 2020 um 15:24
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    „Man muss dabei nicht jedes Geländer (Haltung) aufgeben, aber immer wieder hinterfragen und trotzdem Kurs halten. Und es ist auch nicht verkehrt, dabei seinem Gegenüber noch ein wenig Luft zum Atmen zu lassen und ihm nicht mit wohlfeilen Worten das Gefühl zu geben, der letzte Idiot zu sein.“

    Denken ohne Geländer (im Grunde das Kantsche „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“) heißt nicht, im Relativismus (oder sogar) Nihilismus zu versinken, sondern offen zu sein für andere Sichtweisen, ist aber auch nicht zu verwechseln mit „Haltung“. Denn – aus meiner Sicht- verhindert die (vermeintlich) richtige Haltung häufig das Aushalten von Widersprüchen und unterschiedlichen Gedanken und findet Ausdruck in einer fest gefügten monolithischen Sichtweise auf die Welt, wie wir sie in Ideologien der Geschichte und Gegenwart vorfinden. Die Mitglieder der MLPD haben eine Haltung und ein Geländer (Weltanschauung)! Die Pharisäer und Schriftgelehrten hatten eine Haltung und ein Geländer, deswegen war ihnen der Prophet Jesus ein Dorn im Auge. So ging es Luther mit der damaligen Amtskirche und dem guten Galileo mit den Wissenschaftlern und der Kirche seiner Zeit. Er hielt sich nicht am Dogma, also am Geländer, fest, sondern schaute durch das Fernrohr auf den Mond und – änderte das Weltbild seiner Zeit! (The proof of the pudding is the eating!)
    Mit dem Kurs, dieser alten Seefahrer-Metapher (sehr beliebt übrigens bei Erich Honecker in seinen Reden), ist das so eine Sache, jedenfalls politisch. Aber bleiben wir bei der Seefahrt: Hätte es nicht (willentlich oder unabsichtlich) Kursveränderungen und Abweichungen vom Kurs gegeben, wären heute ganze Regionen oder Kontinente noch unentdeckt. Man kann ja den Seeweg nach Indien suchen, aber der Kurs führt einen zu einem anderen Kontinent, auf dem dann vermeintliche „Indianer“ wohnen.
    Dir das Gefühl zu geben, ein Idiot zu sein, war nicht meine Absicht, dir die Luft zum Atmen zu nehmen, war nicht mein Ansinnen.
    Und noch einmal: Nichts wäre mir lieber – das gilt nicht nur für diesen Beitrag – als eine dezidierte Gegenposition

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  • 7. Mai 2020 um 18:07
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    Ihr stellt die richtigen Fragen und eine offene Debatte ohne Unterstellungen, ohne Klischees wäre schön. Ich habe aber nachdem ich viele Beiträge von euch gelesen habe, immer wieder den Eindruck, dass es hier in erster Linie darum geht, die eigene Intellektualität zur Schau zu stellen. Dies gelingt euch, sprachlich ausgefeilt und spitzfindig in der Argumentation, historisch bewandert und theoretisch belesen, aber auch im eigenen Kreise zirkelnd. Ich habe jedenfalls keine Freude an einer Debatte, bei der ich das Gefühl habe, ich muss da als Verliererin rausgehen. Sorry.

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  • 7. Mai 2020 um 18:46
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    Mit Haltung und Kurs meine ich zum Beispiel das Eintreten für soziale Gerechtigkeit, und dann kann man trefflich darüber streiten, was das eigentlich ist, soziale Gerechigkeit. hat man das leidlich abgesteckt, ist die nächste Frage, die nach dem Weg oder auch Kurs dorthin. Statt Seefahrt wähle ich mal den alten Spruch, der einem ja oft entgegengehalten wurde. „Ja, wo kämen wird denn hin, wenn … “ Ja, wo kämen wir denn hin, wenn endlich mal einer losginge, um zu sehen, wo man hinkäme, wenn endlich mal einer losginge. Vielleich mit dem Ergebnis des Scheiterns, oder dem Ankommen an ganz anderer Stelle und einem anderen Ergebnis als geglaubt. Ja, kann passieren.V

