„Schwarze darf man nicht mehr sagen, das ist negerfeindlich.“ (Rolf Miller*)

Ja, natürlich, es sollen keine  Vorurteile provoziert werden, deshalb wird eben nicht immer alles gesagt. Jedenfalls dann nicht, wenn es um einen Täter nicht-deutscher Herkunft geht. Übrigens auch nicht nach der leichten Veränderung von Ziffer 12.1 des Pressekodex im März 2017. Hieß es dort früher, die Herkunft des Täters solle nur dann genannt werden, wenn ein begründbarer Sachbezug besteht, so heißt es in der neuen Fassung, es ist

„ (…)bei der Berichterstattung über Straftaten darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse.

(Veränderungen: nur dann – in der Regel nicht/begründbarer Sachbezug-öffentliches Interesse)

Diese Veränderung, letztlich eine Konsequenz aus den sexuellen Übergriffen auf Frauen auf der Domplatte in der Kölner Silvesternacht 2015/16, erweitert den Spielraum der Redaktionen zwar ein wenig , öffnet aber zugleich immer noch das Tor zu nichtssagendem Geschwurbel.

So ist in dem Zusammenhang mit dem Mord in Voerde etwa in der WAZ vom 30.7.2019 (Text auf der Seite Panorama/ Überschrift: Horrorangriff im Frankfurter Bahnhof) von einem 28-jährigen Mann aus Hamminkeln die Rede, der hochaggressiv und polizeibekannt gewesen sei und bei dem sich Kokain im Blut habe nachweisen lassen, allerdings nicht für den unmittelbaren Zeitpunkt der Tat (!!!).

Dass es sich bei dem Täter nach anderen Quellen, u.a. der Polizei,  um einen Serben kosovarischer Abstammung handelt **, der 9 Kinder hat, Jackson B. heißt und erst seit einem Jahr in Hamminkeln lebt, bleibt in der WAZ unerwähnt. Er wird dort zu einem schlichten Hamminkelner Bürger.

In demselben WAZ-Artikel wird im Zusammenhang mit dem Mord im Frankfurter Bahnhof die Herkunft des Täters aber genannt: es handelt sich, so die WAZ, um einen in der Schweiz lebenden Mann  „(…) aus dem ostafrikanischen Eritrea.“ Zwei, von der schrecklichen Sache her gesehen, identische Fälle, zwei verschiedene Umgangsweisen mit der Herkunft des Täters. Warum ist das so?

Welche Informationen könnten in dem einen Fall (Voerde) zur Diskriminierung einer ganzen Gruppe beitragen – in dem anderen Fall (Frankfurt) aber nicht, weil sie von „öffentlichem Interesse“ sind? Warum wird der Täter aus Voerde nicht von seiner Herkunft her deutlich benannt (Serbe aus dem Kosovo?) und die Herkunft des anderen nicht ebenso beredt verschwiegen (…ein Bürger der Schweiz)?

Warum wird bei dem einen Täter die Betonung auf die Bekanntheit bei der Polizei und den Drogenkonsum gelegt, wogegen bei dem anderen die „Flüchtlingskarte“ ausgespielt wird und gleich eine Erklärung mit Exkulpierungsfunktion mitgeliefert wird, wenn die WAZ einen „Experten“  zitiert, der glaubt, dass die Herkunft des Täters aus  „(.…) einem ehemaligen Bürgerkriegsland eine Rolle gespielt haben könnte“.  Und er weiter sagt: „Flüchtlinge leiden manchmal unter Wahnvorstellungen, die auf Kriegserlebnisse in ihren Heimatländern zurückzuführen sind. Diese Wahnvorstellung können sich aus heiterem Himmel Bahn brechen.“

Sehen wir einmal von der unsensiblen Metaphorik  im Kontext mit der Tat, dem sommerlichen Tag und dem Tatort  ab (heiterer Himmel, Bahn brechen), bleibt doch nichts anderes übrig als ein fahler Geschmack bei all den Spekulationen (könnte eine Rolle gespielt haben, leiden manchmal, können sich…) dieser Ferndiagnose, denn der Experte hatte ja wohl nicht die Gelegenheit zu einer Exploration des Täters.

