Ihr frechen Blagen oder Mutti schimpft

Ich erinnere noch Familienfeiern in den frühen 60er Jahren, zumeist Geburtstage, an denen wir mit Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins  um Wohnzimmertische hockten und aßen, tranken und erzählten. Nach dem Kaffeetrinken und vor dem Abendbrot  bildeten sich zumeist zwei Grüppchen – nach Geschlechtern sortiert. In der einen Ecke die Männer, in der anderen die Frauen. In der einen Ecke stieg der Zigarettenqualm auf und wurde das erste Pils geschluckt, in der anderen Ecke gab es noch eine dritte Tasse Kaffee und auch schon mal ein Likörchen.

In der Männerecke kam dann häufig und auf manchmal sehr verschlungenen Wegen das Thema „Krieg“ auf. Die eine oder andere Erfahrung aus Front und Gefangenschaft, zumeist anekdotisch aufbereitet, kam auf den Tisch, bis, ja bis aus der Frauenecke  der energische Ruf kam „ Jetzt macht endlich Schluss damit, wir wollen davon nichts mehr  hören.“ Dieser Ablauf von Feiern, Gesprächen und dem Ende von Gesprächen wiederholte sich häufig  – und kam mir jetzt wieder in Erinnerung!

Wie die Frauen bei diesen Feiern das Ende des Themas „Krieg“ einforderten, so forderte unsere Kanzlerin jetzt  das Ende der Lockerungs-Debatte ein. Sie benutzte gar den Begriff „Diskussions-Orgien“, um die Debatten über unterschiedliche Lockerungsstrategien zu denunzieren, denn der (aus dem Altgriechischen kommende)  Begriff Orgie, ursprünglich im Zusammenhang mit dem Dionysus-Kult stehend, ist negativ konnotiert und weist auf einen Verstoß gegen die Sitten hin (Fress-Orgie, Sex-Orgie).

Angela Merkel verdeutlicht mit der Verwendung dieser Begrifflichkeit ein seltsames, letztlich antidemokratisches Demokratieverständnis. Denn wir bewegen uns mit diesen Debatten nicht in einem privaten Raum, einer familiären Corona-Feier, sondern auf dem Platz des öffentlichen Meinungsaustausches in einer Demokratie, zu deren DNA  die Kontroverse, die Debatte über unterschiedliche Standpunkte, der Austausch von und der Streit über verschiedenen Positionen unabdingbar gehört – auch und gerade in Krisenzeiten!

Man kann darüber spekulieren, ob die Kanzlerin, die Entscheidungen auch gerne mal als „alternativlos“ bezeichnet, hier eine Seite offenbart, die stark von ihrer DDR-Sozialisation und ihrer Tätigkeit als FDJ-Funktionärin geprägt ist. Man kann auch sagen, dass die Formulierung nichts anderes ist als ein umgangssprachliches Synonym für die These, eine Krise sei immer die „Stunde der Exekutive“, was nichts anderes meint als den Bedeutungsverlust des Parlamentes – eine Entwicklung, die wir in den letzten Wochen in rasantem Tempo vor Augen geführt bekommen haben.

Deutlich wird aber vor allem, dass wir, also der Souverän, aus der Sicht Merkels nichts anderes sind als vorlaute Blagen, die nun aber endlich mal den Mund halten sollen, weil Mutti Ruhe haben will.

Schaut man sich Merkels Verlautbarungen der letzten Wochen an, so ist diese Haltung immer wieder aufgeschienen. Ihre Reden waren stets gekennzeichnet durch ihr syntaktisches und semantisches Stolpern, durch ein Mixtum kompositum aus Banalitäten und Lob und Tadel, Verlautbarungsformeln, Floskeln und offenen sowie verdeckten Imperativen – vor allem aber dadurch, dass sie uns immer wieder einzutrichtern versuchte, dass ihre Handlungsweise ohne Alternative sei!

Was wir serviert bekommen haben, war, um es mit Worten Heinrich Heines aus „Deutschland – ein Wintermärchen“  zu sagen, das Merkelsche Eiapopeia, das Entsagungslied, das den großen Lümmel, das Volk, einlullen soll.

Bleibt zu hoffen, dass die Politiker und Publizisten, die die Debatte antreiben, sich nicht den Mund verbieten lassen!

Vor allem aber: Es bleibt zu hoffen, dass der Lümmel endlich aufwacht!

 

Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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