Kunstführer Gelsenkirchen – Epitaph

Dem schwelenden Politikum der von Hubert Nietsch  gestalteten Stele mit Schwert auf dem Gelände des ehemaligen Schalker Vereins, setzte Hraven Tersgelund 2018 eine drei Meter große Stahlskulptur namens „Epitaph“ als materiell erfahrbares Statement gegenüber.

Damit griff er den Wunsch vieler Bürger auf, den virtuellen, ohne gesellschaftlichen Diskurs geführten, teilweise unter hohem Kostenaufwand betriebenen Umwidmungen des Nazi Denkmals, eine alternative Deutungsmöglichkeit, statt der bloßen Bilderstürmerei anzubieten.

Während die Mehrheitsmeinung der Bedeutungswandlung des einen Opfertod heroisierenden nationalsozialistischen Denkmals für im ersten Weltkrieg gefallene Werksangehörige, über einen Ort der stillen Trauer beider Weltkriege, dann zum Mahnmal der Gewaltgeschichte des 20.Jahrhunderts und schließlich zum Zeichen des Wandels der Erinnerungskultur folgte, gab es Protestaktionen und Farbbeutelanschläge anderer Bürger.

In diesem Kontext sieht Tersgelund seine Arbeit, die Schrecken und Grauen des Krieges thematisiert, die Ambivalenz von Täter und Opfer aufzeigt und durch die Wahl des Materials, der Schalker Verein war verbunden mit der Produktion von Stahl für Geschützrohre, Bezüge zum Ort und zur Geschichte verdeutlicht. Die Form der Figur erinnert an das im ersten Weltkrieg mit Stacheldraht blockierte „Niemandsland“ des Grabenkrieges und kann gleichwohl auch als Metapher unser aller eingezäunten Denkens gesehen werden. Offen bleibt, ob die Darstellung Entsetzen abwehrt oder selber verübt. Die im Kopfbereich stilisierte embryonale Figur mag wie durch einen Käfig geschützt oder aber auch gefangen sein, einerseits ein Hinweis auf die Wahrheit, die immer das erste Opfer des Krieges ist, andererseits Sinnbild der Sehnsucht der Menschen, in ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu verharren.

Kaum ein anderer Ort in Gelsenkirchen ist so eng verbunden mit dem dunklen Teil der Geschichte Gelsenkirchens, wie das Gelände des Schalker Vereins. Hier wurde die Grundlage gelegt, um Maschinen für die industrielle Tötung herzustellen. In Sichtweite liegt ein jüdischer Friedhof und die Rampen, über die Juden in die Vernichtungslager transportiert wurden. Auf dem Gelände starben viele russische Zwangsarbeiter, die während der Bombenangriffe des 2ten Weltkrieges keine Schutzräume aufsuchen durften. Um das Werk herum wurden viele Wohnhäuser durch Bomben zerstört, starben viele Menschen.

Dem ideologisch aufgeladenem Denkmal von Nietsch, stellt Tersgelund ein eindrucksvolles Antidot gegenüber.

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Heinz Niski

Heinz Niski

Handwerker, Rentner,

Ein Gedanke zu „Kunstführer Gelsenkirchen – Epitaph

  • Reimar Menne
    11. November 2018 um 15:13
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    Irrlichternd, fragil, mit überproportionalen, Nichtbegreifen und Fassungslosigkeit abwehrenden Händen, von menschlicher Form soweit abweichend, dass Mitfühlenwollen und Sich-sträuben sich abwechseln wollen. So kann das Denkenfühlen einen gerade noch erträglichen Grad von Kompliziertheit und Komplexität sehen und reflektieren. Ein Kontrapunkt zu pointierten und überspitzt selbstgewissen Meinungsäußerungen an anderer Stelle, wie sie den Diskurs sonst zu bestimmen scheinen.

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