Als (vorsichtige) Erklärung nur dies: Die Redaktionen sind vielleicht in einer Falle gefangen, die sie sich selbst gestellt haben, dem Pressekodex in Punkt 12.1.  Man will keinen Anlass geben zu „rechter“, „populistischer“, „nazistischer“ etc. Hetze oder dem, was man darunter in den Redaktionsstuben versteht, und verschweigt die Herkunft des Täters (Voerde)  oder liefert gleich wohlfeile Erklärungsmuster mit (Frankfurt), die gedanklich ein Feuer austreten sollen, bevor es richtig entflammt ist! Bei diesem Versuch entsteht aber Rauch, nämlich der Rauch des Misstrauens. Der sich zu dicken Qualmwolken eines Glaubwürdigkeitsverlustes verdichtet.

Vielleicht sollte man deshalb  „der Öffentlichkeit“ die Möglichkeit einräumen, darüber zu entscheiden, was von „öffentlichem  Interesse“ ist!

*Das Zitat von Rolf Miller bzw. seiner Bühnen-Figur findet sich hier: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/kabarettist-rolf-miller-die-neue-kunst-des-nicht-fertig-redens-16294989.html

**Hinweis: der Begriff Kosovare wird uneinheitlich verwendet:  teilweise umfasst er, als geographische Bezeichnung, alle Bewohner des Kosovo, egal von welcher ethnischen oder kulturell-religiösen Zugehörigkeit sie sind, andererseits werden darunter häufig die Kosovo-Albaner gefasst.

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

12 Gedanken zu „„Schwarze darf man nicht mehr sagen, das ist negerfeindlich.“ (Rolf Miller*)

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    30. Juli 2019 um 18:04
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    An zwei wichtigen Aspekten schreibt Herr Matzkowski vorbei:

    1. auffällig ist die Wortverwendung bei den Taten selbst: in einigen Presseorganen wird davon gesprochen, die Täter hätten ihre Opfer „gestoßen“, in anderen heißt es dagegen, die Opfer seien „geschubst“ worden. Auch wenn es eine sprachliche Nähe der Begriffe gibt, so empfinden wir im Alltag einen Stoß doch als gewalttätiger als einen Schubser. Der Begriff „schubsen“ erweckt eher den Eindruck einer leichteren, nahezu zufälligen Berührung, der Begriff „stoßen“ klingt nach einer kräftigeren, gewaltigeren bzw. gewalttätigeren Form des aktiven Handelns – man stößt jemanden in den Abgrund, stößt ihn einen Felsen hinab, wie man auch eine Messerklinge in einen Körper stößt. Das „Schubsen“ kann auch unfreiwillig geschehen, in der drangvollen Enge einer Straßenbahn etwa.

    2. wo fängt (sprachliche) Diskriminierung an? Sind heutzutage, in Zeiten der gegenderten Sprache, nicht schon die Bezeichungen Täter und Mann unangemessen, weil diskriminierend? Müssten nicht die vordergründige geschlechtliche Zuordnung (Mann als soziales Konstrukt!!) und die davon abgeleitete „Täterschaft“ aus den Artikeln entfernt und gegen gendergerechte Begriffe ausgetauscht werden? Z.B. durch Begriffe wie Stoßend*x oder Täte* x?

    Diese Fragestellung scheint aber bei den Herren (!!) von Herr (!!)Kules kein Thema zu sein!?
    Dabei gilt hier doch erst recht : Knapp daneben ist auch vorbei!

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    30. Juli 2019 um 20:47
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    kaputt haun die Sau die einen angestubst hat – frei nach Ruthe – und dat gilt für alle Arschlöcher – als Mutter täte ich Geld in die Hand nehmen für Insassen vom Gefängnis als Erfüllungsgehilfe, aber auch dat war schon immer so: kein pardon

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    30. Juli 2019 um 21:10
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    Ich denke Herr M. nutzt die Stilmittel der Identitären, um hinter viel „objektiben“ Wortgeklingel Stimmung gegen Migranten zu machen.

    Ich zitiere die Volksverpetzer Zitat: Arschlöcher, die solche Taten verüben und Arschlöcher, die das instrumentalisieren. Schrecklich! Können wir nicht erst einmal in Ruhe dieser tragischen Tat gedenken und die Polizei erst einmal ihre Arbeit machen lassen? 😢 Zitat Ende.

    Wenn eine Frau und ihr Kind vor einen fahrenden Zug gestoßen werden und das Erste, was du tust, ist zu fragen, welche Nationalität der Täter hat, dann bist du leider auch nur ein empathieloses Arschloch.