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  • 7. Mai 2020 um 19:03
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    Ups, das sollte noch was kommen. Spannender und offener als hie zu kommieren und wieder zu kommentieren, wäre eine Gesprächsrunde, die mal ein paar Dinge hinterfragt. Ohne Scheuklappen, aber ob es dabei ohne Richtung geht? Ich denke schon, dass es einen Punkt braucht, von dem man ausgeht. Ein Beispiel: Wenn ich davon ausgehe, dass das Zeitalter der fossilen Energiegewinnung zu beenden gesetzt ist, um dem Klimawandel zu begegnen, dann kann und muss ich darüber streiten, ob die Elektromobilität mit Batterien der richtige Weg ist oder ob es nicht zum Beispiel ganz andere Formen der Mobilität braucht. Gesetzt ist dabei allerdings das Ziel, den Klimawandel zu stoppen und zwar über den Weg aus fossilen Quellen auszusteigen. ich halte den weg der Elektromobilität so für falsch, und für manche ist es ein Sakrileg, daran zu zweifeln. Und der „edle Wilde“ ist eine Form von Positiv-Rassismus, die ich schräg finde, mit manchen Debatten um Transgender usw. kann ich nix anfangen usw. usw. Diese und ähnliche Dinge zu diskutieren, der Frage nachzugehen, wo man nur noch Reflexe bedient oder liebgewonnenen Glaubenssätzen anhängt, um dazu zu gehören, das fände ich spannend. Aber immer mit dem Ziel, sich (pathetisch formuliert) in der Auseinandersetzung um soziale Gerechtigkeit, Ökologie, Freiheit und Antimilitarismus glaubwürdig und authentisch zu positionieren. Da gäbe es etliches abzuräumen und neu zu denken und eben auch zu diskutieren. Aber wo ist der Ort dafür?

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    • 8. Mai 2020 um 6:29
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      Ma. Wie. bestimmt nicht hier, wie Bi. We. auch schon festgestellt hat.

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  • 8. Mai 2020 um 7:57
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    Schon wenige Monate nach dem Start war klar, dass das Angebot, Herrkules als parteiübergreifende Austauschplattform der Stadtgesellschaft zu nutzen, gescheitert war. Die wenigen Gelsenkirchener Blogger wollten lieber ihren eigenen Blog bedienen, vermutlich aus einer Mischung aus Eitelkeit, Parteidisziplin, Zeitmangel, jedenfalls hat keiner der von mir persönlich angesprochenen begründet, warum er das Konzept ablehnt.

    Manche hatten zu viel Respekt vor den „großen Namen“ (Peter Rose, Dr. Stefan Goch, Dr. Heidemann usw.) manche hatten persönliche Abneigungen gegen den oder die Herausgeber, viele waren schon den Bequemlichkeiten Facebooks verfallen und abhängig vom Belohnungssystem Aufmerksamkeit, Anerkennung und Reichweite.

    Das Rad lässt sich nicht mehr zurück drehen, es gibt Vorder- Hinter- Wohn- und Parteizimmer Salons zu jedem Thema, mit und ohne Livestream, es gibt Dutzende Facebook Gruppen, Nachbarschaftsgruppen, Getwittere, es gibt mit Isso ein ernst zu nehmendes Stadtmagazin, manche Artikel im Stadtspiegel sind viel besser als sein Ruf, kurz: es gibt eher zu viele Austauschmöglichkeiten, als zu wenige. Atomisierung bzw. Dezentralisierung ist das Problem.

    Facebook hat auch viele Vorteile. Durch die gegenseitigen Bestätigungsdialoge erkennt man schneller, wer gerade eine Charmingoffensive macht, weil er für ein öffentliches Amt kandidiert oder welcher Politiker mit welchem Künstler zum Gegenseitigen Vorteil und umgekehrt fraternisiert.

    Das hat alles Schmunzelqualität und wird eigentlich nur noch durch die übertroffen, die gar nichts zu sagen haben, trotzdem aber vom Bürger dafür bezahlt werden, dass sie täglich ein Selfie von sich posten und das dann als Bürgernähe und Stadtmarketing verkaufen.

    HerrKules wird also eine Randnotiz bleiben, er ist zu zäh, zu anarchisch, zu anachronistisch, zu frei, um in eine Seilschaft eingebunden zu werden oder dem ursprünglichen Ziel nahe zu kommen.

    Was dem einen wie schmoren im eigenen Saft / Filterblase / Elfenbeinturm vorkommt, ist dem anderen Freiheit.

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  • 8. Mai 2020 um 8:23
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    @mawie et al
    Heinz Niski hat im Beitrag von heute schon alles Wesentliche gesagt; von mir deshalb nur folgende Ergänzug. Das Dilemma zeigt sich in Mannis letzter Stellungnahme: einen „Raum“ für offene Diskussionen müssen recht eigentlich Parteien organisieren, nicht zuletzt die Grünen, aber auch die Stadtgesellschaft über VHS oder andere Einrichtungen oder eben ein Kreis „frei Schwebender“, so wie es zu Beginn meiner Politisierung der „Republikanische Club“ war. Das bekommt man hier aber wohl nicht mehr hin!
    Und: Manni spricht davon, ohne Scheuklappen zu diskutieren, bringt dann aber das Beispiel der E-Mobilität im Kontext von Klimawandel etc. Überspitzt: Bevor die Debatte über e-Mobilität mit mir beginnt, muss ich in die Klimakirche eintreten.. Das ist mir dann eben das vermaledeite Geländer.

    Mir bleibt trotzdem Camus´ Anspruch: Erwarte nichts und lebe, wie es sich gehört!