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    30. Juli 2019 um 22:25
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    Sprachkritik ist ein spannendes Feld. Ebenso mit Sprache transportierte Vorurteile und Ressentiments, von denen sich ja auch die Schreibenden nicht freimachen können.
    Es waren Morde! Sinnlose Verbrechen. Egal, welche Hautfarbe oder Herkunft ein Mensch hat. Und es ist schon schlimm, wenn angesichts der zunehmenden Hetze die Medien so herumeiern.
    (Ergänzend ließe sich bei dem Täter von Voerde ja wegen Name und Herkunft auch noch über Roma-Abstammung spekulieren.)
    Ich kann mich zusammenfassend eigentlich nur dem Aufruf des Bündnisses „Essen stellt sich quer“ anschließen.
    Denken wir an die Opfer und teilen den Angehörigen unser Mitgefühl mit. Für Instrumentalisierung von Toten ist angesichts des Schmerzes kein Platz.

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  • Heinz Niski
    31. Juli 2019 um 7:17
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    Ich habe noch gelernt, dass die W-Fragen (Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum?) Bestandteil eines Artikels sein müssen, um zu informieren und dem Leser Schlussfolgerungen zu ermöglichen und die Information in einen Gesamtzusammenhang stellen zu können.

    Wenn ein Artikel bewusst Milieuschilderungen (soziale, kulturelle, ethnische, politische, sexuelle, nationale Hintergründe etc.) mit der Begründung auslässt, dass ich als Leser sonst Vorurteile verfestigen würde, weiß ich, was mir intellektuell zugetraut wird (nichts) und wie meine Medienkompetenz eingeschätzt wird.

    Wenn mir erklärt wird, dass ich einen Mord nicht zu verstehen, ergründen, sondern zu akzeptieren hätte, fühle ich mich aus dem Zeitalter der Aufklärung in eine feudale Ständegesellschaft zurück versetzt.

    Wenn ich lese, dass nun niemand die Tat für seine Zwecke instrumentalisieren dürfe, weiß ich, dass zwischen „guten“ und „schlechten“ Ängsten unterschieden wird, zwischen „guter“ und „schlechter“ Empathie, zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Mitgefühl.
    Einmal mehr zeigt sich an Form und Inhalt der Auseinandersetzung mit diesem tragischen Geschehen die Infantilisierung der Gesellschaft und der Terror der Gefühligkeit der Selbstgerechten.
    Zeit Angst zu haben.

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  • Heinz Niski
    31. Juli 2019 um 7:34
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    Der Kriminologe Pfeiffer hat soeben auf Radio WDR5 statt den Opfern sein Mitgefühl auszusprechen, darüber spekuliert, ob der eriträische Hintergrund des Täters eine Rolle gespielt haben könnte. So wäre ein Zusammenhang zwischen den Schüssen vor einigen Tagen auf einen Eriträer und der Tat in Frankfurt durchaus als Rachetat denkbar.

    Ist Herr Pfeiffer nun ein empathieloser Rassist?

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      31. Juli 2019 um 10:56
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      https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/aktuelle-stunde/video-studiogespraech-mit-kriminologe-christian-pfeiffer-100.html
      Studiogespräch mit Kriminologe Christian Pfeiffer

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        31. Juli 2019 um 11:15
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        Es könnte ein fremdenfeindliches Motiv in Betracht zu ziehen sein…
        https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-07/hessen-eritreer-schuesse-verletzter-toter-rassismus-ermittlungen

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    31. Juli 2019 um 8:01
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    MATZNI = hinterlistiges wortverdrehendes Otterngezücht ohne Anstand und Moral. Einfach ignorieren.

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    31. Juli 2019 um 10:03
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    Herr Pfeiffer ist ein ganz kluger Kriminologe, der immer wieder versucht, den Blick auf Fakten und Relationen zu lenken.
    Allerdings ist der Gedanke mit der „Infantilisierung“ der Menschen durch die Medien ein treffender. Dies ist ja schon seit vielen Jahren in den USA zu beobachten. Erfahrungsgemäß kommen die dortigen Entwicklungen auch in Europa wieder an.

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    • Heinz Niski
      31. Juli 2019 um 11:04
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      Aber Herr Pfeiffer hält sich nicht an deinen Verhaltenskodex, erst einmal eine angemessene Trauerphase einzulegen. Statt eine Woche, einen Monat, ein Jahr zu trauern, fängt er praktisch sofort an, nach Ursachen und Gründen zu suchen. Das ist doch hartherzig, hartleibig, empathielos und eindeutig ein Indiz, dass er etwas funktionalisiert.

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        31. Juli 2019 um 11:08
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        ich nehme an, er ist gefragt worden. Und: ich stelle hier keine Kodizes auf. Wir haben hierzulande mit dem Grundgesetz eine gute Basis.

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