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  • 8. Mai 2020 um 19:15
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    Bernd, warst du in der Anti-AKW-Kirche, als die gegen Atomkraft demonstriert hast? Oder, auch überspitzt formuliert: Bist du gerade in der Kirche ohne Geländer? Mit Zutrittsverbot für Andersdenkende? Oder gar eine Kirche der Beliebkeiten, weil ja irgendwie alles geht, bedingslos alles gedacht werden kann oder gar muss?
    Bin ich in der Klimakirche, weil ich die Argumente, dass es einen von Menschen gemachten Klimawandel gibt, teile? Dann bin ich ein sündiges Mitglied, weil ich zwar Naturstrom beziehe, aber weiterhin Auto fahre. Oder kommt es auf die Ausrichtung meiner Klimakirche an, und ich habe Glück, weil ich mich in einer Kirche wähne, die nicht ganz so strenggläubig ist? Oder muss ich morgen die Klimakirche verlassen, weil ich den Frevel des Autofahrens begehe und mich ein rechtgläubiger Mensch dafür an den pranger stellt? Muss ich morgen mit jemanden diskutieren, der sagt, in Auschwitz wurden keine Menschen vergast? Darf ich dem sagen: „Leck mich!“ Oder suche ich damit schon nach einem Geländer? Was, wenn ich differenziere und sage, völlig subjektiv, mit dem Menschen sollte ich die Diskussion versuchen? Doch halt, ich würde wohl versuchen wollen, ihm zu verdeutlichen, dass in Auschwitz Menschen vergast wurden und dass es ein Verbrechen war, das zu tun. Nein, dass soll jetzt nicht die Faschismuskeule sein. Das Beispiel Stalin, Pol Pot oder sonstwer ginge auch. Die haben doch nie Massenmorde begangen, es finden sich wohl genügend, die es so sehen oder es rechtfertigen.
    Einen „Republikanischen Club“, ohne ihne aus eigenem Erleben zu kennen, fände ich hochinteressant. Aber auch da gabe es doch bestimmt Regeln des Diskutierens. Nehme ich jedenfalls an.

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  • 8. Mai 2020 um 19:40
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    tut mir leid , manni, so tief kann ich nicht schießen!

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    • 9. Mai 2020 um 5:32
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      Verstehe ich nicht. Ich hatte gehofft, Interesse an einem Dialog deutlich gemacht zu haben. Es ist mir offensichtlich nicht gelungen, und ich gebe auf.

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  • 9. Mai 2020 um 9:34
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    Da einerseits der Adressat abhanden gekommen ist, ich andererseits lernen durfte, dass man sich in den sozialen Medien nicht unaufgefordert an Diskussionen beteiligt, diese Gedanken nur als Fingerübung für mich, mit der Bitte an zufällige Leser, diese Zeilen zu ignorieren.

    Es gibt eine Menge rote Linien, deren Übertretung mit sozialer Ächtung geahndet werden. Wer z.B. die #metoo Bewegung verlogen findet, das Weinstein Urteil skandalös, ist raus. Wer bestimmte ausgelebte kulturelle Eigenarten nicht als Bereicherung der Stadtgesellschaft, sondern als eine Verarmung und Erschwernis eines guten Zusammenlebens, ist raus.

    Wer die Flüchtlingspolitik mangelhaft bzw. konzeptionslos findet, ist raus. Wer Haltelinien gegen die Armutszuwanderung ziehen will, ist raus. Wer Inklusionsschulpolitik gescheitert hält, ist raus. Usw. usw. – Du bist dann wahlweise Rassist, Faschist, AfD Wähler, Identitärer etc.

    Wer sich nicht an die Gender- und Euphemismus Sprachregelung hält, ist raus.

    Wer Phrasendrescherei als solche benennt, ist raus….

    Und jetzt gehe ich erst mal raus auf die Terasse und schiesse den dort kackenden Tauben mit dem Blasrohr ein paar Erbsen auf den Pöter.

    https://youtu.be/B2PH3hXSA0Y

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  • 9. Mai 2020 um 11:03
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    Eine letzte Anmerkung, und dann bin ich wirklich raus. Ich sehe viele der roten Linien für mich in der Diskussion nicht. da werden Themen angesprochen, die unbedingt zu thematisieren sind. Wogegen ich mich gewandt habe, ist dieser Absolutheitsanspruch ohne Geländer, oder anders formuliert ohne Haltung (weil ja Geländer) unterwegs zu sein. Da habe ich ein drastisches Beispiel gewählt, um zu verdeutlichen, dass es meines Erachtens Themen gibt, bei denen „Haltung“ unabdingbar nötig ist, ohne jemanden auch nur in die Nähe von Holocaust-Leugnung oder sonstwas rücken zu wollen, ohne irgendjemanden wegen was auch immer angehen zu wollen. Habe ich offenbar nicht hinbekommen.

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  • 9. Mai 2020 um 11:06
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    oh.. das war nicht auf dich bezogen, sorry für das Missverständnis, im Gegenteil, ich halte dich da für unabhängig genug, auch diese Themen aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

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